Ich befürchte, dass wir eine rote Linie überschreiten. Wladimir Grinin

„Wir können die Vorstädte nicht plattwalzen“

Was heißt es, die Welt durch Geschichten zu erkunden? Martin Eiermann sprach mit dem Autor und Wissenschaftler Carlo Rotella über Blues, Boxen und die kulturelle Bedeutung der Hypothekenblase.

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The European: Wir wollen mit Ihnen über das Geschichtenerzählen sprechen. Was heißt es, die Welt anhand von Geschichten zu erkunden?
Rotella: Ein Großteil der Arbeit eines Autors zielt darauf ab, einen lebendigen Charakter für den Vordergrund einer Geschichte zu finden und dann zu erzählen, wie diese Person die Konsequenzen größerer oder historischer Prozesse erlebt. Wissenschaftler machen das oft so, wenn wir für ein Massenpublikum schreiben. Wir sitzen auf einem ganzen Haufen an Wissen und müssen dann überlegen: Wie können wir das so verpacken, dass es auch für Leser interessant ist, die keine Experten sind? Ich habe einmal ein Porträt des Boxers Shannon Briggs geschrieben, der einer der letzten großen amerikanischen Schwergewichtsboxer war. Er hat sich immer als „Great Black Hope“ bezeichnet, zu einer Zeit, in der die anderen Champions zunehmend aus Osteuropa kamen.

Dabei sind wir Amerikaner eigentlich immer davon ausgegangen, dass der Schwergewichts-Titel uns gehört, oder genauer gesagt den Afroamerikanern. Dahinter steckt eine große Geschichte über den Wandel Osteuropas seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und über den Export von Talenten in den Westen: Boxer, Turner, Pianisten, Gangster, Stripper, Pornodarsteller, alle möglichen hartgesottenen Menschen. Die Frage ist dann, was die Amerikaner eigentlich in der Zeit gemacht haben. Die Antwort: Heute spielen die alle Football. Briggs hatte Asthma, deshalb hat er stattdessen mit dem Boxen angefangen.

The European: Nehmen Sie den Leser an der Hand und führen ihn ans Licht, oder ist so eine Geschichte ein Erkundungsprozess nach dem Motto: Mal schauen, was wir finden, wenn wir lange genug suchen?
Rotella: Das kommt auf die Geschichte an. Ich habe einmal einen Reisebericht geschrieben, da bin ich nach Chicago gefahren, um mir Musik anzuhören. Die einzige Auflage war, dass ich keinen Blues hören würde, weil das zu offensichtlich ist und weil ich damit groß geworden bin. Ich bin dann in Polka-Clubs gelandet, und das hat mich weiter zu den osteuropäischen und mexikanischen Gemeinden geführt, weil dort die Musik sehr ähnlich ist. Der Artikel war wie eine Erkundungsreise. Und manchmal bin ich eher der stille Beobachter. Oft geht es dann darum, wie jemand sich weiterentwickelt hat.

Buddy Guy war ein Blues-Musiker aus Chicago, über den ich einmal etwas geschrieben habe. Das ging dann etwa so: Es gab einmal diesen Kerl, der Gitarre spielen konnte und zwei besondere Charakterzüge hatte. Zum einen wollte er nicht nur Musik machen, sondern Krach. Er wollte die Grenzen der Musik ausloten. Und gleichzeitig hatte er ein fast schon pathologisches Bedürfnis, das Publikum zufriedenzustellen. Guy kam also 1957 nach Chicago und ist dort sofort in die Welt aus kleinen Clubs und Indie-Plattenfirmen abgetaucht, wo zum Beispiel auch Muddy Waters unterwegs war. Und dann hat diese Welt sich enorm gewandelt und Guy war auf einmal mittendrin in diesem Umbruch. Seine Musik hat sich verändert, sein Gesang hat sich verändert, seine Einflüsse auch. Auf einmal konnte er sich an Rockmusikern orientieren und trotzdem Blues machen. Können wir uns also Buddy Guy ansehen und dabei die Geschichte vom Wandel der amerikanischen Großstadt erleben?

