Jede Epoche hat ihre eigene Sprache. Norman Foster

„Als Frankfurter ist 
man mehr Europäer 
als Deutscher“

Das Duo Ćelo & Abdï gehört zu den erfolgreichsten deutschen Rappern. Ein Gespräch über Verantwortung als Künstler, die Frage, was deutsch ist, und die hessische Heimat.

rap frankfurt print13

The European: Ćelo und Abdï, für euer Intro zum neuen Album „Bonchance“ benutzt ihr einen Ausschnitt aus einem französisch-italienischen Film der 1950er-Jahre: „Bonne chance chérie, bonne chance“. Wusstet ihr, dass es in dem Film um einen Musiker geht, der Schmuck geklaut hat?
Ćelo: Ich könnte jetzt sagen: Ja, normal, das war doch dieser Film mit Jean Jean. (spricht extra undeutlich) Mit diesem St. Jaques. (alle lachen).
Abdï: Aber ehrlich gesagt, wussten wir das nicht.

The European: Das heißt, das Sample hat nicht zum Albumtitel geführt?
Ćelo: Nee, das war nachträglich. Als das Intro fertig war, haben wir zu unserem Produzenten gesagt: „Mach mal was Schönes am Anfang. Damit die Leute sich nicht erschrecken.“

The European: Der Titel des Films ist „Cherchez lʼidole“, was so viel heißt wie: das Idol suchen. Wie seht Ihr diese Diskussion um euch beide als Idole?
Ćelo: Das Problem ist: Ob wir wollen oder nicht, wir sind in dieser Rolle. Und wir versuchen, das Beste draus zu machen.
Abdï: Wir haben auf jeden Fall Verantwortung. Unsere Fans sind oft junge Leute, die noch formbar sind. Klar sind bei unserer Musik Sachen dabei, die ein Kind hört und dann nachahmen könnte. Aber unsere Musik ist kein Lebensratgeber, sondern in erster Linie Unterhaltung. Deswegen sind Interviews immer sehr wichtig, um zu appellieren: Liebe Leute, wir rappen über Sachen, die es gibt. Aber wir sagen nicht, dass ihr das nachmachen sollt. Selbst, wenn es sich so cool anhört. (grinst)
Ćelo: Die Sache ist: Nach jeder zweiten Zeile kommt auf dem Album ein: „Aber!“ Das ist uns wichtig, da legen wir viel Wert drauf. Wir verherrlichen nicht plump.

The European: Trotzdem steht deutscher Rap immer wieder in der Kritik, „die Jugend zu verderben“.
Ćelo: Wir tragen diesen Lifestyle, den es nun mal leider gibt, auf den Beat. Und natürlich zeigen wir auch die Schattenseiten davon. Es ist genau, wie das Album sagt: Bonne chance, willkommen im Leben.

„Die Medien leben in einer Parallelwelt. Sie zeigen nicht das wirkliche Leben.“ – Ćelo

The European: In einem Song beschreibt ihr das „Ticker-Chromosom“. Glaubt ihr wirklich, dass es Menschen gibt, die für den Drogenverkauf vorbestimmt sind?
Ćelo: (betont ernst) Das ist genetisch nachgewiesen: Das ist das Gen a271.

The European: Nicht a272?
Ćelo: Nein, a272 ist das Fixer-Chromosom.
Abdï: Ganz im Ernst: Es gibt auf jeden Fall Leute, die das im Blut haben. Aber es gibt auch Leute, die das erzwingen wollen. Viele machen das aus Imagegründen, weißt du.
Ćelo: Entweder man hat das Fingerspitzengefühl dafür, oder man lügt sich etwas vor. Es gibt eine Händler-Gabe, genau wie andere die Gabe haben, etwas Schönes zu malen …
Abdï: (sieht eine vorbeifahrende Fahrradfahrerin) Guck mal, wie die Fahrrad fährt. Bitte, Bruder!
Ćelo: Geil.
Abdï: Oh mein Gott. Das meint die nicht ernst. (alle lachen)

