Die Ideen sind nicht dafür verantwortlich, was die Menschen aus ihnen machen. Werner Heisenberg

Mütter-Politik statt Opfer-Abo

Frauen werden am Arbeitsmarkt benachteiligt? So ein Quatsch. Der kinderlosen Frau liegt heute die Geschäftswelt zu Füßen. Diskriminiert werden andere.

Während die Vorbereitungen für den nächsten Equal Pay Day im März sicherlich schon auf Hochtouren laufen, überrascht das Kölner Institut der Wirtschaft mit der Zahl 2. Nur noch zwei Prozent Lohnunterschied machen die Wirtschaftsexperten aus zwischen Männern und Frauen, wenn man es mal realistisch berechnet und nicht wie üblich die dreifache Mutter in Teilzeit gegen die 70-Stunden-Woche des Managers im Dax-Unternehmen gegenrechnet.

Ich bin wirklich gespannt, wie sich die engagierten Damen im fortschreitenden Geschlechterkampf diesen Fortschritt wieder schlechtrechnen werden. Sicher ist nur: Sie werden es auf jeden Fall tun. Weil es schlecht ist für das Geschäft und die Fördergelder und ja – das „Opfer-Abo“ der Frau im Allgemeinen. Je häufiger ich das neue Unwort des Jahres höre, umso besser gefällt es mir.

Schuld sind nicht die bösen patriarchalen Strukturen

Tatsächlich ist das Beharren auf den 25 Prozent Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen sogar kontraproduktiv, wenn man tatsächlich etwas gegen die verbleibenden Ungerechtigkeiten auf dem Arbeitsmarkt tun will. Die Kölner Studie stellt nämlich – wieder mal – eindeutig fest, dass das größte Problem und die größte Ursache für die Lohnunterschiede unmittelbar durch Kinder hervorgerufen werden. Denn berücksichtigt man die Länge der Betriebszugehörigkeit, Bildungsstand und Teilzeitbeschäftigung, schrumpfen die 25 Prozent schon mal auf 11 Prozent zusammen. Die Lohnlücke schrumpft weiter, wenn Frau ihren Job nur maximal 18 Monate wegen der Kinder unterbricht. Dann liegt der Unterschied nur noch bei 2 Prozent. Voilà.

Nun muss man wissen, dass die durchschnittliche Mutter in Deutschland eben nicht nur 18 Monate lang ihren Job unterbricht für die Kinder, sondern sogar 46 Prozent bis zum 6. Lebensjahr ihrer Kinder gar nicht berufstätig sind, wie uns der gestern erschienene Familienreport 2012 bestätigt. Weitere 43 Prozent sind auch mit sechsjährigen Kindern weiter nur in Teilzeit beschäftigt und haben somit schlechtere Karrierechancen. Dass Frauen also weniger verdienen als Männer, hat als Ursache Nummer 1 die Mutterschaft und nicht böse patriarchale Strukturen.

Es sind die Mütter, die lange Unterbrechungen in der Erwerbsphase haben. Je mehr Kinder, je länger, ergo gar kein Einkommen. Es sind die Mütter, die damit eine kürzere Betriebszugehörigkeit besitzen, ergo weniger Geld. Es sind die Mütter, die dann über Jahre in Teilzeit arbeiten wegen der Kinder, ergo weniger Geld. Es sind nicht zuletzt ebenfalls die Mütter, denen man den Wiedereinstieg nach der Kinderphase schwer macht, ergo auch wieder weniger Geld. Wenn man also wirklich etwas gegen die Lohnunterschiede von Mann und Frau tun will, dann muss man real die Mütter fördern. Und zwar nur die Mütter. Wer heute weiblich, ledig, jung und dazu auch noch kinderlos ist, wird auf dem Arbeitsmarkt dringend gesucht und kann sich uneingeschränkt um die Karriere kümmern. Diese Frauen sind schon lange nicht mehr die Opfer, sondern die Gewinner des Systems.

Der kinderlosen Frau liegt heute die Geschäftswelt zu Füßen

Nein, wir wollen uns jetzt nicht über „Bild“-Schlagzeilen aufregen, aber es ist doch erstaunlich, dass vor zwei Wochen die Idee einer Professorin gleich als „durchgeknallt“ bezeichnet wurde, natürlich neckisch mit Fragezeichen, die Rechtsabteilung hat wohl noch schnell einen Blick über die Headline geworfen, nur weil sie das fordert, was offensichtlich ist: Endlich eine eigenständige Förderung von Müttern und nicht einfach eine Förderung von Frauen im Allgemeinen. Ich muss gestehen, die Idee hat ihren eigenen Charme und wäre ich nicht eine überzeugte Quotengegnerin, so würde ich sagen, eine Mütter-Quote ist das Einzige, was in einer Quotendebatte auch nur ansatzweise Sinn hat. Leider wäre eine Mütterquote genauso ein Unsinn wie eine Frauenquote, weil der Akt des Gebärens allein nichts aussagt und es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir dann über Väter-Quoten, Migranten-Quoten und sonstige Quoten diskutieren. Am Ende würden Sie als heterosexueller deutscher Mann ohne Kinder nirgendwo mehr einen vernünftigen Job kriegen. Lassen wir also den Quotenaspekt weg, der Grundgedanke ist jedoch gut, auch wenn man sich damit nicht viele Freundinnen macht.

