Die Wissenschaft kann das Universum erklären, ohne dass es eines Schöpfers bedarf. Stephen Hawking

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

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Ein großer Humanist, Menschen- und Tierfreund, oder ein zynischer Menschenverachter? – Die Meinungen über den Philosophen und australischen Professor Peter Singer könnten geteilter nicht sein. Kürzlich verlieh die atheistische Giordano-Bruno-Stiftung dem Tierfreund Singer in Frankfurt einen Ethik-Preis für dessen Einsatz, Menschenaffen mit Menschenrechten auszustatten. Es schleicht sich der Gedanke ein, dass hier nicht einfach nur Tiere auf einen Status erhöht werden sollen, der bislang nur dem Menschen zustand, sondern vielmehr der Mensch auf den Status eines Tieres degradiert wird.

Die Degradierung des Menschen

Nichts gegen Tierschutz, doch die Debatte ist eigentlich eine andere. Sie rüttelt an den Grundpfeilern unseres Selbstverständnisses als Menschen, dass wir eine Spezies sind, die in sich eine eigene Würde trägt und sich damit von den anderen Lebewesen abhebt. So steht es in unserem Grundgesetz. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist da. Sie wird nicht zugeteilt. Von Anfang an, schon immer, für jeden – manche sagen, von Gott, jedenfalls unumstößlich gebunden an unsere Existenz.

Da ist Peter Singer anderer Meinung. „Speziesismus“ nennt er die in seinen Augen falsche und willkürliche Einteilung in Lebewesen mit und ohne Menschenrechte nur auf Grund ihrer biologischen Art. Ein Anrecht auf Leben ergibt sich für ihn aus anderen, utilitaristischen Eigenschaften: der Fähigkeit, Schmerz und Glück zu empfinden und sich seiner selbst bewusst zu sein. Diese Fähigkeiten hätten auch manche Tiere, manche Menschen haben sie seiner Meinung nach jedoch nicht. Aha.

Lassen wir mal beiseite, dass ich nicht genau weiß, wie Peter Singer die Selbstwahrnehmung oder gar das Glücksempfinden bei Tieren messen will. Jeder Hund, dem man einen Knochen vorwirft, wedelt vor Glück mit dem Schwanz. Aber macht ihn das zu einem Lebewesen mit Anrecht auf Menschenwürde?

Die Frage, was wir sind und wann wir beginnen zu sein, wird derzeit in der PID-Debatte heiß diskutiert. Da wird definiert und gefeilscht um den Beginn des Lebens und somit auch das Anrecht auf Leben und Würde, als ließe sich das mit einem Regler auf der Zeitleiste des Lebens beliebig verschieben.

Wann ist der Mensch ein Mensch?

Auch dafür hat Peter Singer viele Antworten, die ihm Lob bei sogenannten Humanisten einbringen und entschiedenen Widerstand von Christen, Lebensschützern und gerade auch Behindertenverbänden. Denn eine Koppelung des Lebensrechtes an die eigene Wahrnehmung lässt Lücken aufbrechen für Menschen, bei denen dieselbe durch Behinderung, Krankheit, Koma oder junges Lebensalter eingeschränkt ist. So will Singer etwa das Lebensrecht von Neugeborenen in die Hand von Eltern und Ärzten legen, die bis zum Alter von 28 Tagen entscheiden dürfen, ob sie ein eventuell behindertes Kind als zumutbar empfinden – oder eben nicht. Im Sinne einer postnatalen Abtreibung.

Damit verstößt man nicht nur gegen die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, auch für die Selektion zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Menschsein in der PID-Debatte ist damit klar: Ein Vier-Zeller hat kein Bewusstsein, wir dürfen ihn also töten. Wie herrlich einfach. Es ist kein Mensch, er wird es erst, wenn wir ihn dafür halten. Mit solchen Ansichten konnte man auch während des Nationalsozialismus ganz groß rauskommen.

Damit würde ein Tor geöffnet, das wir nie wieder zubekommen. Wenn das Anrecht auf menschenwürdiges Leben von den historisch, gesellschaftlich, politisch oder wissenschaftlich unterschiedlichen Zugeständnissen des Einzelnen abhängt, ist niemand mehr seines Lebens sicher. Dann hätte das Recht des Stärkeren gesiegt und wir wären in der Tat nicht mehr als Tiere.

Leserbriefe

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    Alex Simmek – 01.07.2011 - 12:18

    Wir sind in der Tat nicht mehr als Tiere! Und wir sollten uns endlich aufhören uns als “Krone der Schöpfung” zu sehen, sondern uns als Teil einer Umwelt betrachten, auf deren Erhalt auch wir angewiesen sind.

    Dieser unsäglich Vergleich mit dem Nationalsozialismus ist hier wirklich unangebracht. Denn was ist wohl schützenswerter: das “Leben” eines Vierzellers, der noch keinerlei menschliches Bewusstsein besitzt, oder das Leid der Mutter, die unbestreitbar ein Bewusstsein hat?

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    Michael K. – 13.07.2011 - 03:33

    Richtig, unpassende Nazi Vergleiche zeugen selten von einer wohl überlegten Meinung.
    Es gilt stets, das “ob” des Menschseins zu bestimmen. Das “wie” hat die Nazis zu Verbrechern gemacht, Frau Kelle.

