Ich rotiere höchstens, wenn ich Opfer des Rotationsprinzips werde. Oliver Kahn

„Der Seelenvogel ist tief, tief in uns“

Eine CDU-Politikerin will den Elternführerschein einführen. Wer aber schon mal auf einem der Kurse war, die als neue Sanktion drohen, weiß, warum das Quatsch ist. Ein Erfahrungsbericht.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete und Obfrau im Familienausschuss, Christina Schwarzer, möchte erziehungsunwillige – alternativ: unfähige – Eltern zu einem sogenannten Elternführerschein zwingen. Es gäbe Eltern, die überfordert seien, oder „schlichtweg keine Lust“ hätten, sich um die Kleinen zu kümmern.

Bei der Schuleingangsuntersuchung sollen diese Eltern nach dem Willen von Frau Schwarzer nun herausgefiltert werden und wahlweise zu Kursen zwangsverpflichtet oder bei Verweigerung zu Geldstrafen verdonnert werden. Nun existieren ohne Zweifel Eltern, die sich nicht angemessen um ihre Kinder kümmern. Die Frage, die offen bleibt, ist jedoch: Wer definiert, was „angemessen“ ist?

Nach welchen Kriterien wird entschieden?

Der Schularzt, der bei einer Routineuntersuchung ein paar Minuten unsere Kinder sieht? Oder müssen demnächst die Erzieherinnen im Kindergarten Meldung machen, wenn Eltern nicht konform laufen? Nach welchen Kriterien wird da entschieden?

Unweigerlich stellt sich mir als vierfache Mutter die Frage: Wären wir mit all unseren Kindern reibungslos durch diese Untersuchungen gekommen? Unser Drittgeborener hätte uns bei einem Kontrollsystem vermutlich eine Meldung beim Jugendamt eingebracht. Ich erinnere mich noch gut, wie er im Kindergarten auf die Frage, was sein Lieblingsobst sei, antwortete: „Schokolade“. Alarmstufe Rot!

Später fiel er fast durch den Delfin-Sprachtest als Vierjähriger. Nicht weil er nicht sprechen konnte. Ganz im Gegenteil, sogar den Konjunktiv und den Genitiv beherrschte er zu diesem Zeitpunkt einwandfrei. Er verweigerte aber die Mitarbeit bei einer – um es freundlich auszudrücken – Fachkraft, die sich weder die Mühe machte, sich dem Kind vorzustellen, noch irgendwie erst mal mit ihm warm zu werden. Pädagogischer Totalausfall, aber Schulleiterin. Dafür quittierte er sie mit komplettem Schweigen und schrammte damit als erstklassiger Redenschwinger nur knapp an einem Sprachkurs vorbei.

Erziehungsunfähige Eltern? Ein zu leichter Reflex

Ähnliche Erfahrungen hatten wir mit dem sturen Kerlchen beim Kinderarzt, weil er eben nicht auf Kommando vorführen wollte, was er alles kann. Ein ganzes Jahr lang hielt er sich vermeintlich für Spiderman, was er mit seinem Karnevalskostüm auch im Sommer unter Beweis stellte und indem er versuchte, in jeder Behausung die Türrahmen zu erklimmen. Oft erfolgreich. Unser älterer Sohn hingegen malte jahrelang nur Bilder, die jedem Psychologen vermutlich für Monate das Budget gesichert hätten. Ich weiß auch nicht, was das sein sollte, aber ihm gefiel es.

Bei unserer Jüngsten sah ich mich vorbeugend gezwungen, im Kindergarten darauf hinzuweisen, dass ich für ihre Kleidung keine Verantwortung übernehme und der Tatsache, dass sich eine Vierjährige komplett alleine morgens anzieht den Vorrang gebe vor einem Modestil, der mitteleuropäischen Ästhetik-Standards genügt. Der Reflex wäre leicht, bei solchen Situationen die Eltern als erziehungsunfähig abzustempeln und das Kind als förderungsbedürftig zu klassieren, obwohl die Realität eine andere ist.

Und was sind das dann für Kurse, in die man Eltern so schickt? Auch hier haben wir als Eltern Erfahrungen vorzuweisen und ich bin nicht sicher, ob Frau Schwarzer die Qualität so mancher bereits existierender Programme kennt. Allesamt mit irgendwelchen Qualitätssiegeln ausgestattet, teilweise von Krankenkassen gefördert und selbstredend immer gut gemeint.