Innerhalb der Gruppe der Frauen zu unterscheiden, kommt bei Geschlechtsgenossinnen, vor allem bei den kinderlosen, nämlich nicht gut an, wie ich schon mehrfach feststellen musste. Wer das Frauenkollektiv infrage stellt, muss mit Gegenwind rechnen. Kollektive Schnappatmung im Publikum hatte ich mit der hypothetischen Idee einer Mütter-Quote vergangenen Oktober bei den Medientagen München ausgelöst. Frauenquote in den Medien sollte diskutiert werden. Im Publikum nur Frauen, zwei Quotenmänner, allein daran schon sichtbar, was für eine Relevanz das Thema offensichtlich in den Redaktionsstuben hat. Wir sollten doch jetzt nicht anfangen, Frauen gegeneinander auszuspielen, kam prompt die Aufforderung an mich, es mache schließlich keinen Unterschied in der Frauenfrage, ob man Kinder habe oder nicht. Doch, meine Damen, das macht es, und zwar sehr eindeutig und schwerwiegend.

Der kinderlosen Frau liegt heute die Geschäftswelt zu Füßen. Wer gebildet und flexibel ist, dem stehen heute alle Türen offen. Das mag einem als Frau nicht gefallen als Fakt, wenn man gerade überlegt, warum man diesen oder jenen Posten nicht bekommen hat. Doch kein Mann käme auf den Gedanken, die Antwort darin zu suchen, dass er ja „nur“ ein Mann sei, wenn er übergangen wird. Er wird sich die Frage stellen, was er falsch gemacht hat, wie er es beim nächsten Versuch, vorwärts zu kommen, strategisch anders anstellt. Sich hier als Opfer der Männerwelt selbst zu beweinen, bringt keine Frau weiter oder gar nach oben. Es ist sogar kontraproduktiv.

Wir wollen Familie nicht möglich machen, sondern auslagern

Anders sieht es aus bei den Frauen, die eben nicht flexibel sind, die zeitlich und räumlich gebunden sind, die vielleicht nur 30 Stunden die Woche arbeiten wollen, die auch noch andere Verantwortung zu tragen haben, als den eigenen Lebensunterhalt, nämlich die Verantwortung über ein, zwei, drei oder mehr Kinder.

Es ist ja kein Zufall, dass rein statistisch eine Frau umso weniger Kinder hat, je höher sie auf der Karriereleiter steigt. Da darf man sich auch nicht von kinderreichen Vorzeigefrauen täuschen lassen, sie sind in der Minderheit und bilden allerhöchstens die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Das gleiche Kölner Institut der Wirtschaft hatte schon vor zwei Jahren ausgerechnet, dass der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen nur noch bei mageren vier Prozent liegt, wenn eine Frau ihren Berufsweg gar nicht wegen Kindern unterbricht. Und diese vier Prozent seien dann statistisch sogar nicht mehr relevant, weil andere Faktoren wie Charakter, Persönlichkeit, Talent nicht mehr statistisch bereinigt werden könnten.

Weswegen predigen die Politik und die Wirtschaft und Frauen denn fortlaufend, dass wir doch bitte schön nicht zu lange bei unseren Kindern bleiben sollen, weil sonst unsere Karriere dahin ist? Warum soll der U3-Ausbau forciert werden? Warum will die Wirtschaft die Elternzeit von drei auf zwei Jahre verkürzen? Damit wir Frauen am Ball bleiben und zwar nicht auf dem Kinderspielplatz, sondern im Eckbüro. Unsere gesamte Familienpolitik ist von vornherein gar nicht darauf ausgerichtet, längere Berufsunterbrechungen zuzulassen, geschweige denn zu fördern. Und dann auch noch wegen Kindern und Küche! Genau genommen will man das mit aller Macht verhindern. Das ist kein Versehen, sondern Konzept. Wir wollen Familie nicht möglich machen, sondern auslagern. Zeitmanagement nennt sich das jetzt. Kinder sind nur noch Verwaltungsposten, für die es einen täglichen Aufenthaltsort braucht. Das ist nur leider keine Frauenpolitik und schon gar keine Mütterpolitik.

Eine Frauenpolitik, die berücksichtigt, dass Frauen Mütter sein wollen

Es ist also nicht nur ehrlich, sondern auch nahezu zwingend, zwischen Frauen mit und Frauen ohne Kindern zu unterscheiden, wenn wir endlich realistische Familien- und Frauenpolitik machen wollen. Wenn wir es denn wollen, die Frage wäre noch zu klären. Unterschiedliche Lebenswege erfordern unterschiedliche Konzepte und es hilft nicht, so zu tun, als hätten Frauen keine Kinder. Genau darin liegt sogar das Grundproblem unserer Frauenpolitik. Wir zwingen Mütter, so zu tun, als hätten sie keine Kinder. Wir wollen, dass sie ihre Berufswege denen der Männer und denen der kinderlosen Frauen anpassen, ohne zu berücksichtigen, dass sie Neudeutsch „Humankapital“ nebenher großziehen, für das leider keine Zeit eingeplant ist im lückenlosen Erwerbslebenslauf.

Es gibt nirgendwo ein Konzept für diese Mütter, weil es auch gar nicht gewollt ist. So wie die empörten Damen im Publikum mich entsetzt ansahen, tun es die meisten, wenn man diese Forderung auf den Tisch bringt: eine spezifisch weibliche Frauenpolitik. Eine, die nicht bereits abgelaufenen männlichen Lebensregeln folgt. Eine, die Kinder als Bereicherung und nicht als Last betrachtet. