Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Mißtrauensvotum gegen den lieben Gott. Karl Kraus

Die Chance auf Leben

Der Gesetzgeber hat nicht das Recht, betroffenen Paaren die medizinische Möglichkeit einer PID zu versagen. Wir können jetzt individuelle Hilfe leisten. Mit Zwang hat das nichts zu tun.

Ich bin sehr froh, dass sich der Deutsche Bundestag mit einer überraschend großen Mehrheit für die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in engen Grenzen ausgesprochen hat. Nach dieser Entscheidung des Gesetzgebers kann den betroffenen Paaren jetzt individuelle Hilfe angeboten werden. Bei der begrenzten Zulassung der PID geht es um Menschen, bei denen aufgrund der genetischen Disposition für ihre Nachkommen das hohe Risiko einer schwerwiegenden Erbkrankheit besteht, oder die eine Fehl- oder Totgeburt fürchten müssen. Sie sollen nun die Chance erhalten, sich für ein eigenes Kind entscheiden zu können.

Keine Stigmatisierung Behinderter

Durch die PID wird es keine Diskriminierung der lebenden Kranken und keine Stigmatisierung Behinderter geben. Der nachvollziehbare und berechtigte Wunsch nach einem lebensfähigen und gesunden Kind verletzt nicht die Menschenwürde bereits lebender behinderter Menschen. Die Erfahrungen aus den Ländern, in denen die PID bereits praktiziert wird, zeigen das. Diese Länder sind bei der Integration von Behinderten in die Gesellschaft weiter als in Deutschland. Die Anwendung der PID hat also, entgegen der vielfach aufgestellten Behauptung, keinesfalls die Diskriminierung behinderter Menschen zur Folge.

Bei der Zulassung der PID in engen Grenzen geht es auch nicht um intelligente Kinder mit einer bestimmten Augenfarbe. Wer die Prozedur einer PID auf sich nimmt, tut das nicht, um ein Baby mit blauen Augen zu bekommen. Die Belastungen einer künstlichen Befruchtung, die für eine PID notwendige Voraussetzung ist, sind sehr groß. Es ist absurd, anzunehmen, dass sich Frauen dieser Belastung freiwillig aussetzen, nur um bestimmte Merkmale ihres Kindes auswählen zu können. Den betroffenen Paaren eine solche Motivation zu unterstellen, halte ich für eine Form der Verleumdung. Sie wird der Konfliktsituation in keinster Weise gerecht. Kein Paar und keine Frau entscheidet sich leichtfertig für eine PID.

Es gibt keinen Zwang zur PID

Die jetzt getroffene Regelung wird auch nicht, wie häufig unterstellt, den Druck auf die Paare, ein gesundes Kind zu bekommen, so sehr erhöhen, dass sie sich nicht mehr frei entscheiden könnten. Es ist niemand dazu verpflichtet, diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen. Es gibt keinen Zwang zur PID! Wir, die Befürworter einer Zulassung der PID in engen Grenzen, wollen den betroffenen Paaren die Möglichkeit eröffnen, ein Kind zu bekommen, das überhaupt eine Chance auf Leben hat. PID bedeutet für die Betroffenen vor allem eine Hoffnung. Diese können wir ihnen jetzt geben. Die Betroffenen müssen ihr Leid nicht einfach mehr hinnehmen.

Ich war immer der festen Überzeugung, dass wir als Gesetzgeber nicht das Recht haben, den betroffenen Paaren die medizinische Möglichkeit einer PID zu versagen. Eine deutliche Mehrheit der Bundestagsabgeordneten sieht das genauso.

Deswegen wird in Zukunft eine PID nach einer Einzelfallentscheidung einer Ethikkommission, nach einer ausführlichen Beratung und nur in zugelassenen Zentren möglich sein. Dazu muss die Bundesregierung jetzt die erforderliche Rechtsverordnung auf den Weg bringen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Birgit Kelle, Michael Schmidt-Salomon, Hartmut Steeb.

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