The European: Da kommt der Wissenschaftler durch.
Rotella: Stimmt. Ich bin Amerikanist und eine wichtige Frage für uns ist, wie Stil und Geschichte zusammenhängen. Die Klischeefrage ist immer: Warum werden in einer Kultur bestimmte Geschichten zu einer bestimmten Zeit erzählt? Was heißt es, Blues zu spielen? Die Antwort war 1955 eine andere als 1975 oder 2005. Und wenn wir nach Antworten suchen, landen wir ganz schnell bei Themen, die sehr interessant für uns Wissenschaftler sind. Mit dem Niedergang der Industrie ist der Tourismus in Chicago viel wichtiger geworden. Und erst als die Industrie in den 70er-Jahren wirklich am Boden lag, hat sich das Image von Chicago als Heimat des Blues vollständig etabliert.

„Wir sollten unser Wissen nicht bloß am Nutzwert messen“

The European: Im Buch „Der kleine Prinz“ gibt es den wunderschönen Satz: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Ist das nicht eine Stärke von Geschichten – dass sie auch das sichtbar machen, was man nicht direkt mit den Sinnen wahrnehmen kann?
Rotella: Der Trick ist, diese Sinneseindrücke trotzdem zu erhalten. Wenn eine Geschichte bloß abstrakt ist, funktioniert sie nicht. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass man sich einfach ein wissenschaftliches Argument nehmen kann, viel Brimborium außen herum packt und das dann als Geschichte verkauft. Das ist in etwa so, als ob man seinem Hund eine bittere Pille verabreicht, die zur Täuschung in ein Stück Fleisch gewickelt ist. Besser ist es, dem Leser zu zeigen, wie komplexe, dreidimensionale Charaktere mit den Konsequenzen ihrer Umwelt umgehen. Für den Leser ist das eine Sinneserfahrung und als Autor hat man die Aufgabe, überzeugend darzulegen, dass diese größeren Trends sich wirklich darin zeigen, wie jemand boxt oder Musik macht.

Wir Wissenschaftler haben den Vorteil, dass wir einen Großteil unseres Lebens damit verschwenden können, sehr viel über ein spezielles Thema zu lernen. Wenn man dann die Hintergrundgeschichte für einen Artikel aufschreiben muss, geht das sehr flott – wir haben die 300-Seiten-Version davon schon im Regal stehen. Wenn ich mit freien Journalisten unterwegs bin, arbeiten die immer an zwei Artikeln, haben zwei Texte grade fertig und suchen schon wieder nach neuen Ideen. Wenn du mit denen auf eine Party gehst und es steht ein Redakteur an der Bar, dann müssen die Freien immer direkt einen Pitch machen. Wir haben den Luxus, dass wir es uns genau überlegen können, wann wir unsere Waren zu Markte tragen.

The European: Und woher kommen die Ideen für Artikel?
Rotella: Für mich ist es wichtig, einen Fuß in der Uni zu haben, und den anderen im Journalismus. Ich schreibe eine Kolumne für die Zeitung „Boston Globe“ – zum einen wollte ich schon immer wissen, ob ich das Zeug zum Kolumnisten habe, und zum anderen ist das eine Möglichkeit, sich seinen Weg in eine Stadt hinein zu schreiben. Die Kolumne treibt mich auf die Straße, unter Menschen. Wissenschaftler sitzen auf einem gigantischen Wissensfundus, von dem ein Großteil nie Verwendung findet. Wir sollten dieses Wissen nicht bloß am Nutzwert messen, aber das journalistische Schreiben ist ein schöner Gegenpol zur Wissenschaft.

The European: Sie haben kürzlich einen Text über das Laufen geschrieben und darüber, wie Sie durch das Laufen emotional in Boston angekommen sind. Lassen Sie uns über lokale Kontexte sprechen.
Rotella: Gerne. Auf Abstraktion reagiere ich allergisch. In meinen beiden ersten Büchern habe ich mich mit der Transformation des urbanen Amerika und dem Niedergang der Industrie im Rust Belt beschäftigt. Aber ich konnte diese Geschichten nur erzählen, wenn ich einen lokalen und menschlichen Bezug hatte. Das waren fast immer kreative Köpfe, Autoren oder Musiker. Solche Menschen haben oftmals einen starken inneren Drang und meine Aufgabe war es, die Biografie dieses Dranges aufzuschreiben. Warum entdeckt jemand einen ganz bestimmten Musikstil für sich? Wie hängt dieser Stil mit Institutionen zusammen, und was können solche Institutionen uns über eine Stadt erzählen? Wie und unter welchen Umständen wird die kreative Energie manifest? So etwas ist immer eine lokale Geschichte, an die sich größere Trends anknüpfen lassen.

