Eine Türkei, die sich wirklich vorbehaltlos gegenüber der politischen Kultur des Westens öffnet, wäre ein denkbares Mitglied. Heinrich August Winkler

Nie wieder weibliche Furore

Die gendergerechte Sprachpolizei hat wieder zugeschlagen. Diesmal muss der Bundespräsident dran glauben. Zum internationalen Weltfrauentag steht fest: Die Welt nach dem #aufschrei ist eine Welt voller Fettnäpfchen.

Alljährlich dient der Weltfrauentag dazu, Frauenthemen in den Vordergrund zu rücken. Frauenthemen, das ist ungefähr so sexy wie Steuerdebatten oder die Frage nach Regenwasseraufbereitung. „Frauen und Gedöns“ nannte Kanzler Schröder einst das Ministerium für Familie, Frauen, Kinder und Senioren und handelte sich damals gleich einen Aufschrei ein, obwohl es den Fachbegriff für sexistisches Verhalten in den sozialen Netzwerken noch gar nicht gab.

Frauenthemen brauchen dringend einen Imagewechsel

Nur die Reaktionen waren ähnlich. Frauenthemen, das klingt anstrengend, zäh und unerbittlich. Das ist spaßfreie Zone, denn immer ist es noch nicht genug, immer ist noch viel zu tun, Unterdrückung, Opfer, das volle Programm. Schade eigentlich und vielleicht auch der Grund, warum viele mit dem Tag nichts anfangen können oder sich fragen, was das heute noch soll? Das Gesicht zur Faust geballt, wird über Lohnungerechtigkeiten gesprochen, verwehrte Frauenrechte oder Vorstandsstühle. Unausgeschöpfte Potenziale und Unterdrückung. Nein wirklich, sexy geht anders.

Ganz im Gegenteil zu Männerthemen. Wenn die zur Sprache kommen, dann fallen mir als Frau immer erst einmal die üblichen Spaßthemen ein: Autos, Baumarkt, Playboy und natürlich Fußball. Also Männlichkeit in Höchstform. Männliche Enklaven. Reinstes Testosteron. Auch dann noch, wenn zunehmend Frauen in Baumärkten und Fußballstadien herumtollen, bleiben es letztlich Männerthemen.

Was lernen wir daraus: Frauenthemen brauchen dringend einen Imagewechsel. Wie aber schafft man das, wenn Frau selbst nie auf die Sonnenseiten des Frauseins hinweist, sondern immer nur auf defizitäre Bereiche? Dabei hätten wir doch viel zu feiern. Erfolge vorzuweisen. Wäre da nicht immer wieder diese Noch-nicht-genug-Fraktion. Diese schmallippigen Kriegerinnen, die Spaß nun mal kontraproduktiv finden für das Abgreifen weiterer Fördermittel, für das spezifisch weibliche Opfer-Lebensgefühl.

Aufreger machen sich medial besser, sie bringen Schlagzeilen. Sie werden gebraucht, um die Frauenfrage voranzutreiben. Die Sexismusdebatte hat die Nation ermüdet. Die Tagesordnung wechselte umstandslos zum Pferdefleisch-Skandal. Pony in der Lasagne anstatt ellenlanges Lamento über die richtige Annäherung zwischen Mann und Frau.

Gleich bei Begriffen wie „Hysterie“

Rechtzeitig zum Weltfrauentag braucht es also dringend wieder erhitzte Gemüter, um die Fronten neu aufzureißen. In Ermanglung neuer Themen bleibt man beim bewährten Dirndlgate – der Weltfrauentag als willkommener Anlass, um das laue Süppchen wieder auf den eigentlich verpönten Herd zu stellen. Und nein, wie gut, dass Bundespräsident Gauck, sonst ein Garant für Ausgewogenheit, Ruhe und Differenziertheit, sich dazu hat hinreißen lassen, die Sexismusdebatte im Nachhinein zu kommentieren.

„Verblüfft“, „erschüttert“, „irritiert“ und „bestürzt“ sind sie nun. Was hat er also Skandalöses gesagt, der Herr Bundespräsident, sodass der Aufschrei in die zweite Runde startet und sich immerhin ganze sieben junge Frauen genötigt sahen, einen offenen Brief zu schreiben und diesen auch noch persönlich auf Schloss Bellevue abzugeben? Nicht dass da etwas unter den Tisch oder neben den Postkorb fällt. Der gute Pastor Gauck hatte lediglich angemerkt, dass er eine „gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen […] hierzulande nicht erkennen“ könne und „Wenn so ein Tugendfuror herrscht“, sei er weniger moralisch, als man es von ihm als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.

Ja, das geht natürlich zu weit. Da nimmt jemand die Debatte einfach nicht ernst genug. Verharmlost die Zustände. Aber Verharmloser verdienen die Höchststrafe. Und dann auch noch diese Wortwahl. „Tugendfuror“. Wo doch jeder weiß, dass das Wort „Furie“ im Zusammenhang mit Frauen völlig unangebracht und immer unpassend ist. Weiß doch jeder, dass wir Frauen immer ausgeglichene Wesen sind, teamfähig, fair, emotional stabil und hormonell ausgeglichen.

Durch die Verwendung des Wortes „Tugendfuror“ bringe der Bundespräsident die traumatischen Erlebnisse von Frauen in Verbindung mit dem Wort „Furie“, damit ist man dann bei #aufschrei gleich bei Begriffen wie „Hysterie“ – was der Bundespräsident übrigens nicht benutzt hat, macht sich aber in einer Reihe ganz gut, um die Ernsthaftigkeit der Lage zu verdeutlichen. Und voilà: Damit bedient er angeblich „jahrhundertealte Stereotype über Frauen – Stereotype, die sexistische Strukturen aufrechterhalten und Geschlechtergerechtigkeit im Weg stehen.“

Beschneiden wir uns doch unseren Wortschatz

Der Bundespräsident als Struktursexist. Als Verweigerer der Geschlechtergerechtigkeit – genau wie jeder andere, also auch ich, der oder die sich einfach nicht genug aufregt und in dem unstrukturierten Gefühl verhaftet bleibt, dass in dieser Debatte ein bisschen viel aufgebauscht wurde. Fehlt nur noch eine Rücktrittsforderung! Wo bleibt Claudia Roth, wenn man sie mal braucht?

Das wusste der Bundespräsident wohl vorher auch nicht, wie schlimm es um ihn steht.

Ein Vorschlag meine Damen, helfen Sie ihm. So als Mann und Präsident: Machen Sie ihm doch einfach eine Liste der Wörter, die er noch benutzen darf im deutschen Sprachgebrauch, im präsidialen Speech, ohne gleich ins sexistische Fettnäpfchen zu schlittern. Vielleicht kommt er demnächst dann ein bisschen wortkarg daher, aber wenigstens sagt er dann nichts Falsches mehr. Das bringt die Frauenfrage sicher ein ganzes Stück voran, bestätigt allerdings auch nebenbei das subtile Vorurteil, dass wir Frauen eben doch „hysterisch” sind, was nebenbei vom griechischen Wort „Gebärmutter” abstammt.

Somit sollte man die alten Griechen am besten auch gleich und komplett mit auf den Index setzen. Wir wissen doch alle: Vorbeugen ist besser als Nachsorgen. Beschneiden wir uns doch einfach selbst in vorauseilendem Gehorsam unseren Wortschatz. Dann möchte ich allerdings bitte nie wieder irgendwo lesen, dass eine Frau für „Furore“ gesorgt hat. Das ist dann sexistisch, Frauen können so was nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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