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Carlo Ratti2.01.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Wir müssen keine neue Stadt bauen, die bestehenden Städte brauchen bloß ein neues Betriebssystem.

Wo vor wenigen Jahren noch Brache war, entstehen heute Städte. New Songdo in Korea, Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder PlanIT in Portugal sind nur drei Beispiele für smarte Städte, die auf der ganzen Welt aus dem Boden wachsen.

Regierungen und Stadtplaner arbeiten dabei zum ersten Mal Hand in Hand mit IT-Firmen. ­Gemeinsam entwickeln sie Städte, die als lebende Labore für neue Technik dienen sollen. Orte, an denen die Grenze zwischen Bits und Atomen verschwimmt, wo Menschen und Sensoren zusammenkommen. Der französische Architekt ­Le Corbusier hatte Häuser noch als „bewohnbare ­Maschinen“ bezeichnet, im übertragenen Sinne kann man sich diese neuen Städte als „bewohnbare Mikrochips“ vorstellen.

Smarte Städte entstehen parallel zur Entwicklung der Umgebungsintelligenz. Dieser Begriff bezeichnet die Verbreitung elektronischer Sensoren in unserer Umgebung, die menschliche ­Aktivität nicht nur registrieren, sondern auch auf sie reagieren können. Es ist der nächste Entwicklungsschritt von Computersystemen: Aus zimmerfüllenden Mainframe-Systemen wurden statische Desktops und aus portablen Laptops kleine Smartphones. Oder die Technik wurde direkt unsichtbar, etwa als Computer Teil unserer Umgebung oder unseres Körpers wurden.

Menschen werden zu Sensoren der Stadt

Denken Sie nur an die letzten beiden Papst­ernennungen: 2005, bei Benedikt, reckten die ­jubelnden Massen ihre erhobenen Hände in die Luft. 2013, bei Franziskus, sah man stattdessen glitzernde Smartphones. Diese Atomisierung der Technik ermöglicht smarte Städte, denn die physische Welt lässt sich nicht länger von der ­digitalen Technik trennen.

Sensoren sind der wichtigste Mechanismus der Umgebungsintelligenz. Neue Messgeräte durchdringen die urbane Umgebung und reagieren ­dynamisch. Wir lernen mehr über unsere Städte, damit sie mehr über uns lernen können. Wenn Menschen beispielsweise telefonieren, SMS schreiben oder unterwegs im Internet surfen, lassen die erzeugten Daten Rückschlüsse auf Bewegungen der Städter in Echtzeit zu und ermöglichen damit Staumeldungen. Sensoren sind wie ein Kontrastmittel in den Venen der Stadt:

Gemeinsam mit dem Start-up Superpedestrian haben wir das Copenhagen Wheel entwickelt, Sensoren am Fahrrad, mit denen wir die Verschmutzung der Stadtluft messen. Sogar Müll kann smarter­ werden: Wenn wir Abfall mit ortsbestimmenden Sensoren versehen, zeigen diese ein faszinierendes Bild unseres labyrinth-artigen Abfallsystems.

Am interessantesten ist aber, dass Smartphone-Besitzer selbst zu Sensoren werden. In den vergangenen Jahren entstand ein Universum urbaner Apps, mit denen Benutzer ihren Standort, ihre ­Informationen oder Bedürfnisse teilen können und so auf neue Art mit ihrer Umgebung interagieren. Man kann ein Taxi rufen („Uber“), ein Platz im ­Restaurant reservieren („OpenTable“) oder sogar andere Menschen treffen („Grindr“ und „Blender“).

Intrige, Drama, Mord

Echtzeit-Informationen werden von unserer Hosen­tasche in die Stadt und direkt zurück in unsere Hände geschickt. Manchmal entsteht daraus ehrenamtliches Engagement: Benutzer der Software „Waze“ teilen detaillierte Straßen- und Verkehrsinformationen, damit andere Nutzer davon profitieren. Und „OpenStreetMap“ lässt jeden Nutzer eine Karte von Orten erstellen, die noch nie systematisch erfasst wurden. Das sind insbesondere Entwicklungsländer, die noch nicht mit einem Besuch von Internet-Kartografen ­gesegnet wurden.

Diese Beispiele zeigen, dass eine Stadt voller Sensoren jede Menge Vorteile hat. Die in ihr anfallenden Daten sind zunächst neutral, könnten also auf jede erdenkliche Art verwendet werden. Doch schon der Künstler und Xerox-PARC-Pionier Rich Gold fragte in einem bemerkenswerten Essay: „Wie smart muss Ihr Bett sein, bevor Sie sich fürchten, darin zu schlafen?“ Die bloße Menge von Sensoren gesammelter Daten könnten Ihnen den Schlaf rauben. Googles Eric Schmidt schätzte bereits vor drei Jahren, dass alle 48 Stunden so viele Daten produziert werden wie in der ­gesamten Menschheitsgeschichte bis 2003. Wir müssen also dringend klären, wer in Zukunft Zugriff auf diese Daten hat. Nur so können wir vermeiden, dass die dystopische Kurzgeschichte „La Memoria del Mondo“ (dt.: „Das Gedächtnis der Welt“) von Italo Calvino wahr wird, in der Sammelwut zu Intrige, Drama und Mord führt.

Nun also stellt sich die Frage, ob wir für solche Technik wirklich eine neue Stadt bauen müssen. Ich glaube nicht. Natürlich, Umgebungsintelligenz hat architektonische Konsequenzen, zum Beispiel die notwendige Errichtung reaktiver Fassaden und spezieller Klimazonen für Bewohner. Doch viele Chancen­ lassen sich auch in bestehenden Städten ausloten. ­Ohnehin klingen viele Versuche, eine Smart City aus dem Boden zu stampfen, unnütz und nach bloßer Rechtfertigung für riesige Infrastrukturprojekte, die langweilige Betonklötze produzieren. Natürlich kann Umgebungsintelligenz neue Städte ermöglichen – aber sie kann auch unseren bestehenden, ­chaotischen ­Städten neues Leben einhauchen. Sie ist wie ein neues ­Betriebssystem für alte Hardware.

Denken wir an Venedig. Der Designer Bill Mitchell bemerkte: „Die wunderschöne Innenstadt kann moderne Telekommunikationstechnik deutlich besser implementieren, als sie sich an die Anforderungen der industriellen Revolution anpassen konnte“. Vielleicht haucht Umgebungsintelligenz also sogar neues Leben in die gewundenen Straßen italienischer Bergdörfer, das Panorama von Santorin oder die leeren Industriekomplexe von Detroit.

Von fliegenden Autos, die in jeder Debatte über neue Städte unweigerlich auftauchen, müssen wir uns verabschieden. Denn die urbane Formgebung ist in den vergangenen Jahrtausenden erstaunlich stabil geblieben – viele Elemente davon fanden sich schon bei den antiken Griechen und Römern. Menschen werden auch weiterhin Strukturen, Böden und Wände brauchen (Es tut mir leid, Frank Gehry!). Aber das Leben, was sich innerhalb dieser Wände abspielt, wird sich mehr denn je verändern: Umgebungsintelligenz erzeugt keine smarten Städte, sondern smarte Bürger.

_Dieser Kommentar entstand in Zusammenarbeit mit Matthew Claudel. Übersetzung aus dem Englischen_

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