Die Wissenschaft kann das Universum erklären, ohne dass es eines Schöpfers bedarf. Stephen Hawking

„Obama muss mehr für uns Schwule tun“

„Log Cabin Republikaner“ (LCR) nennt sich die Vereinigung von mehr als 30.000 homosexuellen Mitgliedern der Republikanischen Partei in den USA. Mit Präsident Barack Obama geht der LCR-Vorsitzende Charles T. Moran hart ins Gericht.

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The European: Die große Mehrheit der Homosexuellen in den USA wählt die Demokraten. Den Republikanern trauen sie nicht zu, dass sie sich für ihre Belange einsetzen.
Moran: Ein Fehler! Präsident Obama hat im Wahlkampf an das Gewissen der Schwulen-Gemeinde appelliert und versucht ihnen einzureden, sie hätten die Pflicht, die Demokraten zu wählen. Dabei war die Position der Präsidentschaftskandidaten Barack Obama, Hillary Clinton und John McCain zur gleichgeschlechtlichen Ehe identisch: Alle waren dagegen. Alle drei haben die Ablehnung mit ihrer religiösen Überzeugung begründet. Deren Haltung muss ich akzeptieren, auch wenn ich anderer Meinung bin.

Dennoch: Präsident Obama muss endlich seine Haltung gegen die Gleichstellung von Hetero- und Homosexuellen aufgeben!

The European: Sie sagen also, die Demokraten haben sich für die Schwulen-Gemeinde als Mogelpackung entpuppt?
Moran: Genau! Dick Cheney kämpft mehr für die Rechte der Schwulen als Präsident Obama! Der Exvizepräsident hat sich für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen. Das ist ihm ein persönliches Anliegen, denn seine Tochter ist lesbisch. Und so geht es vielen in der Republikanischen Partei: Fast jeder kennt jemanden im Freundeskreis, der schwul ist. Unsere Partei braucht auf diesem Gebiet vielleicht etwas länger, aber zurzeit könnten wir auf diesem Gebiet politisch sogar am meisten durchsetzen.

The European: Die Republikaner haben die Demokraten im Kampf um die Rechte für Schwule überholt?
Moran: Die Demokraten haben das Thema der Gleichberechtigung völlig fallen gelassen. Der Stabschef des Weißen Hauses, Rahm Emmanuel, hat die Parole ausgegeben, sich nicht mit den Themen der Schwulen zu beschäftigen. Doch die Ausrede, es gebe zurzeit wichtigere Themen als die der Schwulen, dürfen wir den Demokraten nicht durchgehen lassen.

The European: Aber Präsident Obama hat doch bereits die Gleichstellung der Bezüge der Beamten auch für gleichgeschlechtliche Partner durchgesetzt …
Moran: Sein Versprechen, das Militär für Homosexuelle zu öffnen, hat er dafür gebrochen! Und das in einer Zeit, wo wir viele aus unserer Militärelite verlieren, weil sie sich als schwul outen. Sie wurden für viel Geld ausgebildet, haben unser Land ehrenwert verteidigt und werden nun gezwungen, das Militär zu verlassen. Kein anderes westliches Land hat so eine Ungleichberechtigung im Militär.

Bei Obama ist alles nur Show. Während der Gay-Pride-Woche hat Barack Obama im Weißen Haus eine Party veranstaltet und Musik aufgelegt. Hier meine Botschaft dazu an den Präsidenten: Wenn Sie glauben, Sie können mit Madonna von Ihren Wahlkampfversprechen ablenken, haben Sie sich geirrt! Sie müssen schon mehr für uns Schwule tun, als eine Madonna-CD aufzulegen!

The European: Wenn der Präsident Ihrer Meinung nach nicht für die Rechte der Schwulen kämpft, wie kommen Sie mit Ihren Forderungen voran?
Moran: Die Schwulenbewegung in den USA hat in den vergangenen Jahren viel mehr erreicht, als wir erwartet hatten. Erst wurde in Iowa die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert, dann in Connecticut und Maine, schließlich in New Hampshire und Vermont. In Kalifornien war die Freude leider nur von kurzer Dauer. Das Schwierigste waren diese ersten Bundesstaaten. Das war der Durchbruch. In fünf Jahren kommen vielleicht weitere fünf Bundesstaaten dazu.

Bisher erkennt Kansas eine in Vermont geschlossene Heirat zwischen zwei Männern nicht an. Daher warte ich auf den Tag, an dem mehr als zehn Bundesstaaten die Schwulen-Ehe erlauben. Dann wird der Druck größer und es muss neu auf die Verfassung geschaut werden. Und hoffentlich kann dann der schwulenfeindliche “Defense of Marriage Act” abgeschafft werden. Den hat übrigens der Demokrat Bill Clinton als Präsident unterzeichnet.

The European: Und mit einem republikanischen Präsidenten nach Obama wäre das durchsetzbar?
Moran: Ich glaube fest daran. Vor zehn Jahren wäre das noch ein Tabu in der Republikanischen Partei gewesen. Aber die Zeiten ändern sich. Beim Bundesparteitag der Log-Cabin-Republikaner war Steve Schmidt Hauptredner, der ehemalige Wahlkampfmanager John McCains. Und Meghan McCain, die Tochter des Senators, hielt eine flammende Rede für die Rechte der Schwulen. Das gibt uns Hoffnung und Mut zu kämpfen.

Aber es stimmt natürlich, das Image der Partei muss sich radikal ändern. Wir müssen zum traditionellen Konservatismus zurückfinden. Der basiert auf der Freiheit des Individuums und einem kleinen Staat, der sich nicht in die Belange der Bürger einmischt. Und in den USA gehört für mich auch eine starke Verteidigung dazu.

The European: Und Sie sind sich sicher, dass Sie die vielen Millionen Republikaner – die nicht schwul sind – inhaltlich so radikal umstimmen können?
Moran: Es gibt genug Momente, in denen ich mit meiner Partei am Verzweifeln bin. Denn einige Republikaner geben leider immer noch viel dummes Zeug von sich. Aber wenn ich nicht in der Republikanischen Partei versuche, für die Rechte der Schwulen zu kämpfen, habe ich kein politisches Zuhause mehr.

Eric Cantor, unser Fraktionsgeschäftsführer im Kongress, hat mir gesagt, die Republikaner würden erst wieder an die Macht gelangen, wenn sie es geschafft hätten, sich für Minderheiten zu öffnen und sie einzubeziehen.

The European: Könnte am Ende eines langen Weges eines Tages ein schwuler Präsident an der Spitze der USA stehen?

Moran: Das hoffe ich sehr. Die Afroamerikaner sind eine Minderheit in der Gesellschaft. Und wenn sie es schaffen, den Präsidenten zu stellen, wieso sollten wir das nicht schaffen?

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