The European: Der Trend geht oftmals in die andere Richtung: Mehr Abstraktion, mehr große Analysen. Sogar die Naturwissenschaften sind teilweise an einem Punkt, an dem konkrete Experimente immer häufiger durch virtuelle Simulationen oder theoretische Betrachtungen ersetzt werden.
Rotella: Ich will das Verhalten von Menschen erklären. Das ist doch das Spannende an den Geisteswissenschaften und ein wichtiger Unterschied beispielsweise zu den Naturwissenschaften. Ich laufe durch die Stadt und ich interessiere mich für urbane Räume, weil ich die Frage nach den Menschen beantworten will. Ich habe viel von Denkern wie David Harvey gelernt, deren Theorien man in der Uni liest und dann kannibalistisch in der eigenen Arbeit verwurstet. Was ich dabei aber vermeiden will, ist, reale Beispiele zu suchen, die eine solche Theorie beweisen. Das Gegenteil ist der Fall: Ich folge Menschen durch die Welt, bis ich irgendwann eine allgemeinere Erkenntnis habe.

The European: Sie haben schon erwähnt, dass die interessanten Charaktere oftmals Künstler oder Sportler sind. Warum lassen sich mit ihnen bessere Geschichten erzählen?
Rotella: Tom Wolfe, der übrigens einen Doktortitel in Amerikanistik hat, hat einmal gesagt, dass er sich vor allem für Form und Geld interessiert. Sport hat sehr ausdrucksstarke Formen: Wie jemand boxt oder Basketball spielt, und wie solche Formen sich verändern. Ein Sportberichterstatter und ein Dichter haben einiges gemeinsam, beide sind sensibilisiert für Genres, für Strömungen, für Einflüsse. Im American Football gibt es einen Westküstenstil und entsprechende Antworten anderer Teams aus dem Osten oder Süden. Und Geld ist auch wichtig im Sport. Ich setze oft dort an, wo der Einsatz niedrig ist, in einer kleinen Box-Kaschemme, beim Kampf am anderen Ende der Stadt, wo es vielleicht ein paar hundert Dollar Preisgeld gibt, in den Chicagoer Blues-Clubs aus den 50er-Jahren, als man für 25 Cent einen Abend Otis Rush bekommen hat. Das sind Situationen, in denen schon wenig Geld viel Wirkung haben kann. Boxen ist eine super Fallstudie. Wenn du als Autor dem Geld lange genug folgst, landest du irgendwann beim Rampenlicht.

The European: Ist es einfacher, über Underdogs zu schreiben?
Rotella: Ich weiß nicht, ob es einfacher ist. Ich bin an Charakteren interessiert, die eine Geschichte zu erzählen haben: Der Boxer mit fünfzig Prozent Niederlagen, oder der Bluesmusiker, der es nicht direkt ganz nach oben schafft. Solche Menschen erlauben es einem Autor oftmals, mehr über die Welt zu erfahren, in der diese Menschen sich bewegen. Manchmal ist das interessanter, als über ein Genie zu schreiben, bei dem Regeln sowieso unwichtig sind. Und der Einfluss von PR-Leuten ist auch geringer. Ich habe einmal einen Artikel über Floyd Mayweather Jr. geschrieben, als er einer der am besten bezahlten Boxer der Welt war. Die große Herausforderung dabei war, dass er immer nur PR-Sprech geredet hat. Das ist vielleicht interessant für eine stilistische Analyse, aber man lernt dabei nicht viel über eine Person. Seine Art war: „Da sitzt jemand mit Brille und Notizblock, also sage ich am besten das, was ich sonst auch zu Leuten mit Brille und Notizblock sage.“

The European: Man hätte sich mit ihm nicht einfach auf ein Bier treffen können.
Rotella: Oder auf zwanzig Biere, zu unterschiedlichen Zeiten. Nein, das wäre nicht gegangen. Ich frage mich immer, ob ich es reizvoll finden sollte, diese Interviews mit Schauspielern zu machen, bei denen man im Zwanzig-Minuten-Takt durch ein Hotelzimmer geschleust wird. Das ist handwerklich anspruchsvoll, aber ich interessiere mich mehr dafür, jemanden längere Zeit zu begleiten. Am Ende hast du dann besser eine Geschichte zu erzählen, sonst kommt vom Redakteur die Frage: „Und warum sollte ich mich für diesen Durchschnittsboxer interessieren?“ Na ja, sein Werdegang illustriert den urbanen Wandel in Amerika.

„Hollywood hat einen Fetisch für Lokalkolorit“

The European: Ein Trend der vergangenen Jahre ist, dass in Hollywood plötzlich wieder viele Western-Filme gemacht werden: „No Country for Old Men“, „The Assassination of Jesse James“, „Open Range“, „3:10 to Yuma“. Warum sind diese existenziellen Wildwest-Geschichten wieder so populär?
Rotella: Ich weiß nicht, ob das Phänomen ausgeprägt genug ist, um den Mythos an sich wiederzubeleben. Manche dieser Filme waren ganz gut, andere eher „Malen nach Zahlen“. Haben sie eine bleibende Veränderung des Wildwest-Mythos bewirkt? Wohl eher nicht. Der letzte wirklich wichtige Western war sicherlich „Unforgiven“ aus dem Jahr 1992. Vor allem hier in Amerika haben Western eine lange Tradition und es überrascht nicht besonders, dass das Genre jetzt wieder in Mode kommt.

The European: Das Gleiche lässt sich auch über Sportfilme sagen, die gibt’s wie Sand am Meer.
Rotella: Ja – die Zahl der Filme über das Boxen steht in keinem Verhältnis zur Popularität der Sportart. Spannend finde ich Folgendes: Seitdem es in Massachusetts eine Steuererleichterung fürs Filmemachen gibt, haben Filme in und über Boston enorm Konjunktur. Wie Tom Wolfe gesagt hat, „Form plus Geld“. Es gibt gute finanzielle Gründe, in Boston zu drehen, aber gleichzeitig hat Hollywood einen Fetisch für Lokalkolorit entwickelt, für den sich sonst sogar in Boston nur eine Handvoll Leute interessiert. Hochbezahlte Schauspieler versuchen plötzlich, wie Arbeiter aus Dorchester oder South Boston oder Lowell zu reden. Es gibt Trainer, die bisher ihr Geld damit verdient haben, Leuten ihren Akzent abzugewöhnen, die jetzt plötzlich Schauspieler aus New York oder Wales genau in diesem Akzent unterrichten. Und in Kuala Lumpur sitzen wahrscheinlich ein paar Filmfreaks und können einen Southie-Akzent von einem Somerville-Akzent unterscheiden. Der Trend der Globalisierung ist es eigentlich, lokalen Kontext in Filmen und in der amerikanischen Kultur zu minimieren, damit diese Kultur allgemeingültig werden kann. Die Boston-Filme sind eine Verwerfung, eine sehnsuchtsvolle Erinnerung an eine Kultur, die seit vierzig Jahren im Verschwinden begriffen ist. Viele davon haben das Verbrechen als Aufhänger und arbeiten sich dann ab am Verschwinden sozialer Milieus und an der Veränderung der Stadt.

The European: Ist das eine gezielte Reaktion auf den Trend zur Verallgemeinerung? Also ein Zeichen, um zu sagen: „Amerika ist mehr als Coca Cola und ,Mission Impossible‘“?
Rotella: Boston steht inzwischen für Lokalismus schlechthin. Ein paar Schauspieler – Mark Wahlberg, Ben Affleck, Matt Damon – kommen wirklich aus Boston. Aber es gibt auch viele Filmemacher wie Martin Scorsese, Mel Gibson und Clint Eastwood, die versessen auf den dortigen Lokalkolorit sind. Das ist ganz lustig, wenn man sich bewusst macht, dass Boston im 20. Jahrhundert nicht unbedingt ein Magnet für solche Leute war, sondern eher das Hinterland der Ostküste. Heute steht die Stadt als Synonym für Lokales – und speziell für weiße Kultur. Im Film „The Town“ von Ben Affleck gibt es eine Szene, in der eine Protagonistin nach der Prügelei mit einer somalischen Frau sagt: „Wir müssen denen zeigen, dass es hier in Boston noch standhafte Weiße gibt.“ Manchmal glaube ich, dass Hollywood ganz fasziniert von der Idee ist, dass es in den Straßen von Boston von harten weißen Kerlen wimmelt. Als ob man sich die 1920er-Jahre herbeifantasieren würde.

