Schwer zu definieren, wofür wir stehen. Benedict Pöttering

Der Himmel über Europa ist nicht grenzenlos

Die Erfolgsgeschichte, die wir am Boden haben, brauchen wir jetzt endlich auch am europäischen Himmel. Warum ein einheitlicher Luftraum so wichtig ist.

Im persönlichen Umfeld gab es besonders ein Erlebnis, das mich zum begeisterten Europäer gemacht hat: meine erste große Abenteuerreise – mit dem Interrail-Ticket quer durch Europa.

Ich war 22, es gab noch keine Handys, mit denen man kurzfristig Unterkünfte buchen konnte. Spontan sein, aussteigen können dort, wo es schön ist – einen ganzen Monat quer durch Europa fahren und immer wieder andere Europäer treffen; entscheiden, ob man noch einen Tag in Paris bleibt oder schon weiter nach Mailand fährt; ob man am Strand oder in der Jugendherberge schläft; jeden Tag nachzählen, ob das Geld noch reicht: Das war mein erstes und vermutlich auch schönstes europäisches Abenteuer, das mich auch ein Stück weit geprägt hat.

Europa ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte

Heute verbinde ich mit Europa vor allem eine einzigartige Erfolgsgeschichte, die so viele Facetten hat und um die wir von so vielen beneidet werden. Freiheit, Wohlstand, offene Grenzen, der Euro als gemeinsame Währung, eine friedliche Revolution, die zum Fall der Berliner Mauer, zum Ende des Kalten Krieges und zu einer Osterweiterung der EU führte – das alles ist über Jahrzehnte gewachsen und schien lange so selbstverständlich wie die größte Errungenschaft, der Frieden. Die Eskalation des Ukraine-Konflikts und die Bedrohung unserer Gemeinschaft von innen durch Terror-anschläge ungeahnten Ausmaßes hätte meine Generation, die ohne Krieg in Europa aufwachsen durfte, kaum mehr für möglich gehalten. Ebenso wenig wie eine Flüchtlingskrise, die Europa derzeit vor größte Herausforderungen stellt.

Doch der Himmel über Europa ist nicht grenzenlos

Auch ansonsten ist in Europa nicht alles eitel Sonnenschein. Gerade wenn ich meine Airliner-Brille aufsetze, dann sehe ich einiges, was sich verbessern ließe. Das größte EU-Projekt, das ich mir aus beruflicher Sicht wünschen würde, ist ohne Frage ein einheitlicher Luftraum, der Single European Sky (SES). Obwohl wir schon Jahrzehnte darüber diskutieren, ist der Himmel über Europa noch immer nicht „grenzenlos“. Wir haben durch Schengen keine Schranken mehr am – Boden, aber wir haben sie am Himmel – mit Lufträumen, die eher aus Zeiten von UKW-Funkfeuern vor der Ära GPS stammen und jetzt wegen staatlicher und gewerkschaftlicher Egoismen nicht vereinheitlicht werden können. Das hat erhebliche Konsequenzen für unsere Umwelt. Nur um die Dimension mal zu verdeutlichen: Mit einem SES könnte allein Lufthansa ihren Kerosinverbrauch um 270 000 Tonnen jährlich senken, und insgesamt ließe sich der CO2-Ausstoß durch Flugzeuge sofort um zehn Prozent reduzieren. Die Erfolgsgeschichte, die wir am Boden haben, brauchen wir jetzt endlich auch am europäischen Himmel.

Der Beitrag stammt aus „Mein Europa – 60 biografische Streifzüge“,
hrsg. von den Baden-Badener Unternehmer Gesprächen
CH. GOETZ VERLAG, ISBN 978-3-9813783-3-7

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Christian Lindner, Frank Schäffler.

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