Das öffentliche Wohl sollte das oberste Gesetz sein. Marcus Tullius Cicero

Papst ohne Fortune

Der Papst ist auf der Suche nach der Liebe der Gläubigen. Denn: Obwohl er seine Versprechen hält – er geht auf Muslime und Juden zu und gegen pädophile Priester vor –, verstehen ihn die Katholiken immer weniger. Sein einziger Trost: Johannes Paul II. erging es auch nicht besser.

So einiges, was dieser Papst tut, aber vor allem nicht tut, gibt Anlass zur Sorge. Doch was die Öffentlichkeit ihm am meisten anlastet: Er ist nicht sein Vorgänger, nicht so kommunikativ, nicht so charismatisch, nicht so medienwirksam.

Benedikt XVI. – man glaubt es kaum– ist ein anderer Charakter, er ist schwieriger, zurückhaltender, verkopfter. Seine hohe, etwas schüttere Stimme, das beinahe schüchterne Auftreten eignen sich wenig zum Menschenfang. Nach fünf Jahren eines bisweilen arg holpernden Pontifikats ist die Enttäuschung der Welt groß. Der Umgang der Kirche mit dem seit Monaten anhaltenden, sich scheinbar endlos ausbreitenden Missbrauchskandal verschreckt selbst stramme Katholiken.

Glückloser Papst

Dabei hatte alles so schön begonnen: Angetreten war ein umjubelter Papst mit einer Geste der Versöhnung: Er wollte offene Dialoge führen mit jenen, die nicht so denken wie er, mit der säkularen Welt, den Muslimen, Juden und den nicht katholischen Christen. Verbotstafeln, wie er sie als Chef der Glaubenskongregation jahrelang hochgehalten hatte, sollten auf dem Müll der Geschichte landen.

An diese Versprechen hat er sich weitestgehend gehalten, fast alle diese Gruppierungen hat er jedoch mit beispiellosen Ungeschicklichkeiten auf diplomatischem und politischem Parkett verprellt. Diesem Oberhirten mangelt es nicht an gutem Willen, auch nicht an Kompetenz, es ist schlimmer: Benedikt mangelt es an Fortune. Selbst ihm wohlgesinnte deutsche Medien wie “Bild” und die “Welt” zitieren ihn falsch oder aus dem Zusammenhang gerissen. Die ihn umgebenden Kardinäle beraten ihn falsch oder entgleisen selbst wie jüngst Kardinal Sodano, der die Kritik am Verhalten des Vatikans “Geschwätz des Augenblicks” nannte. Für solch beispielloses Fehlverhalten trägt niemand anders die Verantwortung als der Papst selbst.

Sein Pontifikat wollte er – der Denker – der Rechristianisierung Europas widmen. Das ist ihm gründlich misslungen. Er hat im Gegenteil viele Christen gegen sich aufgebracht. Nie zuvor hatte ein Regierungschef es gewagt, einen Papst öffentlich zurechtzuweisen (einzig Angela Merkel im Zusammenhang mit der Affäre um den Holocaustleugner Bischof Willamson).

Die Menschen verstehen den Papst nicht mehr

So viel Unglück auf einmal für den Mann auf dem Heiligen Stuhl – da geht fast unter, dass er, als er noch Ratzinger hieß, unerbittlich gegen pädophile Geistliche vorging, wie eben gegen jenen “Father” Murphy aus den USA, der sich an Taubstummen sexuell verging. Nach Kirchenrecht war der Fall verjährt, die Glaubenskongregation Ratzingers trieb die Eröffnung eines Verfahrens gegen Murphy jedoch voran.

Auch in seinem Hirtenbrief an die Iren ist Benedikt weiter gegangen als jedes Kirchenoberhaupt vor ihm. Er schrieb: “Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und Reue aus, die wir für alle fühlen.” So ähnlich formulierte er es auch am Sonntag während eines Gesprächs, das er anlässlich seiner Maltareise mit Missbrauchopfern führte. Dennoch: Die Menschen verstehen ihn nicht mehr. Für einen Papst, der nicht auch persönliche Fehler einräumt, ist es schwierig, geistliche und politische Autorität für sich in Anspruch zu nehmen.

