Ein Präsident ist wie ein Friedhofswächter: er hat viele Leute unter sich, aber keiner hört zu. Bill Clinton

Digitale Citoyens

Eine digitale Bürgerschaft wächst heran. Bisher konzentriert sich ihre Wut auf die eigene Welt, das Netz. Das wird nicht ewig so bleiben – die Politik sei gewarnt.

Selten haben sich Medienentwicklung und Politik in einem so engen Spannungsfeld befunden wie heute. Schlagworte wie „Facebook-Revolution“ oder „YouTube-War“ in Bezug auf Ägypten bzw. Syrien vermitteln den Eindruck, die digitalen sozialen Netzwerke seien eine eigenständige Kraft in internationalen politischen Konflikten. Die Bewertung dieser neuen Form bürgerlicher Partizipation mittels digitaler Medien hat zu höchst unterschiedlichen Reaktionen geführt.

Betrachtet man die Debatte um die Rolle der Netzkommunikation für die politische Beteiligung, so schwanken die Positionen zwischen medieneuphorischer Begeisterung und düsterer Schwarzmalerei. Die einen sehen die digitalen Optionen, insbesondere die sozialen Netzwerke, als ein Medium, mit dem frühe Mündlichkeitskulturen technisch wiederherstellbar sind. Elektronische Gemeinschaften werden in dieser Konzeption als Substrate längst verloren gegangener öffentlicher Orte der Kommunikation gewertet, als öffentliche Kommunikationsformen in der Tradition der Salons und Kaffeehäuser des 18. Jahrhunderts eingeordnet und als „elektronische Agora“ beschrieben. Damit wird das Netz als Ort der technischen Verwirklichung der Moderne verstanden, als Forum idealisierter Kommunikationskulturen, in dem die „Weisheit der Masse“ die besten Ideen für die Gesellschaft produziert.

Internet an sich ein Medium der Ungleichheit?

Auch die Politik, so die Hoffnung, kann sich dieser Form der sozialen Kontrolle nicht länger durch Intransparenz entziehen. Bestärkt wurde diese Position durch einige politische Skandale, die die Macht der Netzbürger zu verdeutlichen schienen – allen voran die Plagiatsaffäre des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers zu Guttenberg im Februar 2011. In dessen Doktorarbeit wurden durch die akribische Prüfung vieler Freiwilliger auf einem Wiki zahlreiche nicht kenntlich gemachte Zitate nachgewiesen, wodurch zunächst im Social Web und daraufhin in der breiten Öffentlichkeit eine Kontroverse um die Glaubwürdigkeit des Ministers ausgelöst wurde, die letztlich mit seinem Rücktritt endete.

Aber auch die erwähnten internationalen Konflikte, in denen sich insbesondere Twitter und Facebook als Plattformen für die lokalen und internationalen Gegenöffentlichkeiten herausbildeten, nähren die Perspektive auf die neue Freiheit durch die digitalen Netze. So hat Facebook u.a. auf der berühmten Seite von „We are al Khaled Said“ nicht unerheblich zur Globalisierung der lokalen Konflikte in Ägypten beigetragen, die dann ihrerseits die Weltöffentlichkeit bewegten. Die Ereignisse in Syrien, die teilweise nur noch über YouTube an die Weltöffentlichkeit gelangen, machen die Stärke der schnellen und unproblematischen Veröffentlichung von Geschehnissen durch „Eyewitnesses“ aktuell deutlich.

Aber die Bewertung solcher Vorgänge ist keineswegs einhellig positiv. Die kritische Perspektive ist vielmehr von grundlegender Skepsis gegenüber überhöhten Erwartungen an digitale Vergemeinschaftung gekennzeichnet und betont den fragmentierenden und sozial ungleichen Charakter des Netzes. Argumentiert wird zudem, dass durch die Filterfunktionen der großen Social-Media-Konzerne wie Facebook, Google oder Twitter manipulative Wahrnehmungs- und Beziehungsbegrenzungen konstruiert werden. Vor allem aber wird konstatiert, dass das Internet an sich ein Medium der Ungleichheit sei und eine digitale Spaltung befördere – der reiche Norden mit Millionen NutzerInnen gegen den armen Süden, der bisher nur partikular Netzzugang hat.

Welcher Bewertung der Netzkommunikation man auch immer zugeneigt sein mag – Tatsache ist, dass sich über verschiedene Netzaktivitäten eine Kultur der digitalen Bürgerschaft entwickelt hat. Diese neue Bürgerschaft konstituiert sich über Sprach- und Ländergrenzen hinweg und ist durchaus dispers und heterogen. Als zentrale Gemeinsamkeit solcher digitaler Bürgerschaften kann jedoch ein neues Verhältnis zum Recht auf Öffentlichkeit angesehen werden. So ist es bezeichnend, dass selbst die chinesische Regierung nicht mehr riskiert, den beliebten Microblogging-Dienst „Sina Weibo“ stillzulegen – der Protest von 300 Millionen Usern ist selbst dort ein zu großes Risiko.

Bislang reduziert sich die Wut auf das Netz

Interessanterweise ist es oft gar nicht unbedingt die viel beschworene Masse der User, die Entscheidungen maßgeblich beeinflusst, sondern die komplexe Diffusionskultur. Die Möglichkeit der sekundenschnellen Verbreitung von Nachrichten ist eine Essenz der digitalen Öffentlichkeit, die sich in verschiedenen Protestsituationen, ob in Ägypten oder Stuttgart21, bewährt hat und auch einigen Politikern, SportlerInnen oder Medienstars schon sehr reale Probleme bereitet hat. Bezeichnend ist im Übrigen auch die Ignoranz der Politik, die sich dieser Diffusionsmacht immer noch nicht bewusst ist. Anschaulich wurde dies während des sogenannten „Trierweilergate“ im Juni 2012 ersichtlich, wo ein Tweet der Hollande-Gefährtin Valérie Trierweiler den französischen Präsidenten in Erklärungsnot brachte.

Die Globalisierung der Politik hat in den sozialen Netzmedien eine kommunikative Antwort gefunden. Diese technisch simple Option zur Einmischung wird für die Politik immer spürbarer werden. Noch sind die digitalen Bürgerschaften zwar nur lose organisiert und auf lokale Konflikte konzentriert. Aber diese digitalen Citoyens sind im besten Sinne Weltenbürger und ihre Aktivitäten verändern allmählich die Zeit- und Ortslimitierungen als traditionelle Achsen der Politik. Bisher, so scheint es zumindest, reduziert sich die Wut der digitalen Citoyens auf ihre eigene Welt, das Netz, wie im Falle der durchschlagenden ACTA-Boykotte deutlich wurde. Aber die Politik sei schon mal gewarnt – das könnte sich angesichts der weltweiten Krisen sehr schnell ändern!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roderick Panchaud, Marina Weisband, Hans-Christian Ströbele.

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