The European: Wie wichtig ist die Frage nach der Hautfarbe in der Popkultur heute noch?
Rotella: Das Klischee ist, dass Amerikaner es sehr schwer finden, über die Hautfarbe zu sprechen. Ich glaube, es fällt uns fast zu leicht – was wir schwer finden, ist, über soziale Klassen zu sprechen. Das hat mir an der Serie „The Wire“ so gut gefallen: Es ging darum, wie Menschen miteinander vernetzt sind, es ging um urbane Machtstrukturen und Ressourcenverteilung. Die meisten Menschen sagen: „,The Wire‘, eine großartige Sendung über Rassenkonflikte“. Na ja, es war vor allem eine gute Taxonomie der Großstadt und darüber, wie Geld und Macht funktionieren.

The European: Folge den Drogen, und du landest bei den Dealern. Folge dem Geld, und du hast keine Ahnung, wo du landen wirst.
Rotella: Genau. Ich bin ein großer Fan von Emile Zolas „Rougon-Macquart“-Büchern, und ich glaube, dass „The Wire“ dem für uns Amerikaner am nächsten kommt, als Art des Erzählens: Such dir einen Ort und nimm ihn dann literarisch so richtig auseinander.

„Wir erleben die Demokratisierung des Schimpfens auf die Vorstadt“

The European: Wie setzt sich die amerikanische Gegenwartsliteratur mit den großen politischen und wirtschaftlichen Themen der Gegenwart auseinander?
Rotella: Chang-Rae Lee ist ein Autor, der immer lesenswert ist. Sein Thema ist die Vorstadt, und unsere Kultur beißt sich an diesem Thema immer noch die Zähne aus. Wenn ich sage, dass ich mich für Städte interessiere, dann beinhaltet das auch die Vorstadt, die ganze Metropolis. In den 70er- und 80er-Jahren haben wir viel Zeit damit verbracht, die Problemviertel der Innenstädte zu analysieren, die Vorstadt rückt erst jetzt langsam in den Fokus. Wir wissen immer noch nicht genau, was wir darüber denken sollen.

The European: Zum Beispiel: Wie hängt die Struktur einer Stadt mit unserem Lebensalltag zusammen?
Rotella: Das ist abstrakt nur schwer zu beantworten. Aber ich kann Ihnen etwas über diese Stadt hier erzählen: Boston ist klein und vielschichtig. Man kann durch die Stadt laufen und die einzelnen Schichten langsam freilegen, ganz anders als das in Houston oder Atlanta möglich wäre. Boston ist ein Beispiel für die Großartigkeit einer mittelgroßen Stadt – vielleicht sogar die Hauptstadt der mittelgroßen Städte, wie Pittsburgh oder Providence oder auch Seattle. Eine lebenswerte Stadt, die relativ kompliziert ist. Im 20. Jahrhundert war die Annahme oftmals, dass diese Städte sich vergeblich um globale Bedeutung bemühen würden – und heute sehen wir sie als goldene Mitte. Die Stadt ist klein genug, um herumlaufen zu können und wenn man mag, kann man die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Der Ruf dieser Städte steigt.

The European: Für Europäer ist das vielleicht etwas überraschend. Wir sind groß geworden im Glauben, dass Amerika größer, glitzernder, effektiver, weniger nachhaltig ist als das alte Europa. Und auf einmal gibt es Trends, die solche Vorurteile enorm entkräften.
Rotella: Ich kann verstehen, woher solche Vorurteile kommen. Aber vergessen Sie nicht, dass eine Portion Eigenbrötlerei auch uramerikanisch ist: „Runter von meiner Farm“, oder: „Ich mache, was ich will.“ Boston ist vielleicht sogar die mürrischste Stadt in den USA – das habe ich inzwischen sehr zu schätzen gelernt. Hier ist es nicht wie überall sonst, weder von der Architektur her noch aus kultureller Sicht. Wenn sich die Landschaft nicht einfach austauschen lässt, ist es leichter, eigenbrötlerisch zu sein, als wenn man auf einem schnurgeraden Highway zu einer x-beliebigen Einkaufspassage fährt. Ich komme zwar aus Chicago und werde hier nie wirklich hingehören, aber ich fühle mich auf jeden Fall sehr wohl in Boston.