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    L. Marker – 01.07.2011 - 12:33

    Sie wissen nicht, wie man die Selbstwahrnehmung oder das Glücksempfinden der Tiere messen kann. Objektive Kriterien hierfür zu finden ist sicherlich schwierig. Und das ist das Argument gegen die These von Peter Singer? Ist die Fähigkeit sich selbst wahrzunehmen und Glück zu empfinden demnach Ihr Argument dafür, dass der Mensch im Gegensatz zum Tier eine Würde besitzt? Damit widersprechen Sie aber der eigenen These. Denn weder bei Neugeborenen noch bei schwerstbehinderten Menschen kann man diese Fähigkeiten objektiv messen.

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    Birgit Kelle – 02.07.2011 - 16:33

    Sehr geehrter Herr Marker, genau das tue ich ja nicht. Ich beschreibe, wie Singer argumentiert. Ich kritisiere die Koppelung von Bewusstsein und Menschenwürde, da Menschenwürde eben gerade nicht an irgendeinen variablen Bewusstseinszustand gebunden ist, sondern jedem Menschen zusteht, ohne dass er dafür in Vorleistung gehen muss, oder beweisen muss, ihrer würdig zu sein.

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    – 01.07.2011 - 13:04

    Als ob wir noch nicht genug unqualifizierte Artikel zu Peter Singer gehabt hätten!

    Soweit ich weiß, ist Singer schon 1993 oder früher von seiner „28-Tage-Position“ abgerückt und hält jetzt die Geburt für die Grenze des Lebensrechtes. (Ich beziehe mich auf diesen Artikel: http://hpd.de/node/11742?page=0,0, kann dies allerdings nicht überprüfen). Unabhängig davon, ob man diese Meinung teilt, wäre demzufolge jedenfalls Frau Kelles obige Behauptung falsch – seit fast zwanzig Jahren!

    Wer sich darauf beruft, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, kommt nun einmal nicht umhin, zu definieren, was einen Menschen ausmacht und welche Konsequenzen sich aus der Zuerkennung der Menschenwürde ergeben.

    Frau Kelle vertritt offenbar die Auffassung, die Menschenwürde müsse quasi „sicherheitshalber“ schon ab dem Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei und Samenzelle gelten, anders ist ihre Bemerkung zu dem Vierzeller, den man töten dürfe, ja kaum zu verstehen. Die Frage ist aber nicht, ob man den Vierzeller töten soll oder nicht, sondern ob es eine Pflicht geben kann, ihn einer Frau einzupflanzen, auch, wenn dies absehbar mit größter Wahrscheinlichkeit zu einer Totgeburt oder einem schwerstkranken Kind führt.

    Selbst, wenn man einem Vierzeller Menschenwürde zuerkennt, erscheint es mir nicht unmittelbar einleuchtend, dass sich daraus eine Pflicht ergibt, ihn sich weiter entwickeln zu lassen. Ist es im Sinne des Vierzellers, sich zu einem schwerstgeschädigten Menschen entwickeln zu lassen? Dies scheint mir jedenfalls nicht ohne Weiteres der Fall zu sein.

    Deshalb bin ich dankbar, dass es Menschen wie Peter Singer gibt, die sich dieser Fragen annehmen und versuchen, vernünftige Entscheidungskriterien herauszuarbeiten. Sicher muss diese Entwicklung kritisch verfolgt werden – kritisch, aber nicht unqualifiziert und nicht, in dem so getan wird, als gäbe es hier überhaupt kein Problem. Oder nur eine Lösung, die nicht weiter begründet zu werden bräuchte.

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    Walter Schrader – 02.07.2011 - 11:59

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie Singer “hochintellektuell” verteidigt wird. Es ist doch geradezu absurd, dass man das Lebensrecht eines Affen oder eines anderen Tieres mit dem des Menschen vergleichen kann! Auch die These, das Lebensrecht eines Menschen gilt erst ab Geburt, ist falsch! Ja, mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist ein Mensch entstanden, der nur noch wachsen muss.
    Auch das Bundesverfassungsgericht hatte im Urteil von 1995 festgestellt, dass die Menschenwürde bereits den Ungeborenen zusteht.
    Zur PID: Sie ist Selektion. Es gibt doch keinen Anspruch auf ein Kind, geschweige denn auf ein gesundes! Warum sagt man denn nicht betroffenen Familien, dass man auch zu einem Kind kommen kann über die Adoption?
    Schauen Sie sich doch in anderen Ländern um, wo PID zugelassenn wurde: es ist (meist) nicht bei den “Ausnahmen” geblieben. Geschlechtsauswahl ist dann u.a. eine Folge von vielen… Aber vielleicht würden Sie da auch keine Bedenken haben.

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    T. S. – 03.07.2011 - 00:31

    Etwas als gradezu absurd zu bezeichnen, ist doch auch nur ein Synonym für “ich bin dagegen hab aber keine Argumente”, oder etwa nicht?