Das Amt des Pontifex maximus sei nicht dazu da, dass dessen Träger von der Welt geliebt wird, schreibt “Der Spiegel” in seiner Titelgeschichte über ihn. Doch womöglich liegt genau da die Crux: Ein spiritueller Führer muss von seinen Anhängern geliebt werden, es ist genau diese Liebe, die ihn trägt und ihm die Schwere des Amtes ertragen hilft. Benedikts Vorgänger hat das gewusst.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    68er – 21.04.2010 - 00:02

    Wenn ich lese, was Frau Haertel hier über den Fall Murphy schreibt, wird mir schlecht. Wer des Englischen mächtig ist, mache sich seine eigene Meinung und lese die Dokumente, die die New York Times veröffentlicht hat:

    (Vorsicht! Die Details sind grauenvoll.)

    http://documents.nytimes.com/reverend-lawrence-c-murphy-abuse-case#document/p1

    Insbesondere dieser Brief der Glaubenskongregation belegt aus meiner Sicht, dass die von Herrn Ratzinger geleitete Institution vor allem darauf bedacht war, die Sache zu vertuschen:

    http://documents.nytimes.com/reverend-lawrence-c-murphy-abuse-case#document/p69

    Frau Haertel sollte sich schaemen.

  • Theeuropean-placeholder
    Peter Sendler – 21.04.2010 - 19:56

    Wer sich hier schämen sollte, 68er, sind Sie selbst, wenn sie den schlecht recherchierten Unsinn in Bezug auf den Fall Murphy, zu dem sich die New York Times mittlerweile schon selber bekannt hat, hier noch unkritisch weiterverlinken.
    Wenn schon, dann aber auch bitte die unterschlagenden Fakten nachreichen.
    In den USA schaltet sich im Gegensatz zu hier die Presselandschaft nämlich noch nicht selber gleich.

    Im Gegensatz zur Autorin finde ich, daß der Papst manchmal durchaus geschickt vorgeht und keineswegs von der gesamten Bevölkerung im Lande Luthers, das sich wie immer im Zentrum der Weltkirche und der rechtschaffenden Gesinnung zugleich wähnt, geliebt werden muß.

    http://online.wsj.com/article/SB20001424052702304017404575165792228341212.html
    http://spectator.org/archives/2010/04/05/the-pope-the-scandal-and-the-c
    http://corner.nationalreview.com/post/?q=ZDkxYmUzMTQ1YWUyMzRkMzg4Y2RiN2UyOWIzNDVkNDM=
    http://www.timesonline.co.uk/tol/comment/columnists/guest_contributors/article7076344.ece
    http://www.spiked-online.com/index.php/site/article/8360/
    http://www.politicsdaily.com/2010/03/21/edmund-burke-clerical-scandal-and-the-reign-of-terror/

  • Theeuropean-placeholder
    68er – 21.04.2010 - 23:05

    Bitte beachten Sie, dass ich nicht auf den Artikel der “New York Times” verlinkt habe sondern auf die dort veröffentlichten Dokumente.

    Ich denke, sie sprechen für sich.

    Ich habe auch – im Gegensatz zu Frau Haertel – nicht behauptet, Herr Ratzinger habe sich persönlich seine Finger in dieser ekelhaften Geschichte schmutzig gemacht sondern die von ihm “geleitete Institution” war darauf bedacht die Sache zu vertuschen (“avoid scandal”).

    Bitte zeigen Sie mir ein Dokument, das die Behauptung von Fau Haertel belegt, Herr Ratzinger sei im Fall von “Father” Murphy “unerbittlich gegen pädophile Geistliche” vorgegangen.

    Herr Ratzinger mag seine Hände in Unschuld waschen, die von ihm geleitete Institution, die Kongergation für Glaubenslehre, hat der katholischen Kirche letztlich einen schlechten Dienst erwiesen.

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