The European: Damit sind wir wieder beim Lokalkolorit. Und es scheint, als ob dabei die großen Fortschritts- und Modernisierungsnarrative der Nachkriegszeit an ihre Grenzen stoßen.
Rotella: Die Vorstadt hatte bei den urbanen Eliten schon lange einen schlechten Ruf. Seit ein paar Jahren assoziieren wir diese monotone Zersiedlung aber noch stärker mit der Wirtschaftskrise, mit steigenden Benzinpreisen und der Hypothekenblase. Wir sehen die Demokratisierung des Schimpfens auf die Vorstadt. Das Paradoxe ist, dass immer mehr Menschen dort ihren Lebensmittelpunkt haben und sich das auch auf absehbare Zeit nicht ändern wird. Das ist der Grund, warum ich die mittelgroße Stadt so faszinierend finde. Da kann man noch sagen: „Wir können auch anders leben.“ Und so beginnt die Veränderung Fuß zu fassen. Der Mensch ist enorm anpassungsfähig, das ist vielleicht das herausragende Merkmal unserer Spezies. Aber wir werden niemals so flexibel sein wie Geld und Kapital, vor allem in kultureller Hinsicht. Das heißt, dass wir fürs Erste in einer Welt leben, in der die meisten Menschen in Einfamilienhäusern wohnen. Wir können nicht einfach die Vorstädte plattwalzen und neu anfangen. Und hier in den USA gibt es zwei Wege, auf der sozialen Leiter nach oben zu klettern: Immobilienbesitz oder ein Uni-Abschluss. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten viele Menschen die Chance, einen dieser beiden Wege einzuschlagen, vor allem dank des GI Bill. Die Modernisierungsnarrative, die sie meinen, sind daher oftmals das Ergebnis einer konsequenten sozialpolitischen Planung. Die Frage ist: Was ist heute noch wirtschaftlich machbar und gleichzeitig auch kompatibel mit diesem Narrativ?

The European: Und Ihre Antwort ist …?
Rotella: Lange wurde man hier für verrückt erklärt, wenn man kein Haus kaufen wollte. Aber warum? Viele meiner Nachbarn mieten eine Wohnung, bis ihre Kinder mit der Schule fertig sind – weil unser Schulbezirk einen ziemlich guten Ruf hat. Die Idee des gekauften Einfamilienhauses hat sich überholt. Die meisten meiner Bekannten könnten sich das gar nicht leisten.

The European: Die Krise erinnert uns an unsere Grenzen. Es ist verlockend, auf Pump zu leben – aber wenn wir alle Kreditschulden haben, wachen wir auf einmal inmitten einer Hypothekenblase auf.
Rotella: Das führt uns in abstraktes Terrain. Lassen Sie mich vorsichtig antworten, und dann machen wir uns ruck, zuck wieder aus dem Staub. Bis zur Finanzkrise war die allgemeine Einstellung, dass man alles Notwendige tut, um eine Hypothek zu bekommen: Schau dem Mann von der Bank tief in die Augen, nicke mit dem Kopf, schüttele seine Hand und unterschreibe jeden Wisch, den er dir hinlegt. Kauf ein Haus und kümmere dich danach um den Rest. Heute denken weniger Menschen so, der Mythos hat sich erschöpft. Die Ironie der Geschichte ist es, dass sich heute wahrscheinlich mehr Menschen ein solches Haus wirklich leisten könnten – weil durch die ganzen Zwangsvollstreckungen in bestimmten Gebieten die Immobilienpreise enorm gefallen sind.

The European: Boxen oder Musik eignen sich offensichtlich dazu, Einzelschicksale zu beleuchten. Über diese wirtschaftlichen Fragen reden wir aber oftmals, als ob sich alles in Zahlen ausdrücken ließe. Welche Geschichte erzählen Sie hier?
Rotella: Ich habe in der letzten Zeit einige gute Reportagen gelesen. Jake Halpern ist einem Gerichtsvollzieher gefolgt und hat seine Eindrücke sehr anschaulich aufgeschrieben. Das Interessante an der Hypothekenkrise ist, dass sich in ihr zwei verschiedene Wünsche manifestieren: zum einen der Wunsch, ein Haus zu besitzen. Das ist ein Verlangen, das aktiv von unserer Kultur der letzten fünfzig Jahre gefördert worden ist. Und zum anderen der Wunsch der Zwangsvollstrecker, sich am Leid der Menschen zu bereichern, Immobilien billig zu kaufen und teuer zu verkaufen. Wenn diese zwei Wünsche aufeinander treffen, ist das eine epische Geschichte.

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