Früher retteten die Grünen Frösche, heute eben den Kanzler. Harald Schmidt

Mehr als Popcorn

Auch wenn politisches Kino wie Argo nicht immer der Wirklichkeit entspricht; als normales Popcorn-Kino sollte man es dennoch nicht abtun. Eine kritische Gesellschaft braucht mehr, nicht weniger, Politisches auf der Leinwand.

Politisches Kino mag seine Mängel haben; angesichts der Alternativen, wie zum Beispiel Superheldenfilme, schmalzige Romantikkomödien oder sinnloser Actionklamauk, kann man sich aber eigentlich nur wünschen, dass noch mehr Politisches auf der Leinwand behandelt wird. Politisches Kino frischt nicht nur unser Geschichtswissen auf, es fördert auch den Austausch von Erkenntnissen und Meinungen, die weit über das Filmische hinaus gehen. Sie haben das Potenzial, eine kritische Gesellschaftskultur aufzubauen und Debatten zu befeuern.

Zu dieser Gesellschaftskultur gehört jedoch auch die Erkenntnis, dass man Filme wie „Argo“ nicht zu ernst nehmen sollte. Das Anfangsgeständnis von „Argo“, dass die Hilfe der CIA beim Sturz von Mohammed Mossadegh eine langjährige Wut auf die Amerikaner im Iran hinterließ, ist sicherlich lobenswert. Der Rest des Films beruht jedoch auf eher fraglichen historischen Fakten und gipfelt in einem vorhersehbar dramatischen Happy End. Wenigstens kann man heutzutage schnell im Netz nachschauen, was man vorher schon vermutet hat: Erstens, der Wagemut der Amerikaner im Film geht sehr auf Kosten der wahren Helden; Kanada und weitere Alliierte Amerikas. Zweitens, der heimliche Held des Films, Studioboss Lester Siegel, entstammt komplett Afflecks Fantasie. „Argo“ ist ein Feel Good Movie, der sowohl Amerikas Bedarf an patriotischem Fahnengeschwenke als auch Hollywoods Bedarf an Eigenwerbung verbildlicht.

Geschichtliche Halbwahrheiten

Der Film liefert uns eine geschichtliche Halbwahrheit; ein kleiner Freudenmoment des Jahres, in dem die Geiselnahme in Teheran Jimmy Carter aus dem Amt stieß und Ronald Reagan ins Weiße Haus einzog. „Zero Dark Thirty“ nimmt sich mit 9/11 Amerikas großem Trauma des 21sten Jahrhunderts und dessen Konsequenzen an. Die wiederholte Darstellung der Folter, die die CIA anwendet, um Bin Laden ausfindig zu machen, ist sicherlich gewagt und kontrovers. Obschon der Film grundsätzlich nicht die Position vertritt, dass Folter zum Ergreifen Bin Ladens führte, lassen uns die Folterszenen, in Kombination mit dem traditionellen Hollywood-Narrativ, an einen kausalen Zusammenhang glauben: Folter über Folter bis Bin Laden schlussendlich gefasst wird. Die Folterszenen, vielleicht sogar der Film an sich, bleiben deshalb sehr mehrdeutig und debattierbar. Doch ist nicht gerade diese Ambivalenz, dieses „Entweder-oder“, eine der Stärken Hollywoods? Genauso schnell wie die Debatte zu den moralischen, ethischen und pragmatischen Dimensionen der Folterszenen losging, verschwand sie aber auch wieder von der Bühne.

Wie man schnell auf Wikipedia nachlesen kann, widerte der Film, wegen der gezeigten Folter, Senator John McCain an, da dieser sich komplett gegen Folter stellt. Nicht jeder teilt diese Auffassung. Viele US-Politiker haben anscheinend vergessen, dass die amerikanische Verfassung grausame Bestrafungsmethoden verbietet und Folter ein Kriegsverbrechen ist. McCain, der während des Vietnamkriegs in Kriegsgefangenschaft geriet, sagte vor dem US-Senat aus, dass die gezeigten „verschärften Verhörmethoden“ nicht zu Bin Ladens Kurier führten, sondern nur zu falschen und irreführenden Informationen.