The European: Keine Bewegung der letzten Jahre hat die Jugend so sehr geprägt wie der deutsche Rap. Dennoch gibt es diese merkwürdige Distanz zwischen den Mainstream-Medien und der Rap-Welt. Wie seht ihr das?
Ćelo: Die Medien leben in einer Parallelwelt. Die zeigen nur ein Soll-Bild. Sie zeigen, wie die Gesellschaft sein sollte, nicht, wie sie ist. Sie zeigen, wie man leben sollte, nicht, wie das Leben wirklich aussieht.

The European: Was genau zeigen sie nicht?
Ćelo: Deutschland hat sich durch die Gastarbeiter und Migranten verändert. Aber diese große Gruppe der Bevölkerung wird in den Medien nicht dargestellt. Wir sprechen für diese Parallelgesellschaft. Und das interessiert eben die Leute. Auch die, die das nicht kennen, die denken sich: „Ist das echt so?“ Die meisten Leute gehen arbeiten, Gemüse kaufen, arbeiten, Gemüse kaufen. Die wissen nicht, ob der Kassierer gerade auf Speed ist.

The European: Woher kommt die Haltung der Medien?
Ćelo: Die Medien haben immer ihre Idealbilder. Denk zum Beispiel an diese Diskussion: Abendland, Morgenland. Da wird versucht, etwas zu erhalten, was nicht mehr richtig erhalten werden kann. Die Mischung von Kulturen und Völkern passiert, wir sind mitten dabei. Jeder redet von Globalisierung, aber die Globalisierung fängt schon damit an, wenn sich Völker vermischen. Und es geht gar nicht darum, wo wer herkommt. Jeder hat natürlich seinen Glauben, aber das ist Privatsache. All das wird in den Medien nicht richtig dargestellt.

The European: Warum nicht?
Ćelo: Es wird nur gesagt: Es gibt zu viele Migranten, die muslimischer Herkunft sind. Das wird dann hervorgehoben, um eine Völkergruppe schlecht dastehen zu lassen. Aber man guckt nicht, warum etwas so ist, wie es ist. Auf die Hintergründe.

„Besser Hinterhofjargon als Hitlerjugend, oder?“ – Ćelo

The European: Einige der Vorurteile der Mainstream-Medien über Rap entstehen aus Unkenntnis. Euch hat zum Beispiel mal die „Welt“ vorgeworfen, ihr würdet Nazis unterstützen, weil ihr die Abkürzung HJ benutzt habt. Jeder in der Rapszene wusste: Das HJ steht für Hinterhofjargon – den Titel eures ersten Albums –, nicht für Hitlerjugend.
Ćelo: Das ist ein Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. 60, 70 Jahre war HJ für alle Hitlerjugend. Für die neue Generation, die das gar nicht weiß und nicht in der Schule gelernt hat, heißt HJ eben Hinterhofjargon. Ist doch schön, dass das abgelöst wurde! Besser Hinterhofjargon als Hitlerjugend, oder? Oder möchte wer das als Kulturgut behalten?

The European: Mit eurem Slang, mit den Wortneuschöpfungen in euren Songs, grenzt ihr euch bewusst von der Allgemeinheit ab.
Ćelo: Für dich sind das neue Wörter, für uns ist das der alltägliche Sprachgebrauch. Wir rappen, wie wir reden. Natürlich rede ich anders, wenn ich ʼnen Termin bei der Deutschen Bank hab. Da weiß ich, wie ich mich artikulieren muss. Aber wenn ich unter Freunden bin, rede ich so, wie ich rappe. Man muss halt wissen, wie man mit welchen Leuten spricht. Im Endeffekt musst du ein Chamäleon sein.

The European: Dass ihr euch intensiver mit Medien beschäftigt, merkt man zum Beispiel daran, dass ihr in einem Song die „Wirtschaftswoche“ erwähnt.
Ćelo: Das hat ganz klar mit dem Status von Frankfurt zu tun. Damit wollen wir verdeutlichen, dass Frankfurter eben andere Interessen haben als – sagen wir – Hamburger. Die rappen über den Hafen …

The European: … und ihr über die Börse.
Ćelo: Klar. Aber das ist kein Börsen-Rap. An der Börse geht es hoch und runter, geht es um schnelles Geld. Und genauso ist das Leben in Frankfurt.

The European: Auf dem Album zitiert ihr auch Scorseses Film „Wolf of Wall Street“. Beschäftigt ihr euch viel mit dem, was außerhalb der Rapszene passiert?
Abdï: Auf jeden Fall. Das ist die Kunst bei unseren Songs. Wir gucken, was momentan auf der Welt passiert, was es für Trends gibt. Wenn wir jetzt über „Wolf of Wall Street“ rappen oder ich Jordan Belfort erwähne (ehem. Aktienhändler und Hauptfigur von „Wolf of Wall Street“; Anm. d. Redaktion), gibt es so viele Leute, die sich dann angesprochen fühlen und
geflasht sind. Und sagen: „Alter, geil, der hat gerade Belfort erwähnt.“ Die bringt man damit zum Schmunzeln.
Ćelo: Aber mit Fingerspitzengefühl! Es geht nicht darum, einfach mal Jordan Belfort zu erwähnen. Viele sagen: „Ich sag Jordan Belfort, dann verkauf ich mehr.“
Abdï: Oder ich mach jetzt ein Shisha-Album, weil alle Shisha rauchen.
Ćelo: Also ich mach jetzt Elektro-Shisha-Rap.
Abdï: Und ein E-Zigaretten-Mixtape. (alle lachen)
Ćelo: Ganz im Ernst: Wir rennen Trends nicht hinterher. Aber wir wissen, was in unserem Freundeskreis angesagt ist und was uns selbst gefällt. Und das versuchen wir natürlich mit unseren Texten wiederzugeben.
Abdï: Aber stilvoll, genau wie Ćelo sagt.

The European: Wie macht man das stilvoll?
Abdï: Man könnte ja auch Jordan Belfort erwähnen …
Ćelo: (unterbricht ihn) und auf „Robert Redford“ rappen.
Abdï: Oder das so unästhetisch rüber bringen …
Ćelo: (unterbricht ihn wieder) und auf „ich trink kein Bier in Herford“ rappen. Es gibt viele, die sagen, Hauptsache, es reimt sich. Aber ich finde, es muss auch inhaltlich passen.

„Ob etwas deutsch ist oder nicht: Was sollʼs?“ – Ćelo

The European: Ein Zitat aus dem Album ist mir besonders aufgefallen. Wie selbstverständlich bezeichnet ihr euch als „deux Européens“? Seht ihr euch beide als Europäer?
Abdï: Definitiv.

The European: Mehr als Deutsche?
Abdï: Kann man so nicht sagen. Aber auf jeden Fall ist Frankfurt das Herz Europas.
Ćelo: Ich finde, als Frankfurter ist man mehr Europäer als Deutscher.

The European: Nervt euch diese Diskussion darum, was deutsch ist?
Ćelo: Völlig unnötig, in der heutigen Zeit ist das total fehl am Platz. Ob etwas deutsch ist oder nicht: Was sollʼs?

The European: Eine weitere Referenz in euren Texten ist Fußball.
Ćelo: Der Trend ist ja vergleichbar mit Basketball in den Staaten. Jay Z zum Beispiel hat ja sein eigenes NBA-Team.

The European: Woher kommt das? In den 1990er-Jahren war Fußball uncool. Man denke nur an die ganzen Spielern mit ihren Schnäuzern …
Abdï: Die Oberlippen-Johnnys!