Deswegen Frau Schwarzer, weil Sie es vielleicht nicht wissen können, hier mein ganz persönlicher Erfahrungsbericht aus einem Eltern-Kind-Kurs für Vorschulkinder, an dem ich jüngst teilnahm. Angesichts einer bald Sechsjährigen, die im Herbst die Schule beginnt, habe ich mich brav auf die Liste geschrieben und bin nun um eine Erfahrung reicher – nämlich, dass ich das nie mehr brauche:

Dienstagabend, 20 Uhr: Halten die mich eigentlich für bescheuert? Als die Dame anfängt, mit Piepsstimme das Lied von der kleinen tapferen Maus anzustimmen, ist mein Maß voll. Infoabend für ein Stark-mach-Projekt für Vorschulkinder im Kindergarten. Sieben Einheiten für die Kinder und dazu ganze drei Elternabende und ein gemeinsamer Nachmittag von Eltern mit Kind. Das ist ambitioniert. Muss ich hier jetzt auch für die Einschulung stark gemacht werden? Wusste ich gar nicht. Die Teilnehmerliste geht rum, wir wollen doch überprüfen, ob nicht einer schwänzt!

Gleich breche ich auf meinem Kinderstühlchen zusammen

30 Minuten später, wir haben erst das Programm der zweiten Kindereinheit durch, also noch fünf Programmpunkte vor uns. Vielleicht würde es schon helfen, wenn die beiden Damen einfach schneller sprechen und wie zu Erwachsenen. Ich bin nämlich schon ein großes Mädchen. Jetzt müssen wir ein Bilderbuch anschauen, das die Kinder lesen werden. Wir lesen es ganz! Seite für Seite! Gaaaanz laaangsam. Die Geschichte von der starken Kim, während ich gleich auf meinem Kinderstühlchen zusammenbreche.

OK, vielleicht bin ich unfair, es ist das vierte Kind, das wir einschulen und unsere kleine Maus hat definitiv keinen Nachholbedarf in Sachen Stärkung. Sie strotzt vor Selbstbewusstsein. In ihrem Kindergartenbericht (ja, heutzutage wird so was akribisch aufgeschrieben) steht als typischer Satz: „Das kann ich schon alleine.“ Genau, sie kann es. Was tue ich also hier? Hab mich wieder breitschlagen lassen. Sie sollte ja nicht das einzige Kind sein, das nicht teilnimmt. Gruppenzwang funktioniert auch heute noch einwandfrei unter halbwegs sozialisierten Eltern. Also haben wir sie mit angemeldet zu dem Projekt. Du willst doch deinem Kind nicht etwa eine Förderung vorenthalten!?!

Während im Hintergrund die Geschichte von der traurigen Kim an mir vorbeirauscht, graut mir bereits vor nächster Woche, da ist schon wieder Elternabend. Die Damen haben gerade angekündigt, wir sollen dann auch in Zweiergruppen unsere eigenen Stärken, die unseres Kindes und unserer Familie besprechen. Ja, lass es raus! Ich wusste nicht, dass wir Therapie brauchen. Nennt mich ignorant. Von mir aus macht das Programm mit meinem Kind, schadet ja nichts, aber ich brauch keine Nachhilfe und ich hab auch nicht darum gebeten.

Das Wort „Stärke“ ist bereits 50 Mal gefallen

21 Uhr, das Wort „Stärke“ ist jetzt ungelogen bereits 50 Mal gefallen. Ja, ich hab es verstanden, nur weiß ich immer noch nicht, was es mit der Schule zu tun hat. Nichts von dem, was wir bislang gehört haben, ist spezifisch für Vorschulkinder, dafür weiß ich aber, dass das hier ein zertifiziertes Programm ist, das sich eine der beiden selbst ausgedacht hat, wie sie stolz verkündet. Das macht Kritik nahezu unmöglich, ohne unhöflich zu werden.

Weiter im Programm. Oh nein, die kleine Kim ist ganz traurig, ja und allein, oh und ja sie hat Angst. Passend zum Babysprech gucken die Damen dazu ganz traurig und ganz angsterfüllt. Oh ja, ich krieg auch langsam Angst. Das Bilderbuch ist wieder da. Fast war es schon im Vorführkoffer verschwunden, kurz ein Hoffnungsschimmer am abendlichen Horizont, aber jetzt kommen zusätzlich noch die „Gefühlkarten“ ins Spiel. Vielleicht finde ich wenigstens die für „Richtig genervt“. Nachdem bereits der große Kuschellöwe und die kleine Kuschelmaus (handgearbeitet, ganz schwer zu bekommen, fühlen Sie mal!) rumgereicht wurden, jetzt also die Karten. Es liegt noch ein ganzer Stapel Bücher da, ich hab langsam Panik, dass wir alle noch lesen werden. Gaaanz laaangsam. Einzeln. Seite für Seite.

21:30 Uhr, der Seelenvogel wird ausgepackt. Würde ich nicht nebenher schreiben, ich wäre schon geplatzt. Ich hätte es den beiden Damen gesagt: Redet mal schneller, ich hab auch noch ein Leben. Und nein, ich bin nicht doof, ich kann lesen. Schreibt das alles auf ein Infoblatt. Ich les’ es auch. Großes Indianerehrenwort! Und ja, den Löwen finden die Kinder sicher supi und auch die Bücher und die Maus und das Lied … „der Seelenvogel ist tief, tief in uns“ … Hauptsache, sie singt nicht wieder.