Mehrdeutige Folter

„Zero Dark Thirty“-Regisseurin Kathryn Bigelow behauptet, ihr Film „hinterfrage die Maßnahmen der US Regierung, um Bin Laden zu finden“. Man zeigt uns zwar, was alles unternommen wurde; die Hinterfragung dieser Methoden ist jedoch weniger offensichtlich. Es wäre in dieser Hinsicht nützlich, den Film im Doppelprogramm mit Laura Poitras’ „The Oath“ aus dem Jahr 2010 zu zeigen. Der Dokumentarfilm zeigt die Geschichte von Bin Ladens ehemaligem Leibwächter Abu Jandal. Aus Entsetzen über den elften September und die unschuldigen Menschen, die dadurch umkamen, lieferte Jandal, der damals noch im Jemen im Gefängnis saß, der CIA freiwillig eine wahre Fundgrube an Informationen. Die Afghanistan-Intervention wurde sogar um ein paar Wochen verschoben, weil man das ergiebige Verhör erst abwarten wollte.

Alex Gibneys oscargekrönter Dokumentarfilm „Taxi zur Hölle“ sowie Errol Morris’ „Standard Operating Procedure“ sind zwei weitere Filme, die das Hinterfragen von „Zero Dark Thirty“ fördern können. Beide Filme floppten jedoch an den Kinokassen. „Taxi zur Hölle“ schildert den Leidensweg eines unschuldigen afghanischen Taxifahrers, der in extralegaler Haft von amerikanischen Soldaten zu Tode gefoltert wurde. „Standard Operating Procedure“ untersucht den Zwischenfall, der die geläufige Folterpraxis nach 9/11 enthüllte und fortan symbolisierte: Die berüchtigten Bilder aus dem Abu-Ghuraib-Gefängnis.

Vielleicht liegt die Kraft von „Zero Dark Thirty“ gerade darin, dass ein flüchtiger Blick auf die Wikipedia-Seite des Films nicht dessen Hauptfragen beantworten kann. Heiligt der Zweck die Mittel? Und, noch wichtiger, was wären die Alternativen gewesen? Die Art und Weise, wie der Film die Fahndung und triumphale Ermordung des Erzrivalen Bin Ladens schildert, ist sehr mehrdeutig. Man könnte sogar von einem leichten feministischen Touch im Film reden, da es eine Frau ist, die andere Mittel wie die Folter wählt, um Bin Laden dingfest zu machen.

Ich will weder „Argo“ noch „Zero Dark Thirty“ befürworten oder gutheißen – obwohl Letzterer ein Meisterwerk des modernen Kinos ist. Trotzdem, ohne politische Filme wären Kinowelt und Öffentlichkeit deutlich ärmer dran. Kritiker sollten sich deshalb hüten, diese Filme als bloße Unterhaltung abzutun. Natürlich brauchen Hollywood-Filme ein aktives und skeptisches Publikum – und Kritiker, die ein solches fördern. Der Erfolg beider Filme bestätigt, dass sie sich Themen annehmen, die in den Ängsten und Sorgen des Publikums ihren Nachhall finden. Das sollte man nicht einfach von der Hand weisen. Obschon all dies in Hollywood am stärksten zum Vorschein kommt, ist der Bedarf an dynamischen, vielleicht sogar zynischen, Zuschauern nicht auf Amerika begrenzt.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Groß, Terry Christensen, Guy Westwell.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Propaganda, Film, Kino

Debatte

Filmförderung

Medium_697ede495a

Aber bitte mit „Haltung“!

Bei allen Filmförderfonds in Deutschland beschäftigt mich die Frage, warum die Qualität deutscher Filme eher mäßig ist. Gerade hier ist der Grund zu suchen, warum der deutsche Film so ist, wie er i... weiterlesen

Medium_b166e0eb31
von Hans-Martin Esser
04.04.2016

Gespräch

Medium_47706c6957

Gespräch

Medium_f453aaf968
meistgelesen / meistkommentiert