The European: … damals war Fußball gesetzter und erwachsener als heute, allein, weil die Spieler so viel älter waren.
Ćelo: Stimmt. Aber als Frankfurter wächst du als Eintracht-Fan auf. Und Eintracht war immer ʼne geile Mannschaft auch in den 1990ern! Da war das vielleicht noch nicht so in, aber Frankfurt hatte damals schon ein paar eigene Köpfe. Jay-Jay Okocha, Uwe Bindewald, Uwe Bein, Jan Fjørtoft …

The European: Anthony Yeboah.
Ćelo: Genau. Jeder von denen hat seine Story, seine Geschichte. Und dann kam Jupp Heynckes als Trainer – ich möchte jetzt bei The European nicht ausfällig werden – der den Verein … (sucht nach einer angemessenen Formulierung) zugrunde gerichtet hat. Als Verschwörungstheoretiker könnte man sagen: Der wurde von Bayern geschickt …
Abdï: Genau!
Ćelo: … weil die Eintracht zu stark war.
Abdï: Das war ein Inside-Job!

„Ehrlich gesagt? Das ist alles Image“ – Abdï

The European: Was ich sehr überraschend fand, war das „Hammerhart“-Sample von den Beginnern auf dem Album. Hamburg und Frankfurt war ja bisher keine typische Verbindung.
Ćelo: Das mag nach außen überraschend wirken, aber seit Tag eins sind wir mit Hamburg immer verbunden. Von unserem Produzenten aus. Das neue Cover hat Adopekid gemacht. Jan Delay ist ein großer Fan von uns, das ehrt uns sehr. Wir haben natürlich auch „Bambule“ gehört. Deswegen wollten wir das auch aufs Album packen.
Abdï: Und Adopekid.
Ćelo: Adopekid hab ich schon gesagt. (lacht) Farhot, der den „Chabos wissen wer der Babo ist“-Beat gemacht hat, ist auch Hamburger. Der hat auch auf unserem letzten Album produziert.
Abdï: Milo, der bei den Azzlacks ist, kommt aus Hamburg.

The European: Das sollte an Beispielen reichen.
Ćelo: Nee, das reicht nicht. (lacht) Gibt noch mehr. Schönen Gruß an alle Hamburger, Digga! Und an alle Hamburger European-Leser!

The European: In einem Song auf dem Album werden deutlich persönlichere Töne angeschlagen. Abdï, du berichtest zum Beispiel von deinem Herzfehler …
Abdï: (ganz ernst) Das ist alles Image. Ehrlich gesagt.
Ćelo: Liebe European-Leser, die Wahrheit ist …
Abdï: (weiter ernst) … alles nur Image.
Ćelo: Da guckste jetzt. (grinst)
Abdï: Nein im Ernst: Ich bin der erste Top-10-Rapper mit Loch im Herz, Digga.
Ćelo: Wie sich das gerade angehört hat: Loch im Herz.

The European: Rapper mit Loch im Herz: Das ist auf jeden Fall eine gute Zeile.
Abdï: So nenn’ ich mein Album. Ein Doppelalbum: Herz / Loch. (alle lachen) Aber es ist doch auch mal wichtig, dass man einen privaten Einblick gibt. Ich meine, ich verrate jetzt nicht, welche Sexstellung ich am liebsten hab.
Ćelo: Oder welche Blutgruppe du hast.
Abdï: Oder meine Schuhgröße. An alle Schuhausstatter: 43  ½. (Ćelo lacht) Ich verrate auch nicht, ob ich mit links oder rechts schreibe oder ob ich Fußpilz am Zahnfleisch hab. Aber natürlich sollen die Leute mal sehen, was hinter Ćelo und Abdï steckt. Nämlich Erol und Abderrahim, weißt du. Wir sind auch ganz normale Menschen. Und jetzt haben wir halt ein drittes Album gemacht, und der Weg dahin war natürlich nicht leicht, aber trotz allem können wir am Ende des Tages immer sagen: Uns geht es gut. Wir atmen.

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Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

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