Als die Mauer fiel, hatte ich einen Kloß im Bauch. Paul van Dyk

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

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Ein großer Humanist, Menschen- und Tierfreund, oder ein zynischer Menschenverachter? – Die Meinungen über den Philosophen und australischen Professor Peter Singer könnten geteilter nicht sein. Kürzlich verlieh die atheistische Giordano-Bruno-Stiftung dem Tierfreund Singer in Frankfurt einen Ethik-Preis für dessen Einsatz, Menschenaffen mit Menschenrechten auszustatten. Es schleicht sich der Gedanke ein, dass hier nicht einfach nur Tiere auf einen Status erhöht werden sollen, der bislang nur dem Menschen zustand, sondern vielmehr der Mensch auf den Status eines Tieres degradiert wird.

Die Degradierung des Menschen

Nichts gegen Tierschutz, doch die Debatte ist eigentlich eine andere. Sie rüttelt an den Grundpfeilern unseres Selbstverständnisses als Menschen, dass wir eine Spezies sind, die in sich eine eigene Würde trägt und sich damit von den anderen Lebewesen abhebt. So steht es in unserem Grundgesetz. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist da. Sie wird nicht zugeteilt. Von Anfang an, schon immer, für jeden – manche sagen, von Gott, jedenfalls unumstößlich gebunden an unsere Existenz.

Da ist Peter Singer anderer Meinung. „Speziesismus“ nennt er die in seinen Augen falsche und willkürliche Einteilung in Lebewesen mit und ohne Menschenrechte nur auf Grund ihrer biologischen Art. Ein Anrecht auf Leben ergibt sich für ihn aus anderen, utilitaristischen Eigenschaften: der Fähigkeit, Schmerz und Glück zu empfinden und sich seiner selbst bewusst zu sein. Diese Fähigkeiten hätten auch manche Tiere, manche Menschen haben sie seiner Meinung nach jedoch nicht. Aha.

Lassen wir mal beiseite, dass ich nicht genau weiß, wie Peter Singer die Selbstwahrnehmung oder gar das Glücksempfinden bei Tieren messen will. Jeder Hund, dem man einen Knochen vorwirft, wedelt vor Glück mit dem Schwanz. Aber macht ihn das zu einem Lebewesen mit Anrecht auf Menschenwürde?

Die Frage, was wir sind und wann wir beginnen zu sein, wird derzeit in der PID-Debatte heiß diskutiert. Da wird definiert und gefeilscht um den Beginn des Lebens und somit auch das Anrecht auf Leben und Würde, als ließe sich das mit einem Regler auf der Zeitleiste des Lebens beliebig verschieben.

Wann ist der Mensch ein Mensch?

Auch dafür hat Peter Singer viele Antworten, die ihm Lob bei sogenannten Humanisten einbringen und entschiedenen Widerstand von Christen, Lebensschützern und gerade auch Behindertenverbänden. Denn eine Koppelung des Lebensrechtes an die eigene Wahrnehmung lässt Lücken aufbrechen für Menschen, bei denen dieselbe durch Behinderung, Krankheit, Koma oder junges Lebensalter eingeschränkt ist. So will Singer etwa das Lebensrecht von Neugeborenen in die Hand von Eltern und Ärzten legen, die bis zum Alter von 28 Tagen entscheiden dürfen, ob sie ein eventuell behindertes Kind als zumutbar empfinden – oder eben nicht. Im Sinne einer postnatalen Abtreibung.

Damit verstößt man nicht nur gegen die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, auch für die Selektion zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Menschsein in der PID-Debatte ist damit klar: Ein Vier-Zeller hat kein Bewusstsein, wir dürfen ihn also töten. Wie herrlich einfach. Es ist kein Mensch, er wird es erst, wenn wir ihn dafür halten. Mit solchen Ansichten konnte man auch während des Nationalsozialismus ganz groß rauskommen.

Damit würde ein Tor geöffnet, das wir nie wieder zubekommen. Wenn das Anrecht auf menschenwürdiges Leben von den historisch, gesellschaftlich, politisch oder wissenschaftlich unterschiedlichen Zugeständnissen des Einzelnen abhängt, ist niemand mehr seines Lebens sicher. Dann hätte das Recht des Stärkeren gesiegt und wir wären in der Tat nicht mehr als Tiere.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Birgit Kelle, Carola Reimann, Michael Schmidt-Salomon.

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