Es ist verlockend, die Vergangenheit als geordnet und die Zukunft als chaotisch zu beschreiben. Clay Shirky

Die Wir-AG

Der dramatische Wandel der Arbeitswelt ist noch nicht in der Politik angekommen. Deshalb müssen die Menschen es selbst in die Hand nehmen und zu Unternehmern werden.

Aufgrund der Automatisierung der Arbeitswelt steigt die Arbeitslosenquote. Vollzeitjobs gehören für immer mehr Menschen der Vergangenheit an. Der Staat betritt sozialpolitisches Neuland, um die Folgen dieser Entwicklung abzufedern. Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein erster Schritt auf dem Weg in die neue Arbeitswelt.

Ich glaube aber nicht an ein solches Szenario. Und noch weniger an die Lösungsansätze, die uns gemeinhin präsentiert werden.

Die Politik hat es versäumt, sich das Ausmaß derzeitiger Veränderungen bewusst zu machen. Die rasante Geschwindigkeit technologischer Innovationen hat zur Konsequenz, dass sich die Produktionswirtschaft und die Arbeitswelt in den kommenden zehn Jahren stärker verändern werden als in den letzten dreißig Jahren. Am Ende dieses Prozesses werden unsere Wirtschaft und unsere Unternehmen ganz anders ausschauen, als sie es heute tun.

Wir müssen zwar nicht mit dem Horrorszenario Massenarbeitslosigkeit rechnen, aber die Entwicklung der Löhne und Lebensstandards der arbeitenden Bevölkerung wird davon abhängen, wie Reformen umgesetzt werden. Die zentrale Frage ist: Schaffen es Regierungen, Universitäten, Fachhochschulen, Berufsschulen und Gewerkschaften, die Tragweite der anstehenden Veränderungen zu antizipieren?

Aus technologischer Sicht lässt sich diese Entwicklung kaum überschätzen. Neue Produktionstechnologien wie der 3D-Drucker oder der flächendeckende Einsatz von Robotern werden die Industrie revolutionieren. Dramatische Fortschritte im Bereich der Informationstechnologien sind absehbar. Etwa alle zwei Jahre verdoppelt sich die Rechenleistung von Computern, etwa alle drei Jahre verdoppelt sich die Menge der digital gespeicherten Daten. Die Kombination dieser neuen Technologien hat nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Konsequenzen für die Arbeitswelt. Und kaum jemand hat ihre Tragweite vorhergesehen.

Die Fabrikarbeit wird zu Grabe getragen

Die direkten Konsequenzen lassen sich in wenigen Worten beschreiben. In der produzierenden Industrie werden Löhne und Lohnnebenkosten durch die Automatisierung von Fabriken rapide sinken. Immer weniger Menschen werden benötigt, um die gleiche Menge an Gütern zu produzieren. Es ist davon auszugehen, dass Löhne und Lohnnebenkosten irgendwann gen Null tendieren. Im Dienstleistungssektor wird routinisierbare Arbeit immer häufiger durch Software erledigt.

Langfristig führen diese Veränderungen zu einer wirtschaftlichen Transformation und zum Aufkommen neuer Arbeitsfelder. Die Fabrikwirtschaft wird zu Grabe getragen: Vorbei sind die Tage, in denen Arbeitnehmer in der produzierenden oder dienstleistenden Industrie mit festen Anstellungen und langfristiger Arbeitsplatzsicherheit rechnen konnten. In Zukunft werden lebenslange Weiterbildung und Ausbildung zur Grundvoraussetzung am Arbeitsmarkt.

Der Arbeitnehmer muss sich künftig stärker am Modell des Unternehmers orientieren. Gefragt sind Kreativität, Eigeninitiative, vorausschauendes Denken und Unternehmergeist. Bewusste Karriereplanung sollte dann besser nicht mehr nur der gebildeten Mittelschicht vorbehalten sein.

Wir haben als Konsequenz aus den beschriebenen Veränderungen zwar nicht unbedingt mit Massenarbeitslosigkeit zu rechnen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass die Effekte allesamt positiv sein werden. Der MIT-Ökonom David Autor hat in seinen Studien gezeigt, dass der technologische Wandel in Europa und in den Vereinigten Staaten zu einer Schwächung der Mittelschicht geführt hat. Die Polarisierung der Gesellschaft nimmt zu: Am einen Ende der Einkommensverteilung steht eine relativ kleine Elite. Am anderen Ende nimmt die Zahl der Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor rapide zu. Willkommen in der Zukunft.

Der Weg des geringsten politischen Widerstandes führt daher genau in die falsche Richtung. Leider ist das aber der Weg, den wir in 99 von 100 Fällen einschlagen. Alle westlichen Industrienationen finanzieren einen Sozialstaat, den wir uns trotz aller Hoffnung nicht mehr leisten können. Kein Geld bleibt übrig für vorausschauende Reformen des Arbeitsmarktes.

Die politische und institutionelle Macht großer Unternehmen, Gewerkschaften und Bildungseinrichtungen verhindert den Wandel. Wir stecken also in der Sackgasse: Das politische System stagniert, die Wirtschaft verändert sich, die Einkommensschere geht auseinander, und wir verbringen unsere Zeit damit, ineffektive Sozialleistungen zu verteilen.

Eine andere Zukunft ist möglich: dann, wenn Regierungen die enorme Bedeutung von vier Reform­ansätzen realisieren. Wir brauchen mehr Firmengründungen, weniger Hürden und Kosten bei der Schaffung von Arbeitsplätzen, eine bessere Finanzierung urbaner Infrastruktur und eine grundlegende Reform des Bildungssystems.

Viel Zeit bleibt nicht mehr.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Nahrendorf, Friederike Spiecker, Guy Standing.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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