Noch drei Waschmaschinen und eine Kolumne

Am liebsten würde ich aufstehen und gehen, die elterliche Erziehung, die ich genossen habe, hindert mich leider daran, außerdem muss ich jetzt den großen Seelenschlüssel befühlen. (Auch ganz schwer zu kriegen!) Wahrscheinlich sind die Damen insgeheim ganz begeistert, dass ich so viel mitschreibe. Gibt vielleicht einen Pluspunkt, wenn ich nächste Woche fehlen werde. Wo ist denn die Mutter, die so fleißig mitgeschrieben hat? Die hat noch drei Waschmaschinen und eine Kolumne fertig zu kriegen!

Aber zurück zu Einheit drei, die Uhr steht schon auf 21:45 Uhr. Wir sind beim „Starkmachspruch“. Ich brauch auch einen. Oder einen starken Doppelten. Vielleicht sollte ich ihr spontan das Stoppschild entreißen, das sie gerade hochhält und das unsere Kinder erhalten werden, um es gegen uns einzusetzen. Moderne Familienkommunikation mithilfe von Piktogrammen. In unserer Familie sind wir dann wohl oldschool, wir setzen auf Worte und halten uns nicht gegenseitig Schilder vor die Nase.

Nächste Woche kommt dann auch das „magische Dreieck“ der Erziehung an die Reihe. Gilt das auch für Referentinnen? Ich hätte eines zum Umgang mit Eltern: „Denk daran, dass Volljährige vor dir sitzen. Fasse dich kurz. Geh grundsätzlich davon aus, dass wir unser Kind auch ohne dich groß kriegen.“

Alle wollen nach Hause

„Das ist ja auch unheimlich viel an Inhalten“ – der Standardsatz, wenn keiner auf die Frage reagiert, ob wir noch eine Frage haben. Und dazu auch noch maßlos übertrieben. Alles, was ich inhaltlich bislang gehört habe, hätte auf eine DIN-A-4-Seite gepasst. Eisernes Schweigen in der Runde. Wir werfen uns Blicke zu. Alle wollen nach Hause. Jetzt bloß nicht auffallen. Elternmikado, wer sich zuerst bewegt, wird drangenommen. Das ist wie bei den Schul-Elternabenden mit Wahlen. Ja, wir sind schon fast über die Schwelle, und dann – oh nein, jetzt stellt die erste Mutter eine Frage. Typ Erstgebärend, die alles noch total spannend findet. Ich rechne nicht vor 23 Uhr mit einer Heimkehr. Und dann ist es endlich aus. Vor dem Kindergartentor beginnt die Lästerrunde. Es ist leider schon verdammt spät geworden, eine Mutter meint: „Nächste Woche gehen wir was trinken danach.“ „Werden wir auch brauchen“ – so eine andere.

Ich hab den nächsten Elternabend geschwänzt, wir treffen uns also erst wieder beim Abschlussnachmittag mit Kind. Anstatt gemeinsam etwas mit den Kindern zu machen, sollen wir sitzen und gucken, wie uns vorgeführt wird, wie unheimlich stark unsere Kinder jetzt sind. Die Sache läuft von Anfang an aus dem Ruder. Sophie heult von der ersten Minute an bis zur letzten, was wenigstens eine Gefühlsregung ist und konsequent. Mitmachen will sie auch nicht und schon gar nichts vorführen.

Das teilt sie wiederum mit der Hälfte aller Kinder. Die Kim-Seelenvogel-Dame ist langsam schlecht drauf. „In den Gruppenstunden hatten die Kinder so viel Spaß“, ja es macht sie nervös und ich gestehe mir heimlich große Mengen Schadenfreude ein. Die kleine Mia sagt zwei Stunden lang konsequent gar nichts und lutscht am Daumen, während sie ihren Papa fest umklammert. Läuft ja bombig mit dem „Stark-werden“.

Stattdessen ein Spielgerät für den Außenbereich

Noch einmal bekommen wir alles erklärt, was die Kinder gemacht haben, Kim und der Seelenvogel und der Mutmachspruch und das Stoppschild. Und dann hat auch das endlich ein Ende, wir werden noch an den Abschlusselternabend nächste Woche erinnert. Total wichtig zum Nacharbeiten. Noch einmal Kim und der Seelenvogel in der „Täglich-grüßt-das Murmeltier-Endlosschleife“? Danke Lady, aber danke nein.

Der Kurs hat fast rund 600 Euro gekostet, bezahlt hat es der Förderverein unseres Kindergartens, also die Eltern selbst mit ihren Spenden. Ich habe angeregt, im nächsten Jahr stattdessen ein Spielgerät für den Außenbereich anzuschaffen. Macht auch stark und vermutlich deutlich mehr Spaß.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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