Die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ist ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie. Philipp Mißfelder

Real existierender Unterschied

Egal, wie wir es drehen und wenden: Männer und Frauen sind nun einmal nicht gleich. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir verändern können.

Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist eine Frau eine Frau? Das grundsätzliche Problem im Umgang zwischen den Geschlechtern besteht inzwischen nicht mehr in ihrer Unterschiedlichkeit, sondern in unserer Unfähigkeit, diese zu akzeptieren.

Nur eine aufgebrochene Geschlechter-Rolle ist heute noch eine gute Rolle. Das macht die Dinge kompliziert, denn die meisten Menschen leben und verhalten sich nach wie vor innerhalb klassischer Rollenstereotypen. Damit sind sie höchst unmodern und gelten als überholungsbedürftig. Verhaftet in traditionellen Klischees, wo Männer noch die Tür aufhalten und Frauen sich die Rechnung bezahlen lassen. Mein Gott, wie altmodisch!

Weiber, die ihren Mann stehen

Sozialkonformes Verhalten besteht also inzwischen darin, sich dem jeweils anderen Geschlecht im Verhalten anzunähern. Es zu kopieren. Damit Frau um Himmels Willen nicht typisch weiblich daher kommt und Mann vermeidet, als typisch männlich zu gelten. Frau ist angesehen, wenn sie möglichst einen typisch männlichen Beruf hat, Karriere macht, Macht besitzt und diese auch nutzt. Sich durchsetzt und auf keinen Fall diesem Klischee von Weiblichkeit entspricht, in dem überbordende Gefühle eine Rolle spielen. Ja, dieses Weib steht ihren Mann!

Der gute Mann von heute arbeitet hingegen an seinen Soft Skills und seiner Teamfähigkeit. Er kann zuhören, seine Gefühle zeigen, senkt die Stimme und das Haupt, schleppt sein Kind im Wickeltuch vor dem Bauch und interessiert sich doll für ­soziale Pflegeberufe.

Typisch weiblich ist also nur noch dann akzeptabel, wenn Mann es ausführt; typisch männlich, wenn Frau es sich als Verhaltensweise aneignet. Während also Frau eine Heulsuse ist, wenn sie öffentlich weint, zeigt ein Mann endlich Gefühle, wenn er vor versammelter Mannschaft Tränen kullern lässt. Bravo! Während Frau als tough gilt, wenn sie sich mit Ellenbogen durchsetzt, gilt ein Mann, der das tut, als unbelehrbar aggressiv. Wenn sich Frau einen Mann für eine Nacht holt, ist sie selbstbewusst und sexy. Wenn Mann sich eine Frau für nur eine Nacht holt, ist er ein Schwein.

Die Frage ist also gar nicht, wo ein Unterschied zwischen den Geschlechtern noch bestehen darf. Die Frage ist, warum wir den real existierenden Unterschied zwischen Frauen und Männern neuerdings als Problem betrachten? Frauen sind anders, Männer auch. Ist doch herrlich, könnte man sagen. Männer und Frauen fühlen sich voneinander angezogen. Das war so, ist so und wird immer so bleiben. Viel von dieser sogenannten Sexismusdebatte wäre uns erspart geblieben, würden wir uns mal grundsätzlich auf das besinnen, was nicht zu ändern ist, was wir also im Umgang gestalten müssen, ohne die Unterschiede dabei wegzureden.

Auch Frauen wollen starren

Während wir also in den Feuilletons den neuen Mann und die neue Frau verzweifelt herbeischreiben, zeigt sich im alltäglichen Umgang, dass die Veränderung oft nur auf dem Papier besteht und nicht in den Köpfen. Denn obwohl wir inzwischen von den Bäumen runter sind, offenbaren sich im Paarungsverhalten des Säugetieres Mensch immer noch die gleichen Schemata wie vor Jahrtausenden. Sex sells nach wie vor, Frauen heiraten nach oben, Männer reagieren auf Äußerlichkeiten.

Es stellt sich die Frage, ob wir das überhaupt ändern können, sollten wir es denn wirklich alle wollen. Gleichberechtigung und Unterschiedlichkeit ist kein Widerspruch. Wer die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beseitigen will, schafft keine Gleichberechtigung, sondern betreibt Gleichmacherei.

Die Zauberformel besteht also nicht in einheitlichen oder gar starren Reglementierungen im alltäglichen Umgang von Männern und Frauen, sondern in Respekt. Das reicht völlig aus. Respekt gegenüber Männern und Frauen. Denn Sexismus ist kein rein weibliches Problem. Vieles, was heute als Sexismus definiert wird, ist nichts weiter als schlechtes Benehmen. Und das beherrschen sowohl Männer als auch Frauen, wir haben nur unterschiedliche Ausdrucksweisen.

Wer also Sexismus als Problem beseitigen will, muss darauf hinarbeiten, dass Männer und Frauen sich auf Augenhöhe begegnen, und da müssen beide Seiten sich bewegen. Hier können wir etwas ändern, nicht aber die Tatsache, dass Männer und Frauen sich auch noch in zweitausend Jahren zueinander hingezogen fühlen – zu den Falschen, die das möglicherweise gar nicht wollen, an den falschen Orten und bei unpassender Gelegenheit. Eine Gesellschaft, die sich ständig ändert, die auf Vielfalt und Individualität setzt, muss diese dann auch aushalten.

Für diese Vielfalt kann es aber keine einheitlichen Umgangsschemata geben. Keine klaren Regeln, was man darf und was nicht. Je nach Situation und Gegenüber können die gleichen Worte mal angenehm oder völlig unpassend sein. Wir empfinden individuell, erwarten individuell Unterschiedliches, und auch mehrere Jahrtausende an Evolution haben uns nicht zu Hellsehern gemacht.

Wir können Sexismus nicht klar definieren – schon gar nicht für Geschlechterrollen, die doch in der Tat in ständigem Wandel sind. Ich will jedenfalls nicht, dass bei uns jetzt wie in den USA Mitarbeiter geschult werden, eine Frau nicht länger als fünf Sekunden anzusehen im Job, weil das dann schon als sexuelle Belästigung durch Blicke gelten darf. Denn auch als Frau will ich weiterhin das Recht haben, länger als fünf Sekunden zu starren, wenn ein Mann mir gefällt. Vielleicht gefalle ich ihm ja auch.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nils Pickert, Merle Stöver.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

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