Die Freiheit der Kunst ist ein hohes und nicht verhandelbares Gut. Michael Eissenhauer

Die chirurgische Impfung

Die Beschneidung von kleinen Jungen bietet extrem viele gesundheitliche Vorteile. Sie sollten abseits der religiösen Debatte in Europa anerkannt werden.

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Blickt man in die aktuelle Forschungsliteratur, finden sich massenweise Fachbeiträge, die sich für eine Beschneidung von Jungen aussprechen. Viele der besten Beiträge stammen dabei aus Europa und dort vor allem aus Spanien und Frankreich.

Wie also kann man erklären, dass das Wissen um die Vorteile der Beschneidung in Europa so gering ist? Ein Grund ist sicher, dass die männliche Beschneidung zu oft mit der Beschneidung von Frauen in einen Topf geworfen wird. Was natürlich Quatsch ist: Die Beschneidung von Frauen ist brutal, hat nur Nachteile und keinen Nutzen. Das Entfernen der Vorhaut bei kleinen Jungen dagegen sollte befürwortet werden. Der Vorgang ist so gut wie immer harmlos und bringt sowohl gesundheitliche als auch sexuelle Vorteile mit sich.

Komplikationen treten in etwa ein Prozent der Fälle auf

Nachdem das Urteil des Kölner Landgerichts die Diskussion in Deutschland angefacht hat und sich die Politik bald ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzen wird, ist es Zeit für Europa, die Vorteile der Beschneidung anzuerkennen.

Eine auf dem Stand der Forschung basierende Stellungnahme zur Beschneidung ist kürzlich in dem renommierten „Open Journal of Preventive Medicine“ erschienen. Darin wurde ebenfalls auf die Risiken einer Beschneidung hingewiesen: Komplikationen treten in etwa ein Prozent der Fälle auf und sind in aller Regel nicht schwerwiegend und gut zu behandeln. Die Vorteile, so die Autoren, überwögen die Risiken in etwa um den Faktor 100. Denn Beschneidung beugt verschiedensten Krebserkrankungen und der Verbreitung von HIV vor.

Im Grunde kann man die klinisch und sachgerecht unter lokaler Betäubung durchgeführte Beschneidung mit einer Schutzimpfung vergleichen. Beide tragen kleine Risiken, doch die Vorteile für die Gesundheit überwiegen. Genau genommen kann man von der Beschneidung als einer „chirurgischen Impfung“ sprechen.

Von Gegnern wird oft argumentiert, die Beschneidung solle nur in einem Alter vorgenommen werden, in dem der Junge oder Mann selbst einwilligen kann. Auch dazu gibt es aktuelle Literatur („A ,snip‘ in time: what is the best age to circumcise“, in: „BMC Pediatrics“). Die Autoren zeigen, dass die gesundheitlichen wie kosmetischen Resultate der Beschneidung am besten sind, wenn sie im Kleinkindalter vorgenommen wird. Hinzu kommt, dass bei älteren Männern selbst dann die Hemmungen vor einem Eingriff größer sind, wenn sie eigentlich beschnitten sein möchten.

Die Beschneidung schützt vor HIV

Betrachten wir die Vorteile der Beschneidung genau: Schon das Kleinkind wird vor Infektionen in der Harnröhre oder Blase geschützt. Diese treten bei zwei bis vier Prozent der Kleinkinder auf und führen in der Hälfte aller Fälle zu einer dauerhaften Schädigung der Hoden.

Pilzinfektionen unter der Vorhaut wird vorgebeugt. Zehn Prozent aller Männer leiden zudem unter einer zu engen Vorhaut, was sowohl die sexuelle Funktion negativ beeinflusst als auch ein erhöhtes Krebsrisiko am Penis mit sich bringt.

Die Beschneidung schützt weiterhin vor diversen bekannten wie weniger bekannten Geschlechtskrankheiten. Das Papillomavirus z.B. wird oft sexuell übertragen und verursacht Krebs, ähnliches gilt für Herpesviren. Krebs am Penis ist zwar relativ selten, nur einer von tausend Männern ist betroffen. Doch die Statistiken zeigen: Kein einziger von ihnen ist beschnitten. Es gibt auch Hinweise, dass Beschneidung das Risiko von Prostatakrebs senkt.

Zumindest beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr werden Männer zudem vor der Infektion mit HIV geschützt. Derzeit wird HIV zwar in Europa vor allem zwischen homosexuellen Männern und Drogensüchtigen, die ihre Spritze teilen, übertragen – dennoch ist jede Vorsorge sinnvoll.

Und was ist mit Sex?

Und Frauen, deren Partner beschnitten sind, haben ein deutlich geringeres Risiko, an vaginalem Krebs, Infektionen und Herpes zu erkranken.

Rechnet man alle möglichen Krankheiten zusammen, zeigt sich, dass unbeschnittene Männer eine 50 Prozent höhere Chance haben, mindestens eine der Krankheiten zu bekommen. Viele von ihnen werden daran sterben oder ihre Partnerin anstecken.

Und was ist mit Sex? Die Forschung zeigt hier, dass Empfinden wie Befriedigung steigen. Wenn es einen Effekt der Beschneidung gibt, dann macht er den Sex besser. Auch stimmt der Mythos nicht, dass die wesentlichen Sensoren für sexuelles Empfinden in der Vorhaut lägen.

Es bleibt deshalb festzuhalten, dass Europa sich nicht gegen die Beschneidung von Jungen stellen sollte. Ärzte, Gesundheitseinrichtungen und Regierungen sollten über die Vorteile – auch die reduzierten Kosten für das Gesundheitssystem – informiert werden. Die medizinische Beschneidung sollte legal sein und unterstützt werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gert Van Dijk, Ali Kizilkaya, Gregory Boyle.

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