Die Entscheidung der Rating-Agenturen Moody’s und Standard and Poor’s, Deutschland, vierzehn weitere Länder der Euro-Zone sowie mehrere Banken herabzustufen, hat für hitzige Debatten gesorgt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in den kommenden 90 Tagen weitere Herabstufungen folgen werden. S&P hat argumentiert, dass „systemische Belastungen in der Euro-Zone in den vergangenen Wochen so weit angestiegen sind, dass jetzt die Kreditwürdigkeit der Euro-Zone insgesamt negativ beeinflusst wird“. Was soll an dieser Einschätzung falsch sein?
Zunächst einmal scheint die Aussage wenig kontrovers zu sein. In den vergangenen Wochen haben sich die Ansteckungseffekte im Bankensektor deutlich verschärft; die Gefahr einer Rezession ist nicht mehr zu vernachlässigen. Die Intervention der Europäischen Zentralbank zeigt, wie angespannt die Lage ist. Dazu kommt, dass die wirtschaftlichen und politischen Unwägbarkeiten das Risiko für Europa vergrößern. Rating-Agenturen sollten nicht dafür abgekanzelt werden, wenn sie vor dieser Gefahr warnen.
Ratings produzieren Risiko
Das Problem ist jedoch, dass jede Einschätzung der Rating-Agenturen weitere Effekte im Markt hervorruft. Ratings produzieren selbst Ansteckungseffekte und vergrößern das systemische Risiko. Als während der Finanzkrise 2007 risikoreiche US-Hypotheken massenhaft als Ramsch eingestuft wurden, hat das den Zerfallsprozess im Bankensektor nur noch weiter beschleunigt. Die Schuldenkrise lässt sich also nicht betrachten, ohne die Rolle der Rating-Agenturen zu analysieren.
Seit der Gründung der Europäischen Währungsunion waren alle Staatsanleihen nahezu gleich bewertet, obwohl die Verantwortung für die nationale finanzielle Situation weiter zu hundert Prozent bei den Regierungen der einzelnen Staaten lag. Heute wissen wir, wie falsch diese Einheitsbewertung war. Auch Rating-Agenturen haben nichts getan, um die massive Fehleinschätzung der Märkte zu korrigieren. Doch wenn die präventive Funktion von Ratings nicht funktioniert, wozu vertrauen wir dann auf die Urteile der Agenturen? Die aktuelle Herabstufung ist zweifelsfrei richtig – das steht außer Frage – aber sie kommt wieder einmal zu spät. Es ist nicht die Aufgabe von Rating-Agenturen, auf Dinge hinzuweisen, die bereits für alle offensichtlich sind. Die Konsequenz sollte daher sein, dass Akteure im Markt nicht zu stark auf Ratings vertrauen und ihre Abhängigkeit von den Urteilen der Agenturen verringern. Diese Lektion haben weder Politik noch die Märkte gelernt.
Darüber hinaus gibt es noch drei weitere wichtige Punkte zu beachten:
Rating-Agenturen übernehmen keine Verantwortung mehr für ihre Urteile. Sie handeln rücksichtslos, obwohl ihre Entscheidungen systemische Krisen auslösen können. Die falsche Einschätzung in Bezug auf die Bonität europäischer Staatsanleihen zwischen 2000 und 2009 hatte keine Konsequenzen für die Rating-Agenturen. Doch es war genau diese Fehleinschätzung, die dazu beigetragen hat, dass Griechenland sich zu lange für zu wenig Zinsen zu viel Geld am Markt leihen konnte. Es steht außer Frage, dass Rating-Agenturen ein Teil des Problems sind.
Zweitens ist der Rating-Markt nach Ansicht einiger Ökonomen nicht vom Wettbewerb geprägt. Drei große US-Agenturen teilen den Kuchen unter sich auf. Ich frage mich, warum die EU (und vor allem die EU-Wettbewerbsbehörde, die in der Vergangenheit sogar große amerikanische Firmen bestraft hat) unfähig ist, sich mit dem Rating-Monopol auseinanderzusetzen. Fehlt es an Regulation, an Überwachung oder am Willen zum Handeln?
Ratings sind keine bloßen Schulnoten
Drittens herrscht die Irrmeinung vor, Ratings seien vergleichbar mit Schulnoten. Das halte ich für falsch. Ein Professor beurteilt seine Studenten auf Basis von transparenten und objektiven Examen. Die meisten Ratings basieren jedoch nicht auf transparenten und objektiven Kriterien. Dabei ist es genau diese Objektivität, die für präventive Ratings vonnöten ist. Wir wissen alle, dass „Vorhersagen schwierig sind, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“ (Niels Bohr). Auch ein durchdachtes Rating-Modell basiert auf Annahmen, bei denen bereits eine minimale Veränderung der Ausgangszustände große Auswirkungen auf die Zukunft haben kann. Unsicherheit ist ein Teil des Geschäfts. Die Rating-Agenturen haben es jedoch versäumt, auf diese Einschränkungen hinzuweisen. Bis heute gibt es beispielsweise kein Modell, das genaue Vorhersagen der expliziten und impliziten Verschuldung eines Staates in verschiedenen nationalen Wirtschaften ermöglicht. Doch genau solche Modelle braucht es, um langfristige Vorhersagen zur wirtschaftlichen Stabilität zu treffen. Das bloße Verhältnis von Schulden zu BIP reicht nicht aus. Auch eine unabhängige europäische Rating-Agentur könnte dieses Problem nicht vermeiden. Das gedankenlose Vertrauen auf die Urteile der Rating-Agenturen muss daher ein Ende haben.
Nachdem sie die Rating-Agenturen zuerst gestärkt haben, müssen Politiker jetzt daran arbeiten, ihren Einfluss wieder zu beschränken. Die Agenturen wiederum müssen endlich Verantwortung für die eigenen Aussagen übernehmen. Ansonsten bleibt das Schlamassel – wie wir es aktuell in Europa erleben – bestehen und wirtschaftliche Ungleichgewichte werden nie bereinigt.


















Sehr geehrter Herr Prof. Herzog,
ich bin ja sehr froh, dass nun auch langsam kritische Fachwissenschaftler ins Laufen kommen und von fachwiss. Seite unterfüttern, was der Laienverstand schon sehr lange für plausibel hielt.