    Und was das Bundesverfassungericht angeht, fällt es rechtliche Urteil auf Basis der aktullen Rechtslage.

    Wir befinden uns hier in einer Diskussion über Ethik, da hat das Bundesverfassungsgericht nicht die geringste Autorität. Das Grundgesetz übrigens auch nicht.

    Auch wenn ich sowohl das Bundesverfassungsgericht als auch die Verfassung sehr schätze, sind beides keine ethischen Institutionen.

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    Mensch – 01.07.2011 - 13:09

    @ Matthias Krause: Singer hat seine 28-Tage-Position 2001 sogar noch einmal wiederholt im Spiegel-Interview

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    – 01.07.2011 - 13:31

    Danke für den Hinweis. Die Jahreszahl 1993 habe ich daraus geschlossen, dass das in dem verlinkten artikel erwähnte Buch damals auf Deutsch erschienen ist.

    In dem Spiegel-Artikel sagt Singer “Ich habe einmal den Vorschlag gemacht, …” – das ist nicht das gleiche wie “Ich bin dafür…” Bei diesem Interview wird ja kritisiert, dass Singer z.T. verzerrt wiedergegeben sei. (In der Box neben dem Interview wird er als “kaltherziger Vordenker” bezeichnet.)

    Die 28 Tage mit einer Praxis der alten Griechen zu begründen (falls er das tatsächlich so getan hat), ist natürlich haarsträubend und der Sensibilität des Themas völlig unangemessen.

    Im Interview klingt Singer für mich so, als ob der den Interviewer durch provokative Statements zum Nachdenken anregen wollte. Der wird sich über die Formulierungen gefreut haben.

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    Frag nach – 01.07.2011 - 15:00

    Peter Singer knüpft das Lebensrecht von Menschen (und zwar von Menschen jedes Alters)an eine Liste von Eigenschaften, die er definiert hat. Genau das hat Hitler auch getan. Sie scheinen Hitlers Kriterienliste für verbrecherisch zu halten, Singers aber für nachvollziebar. Nun gibt es etliche Menschen, die das genau anders herum sehen. Wer hat denn das Recht zu bestimmen, welche Tötungskriterien angemessen sind und welche nicht? Einzelne Machthaber? Ethikkommissionen? Angehörige, die sich überfordert fühlen? Die jeweilige Mehrheit? Wenn wir so anfangen, sind wir alle unseres Lebens nicht mehr sicher. Sie haben natürlich Recht: Singer (immerhin ein Mann der international Gehör findet) hat es nur vorgeschlagen ( häufig, öffentlich, schriftlich) – Hitler hat es umgesetzt. Wenn mann Pilatus folgt, ist Singer damit natürlich aus dem Schneider… Dank an Frau Kelle, die uns vor den Anstiftern warnt.

  • Theeuropean-placeholder
    – 01.07.2011 - 15:29

    Das Kriterium “Verschmelzung von Ei und Samenzelle” ist doch ebenfalls ein Kriterium. Das Kriterium “Hirntod” für die Organentnahme ebenfalls.

    Wie oben dargestellt, würde sich aus dem Kriterium “Befruchtung” bei der Befruchtung im Reagenzglas der Zwang zur Einpflanzung und Austragung ergeben. Dies ist m.E. nicht durchhaltbar und ohnehin ethisch nicht gerechtfertigt.

    Die Frage ist nicht, ob man Kriterien für das Menschsein aufstellt, sondern welche. Das hatte ich ja in meinem Kommentar versucht, deutlich zu machen.

  • Theeuropean-placeholder
    Frag nach – 01.07.2011 - 17:48

    Die Verschelzung von Ei und Samenzelle als Beginn menschlichen Lebens ist natürlich KEIN solches Kriterium. Sie ist, wenn wir der Natur ihren Lauf lassen, der Beginn des Entwicklungsprozesses mindestens eines Menschen. Ein Prozess, die erst mit Tod endet. Singer sucht sich willkürlich Kriterien aus, wann er dieses Leben zu einem beliebigen Zeitpunkt für einen anderen Menschen für nicht lebenswert befindet. Er plädiert für die Möglichkeit des straffreien Tötens.
    Beim “Hirntod” muss ich ihnen zustimmen. Da Herz und Nieren von Verstorbenen sich zur Transplantation nicht mehr eignen, suchte man nach einem Zeitpunkt an dem der Sterbeprozess so weit fortgeschritten ist, dass der Mensch zwar noch nicht tot ist, die Wahrscheinlichkeit, dass er sein Bewusstsein wiedererlangt und ohne maschinelle Hilfe leben kann aber minimal ist. So definierte man einen neuen “Tod”, den Hirntod. Und genau da sind wir wieder bei Singer: seine Ethik verschafft uns viele neue Organspender :-)

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    Dirk – 01.07.2011 - 13:58

    Dieser Singer ist unerträglich. Täglich (!) werden mehrere zukünftige Schulklasse “abgetrieben”, also getötet. Mehr tote Ungeborene als Opfer im 2. Weltkrieg.
    Viele davon dem Egoismus, dem Nicht-Verzichten wollen der Erwachsenen geschuldet.

    Ethik und Moral, ganz unbedeutend?

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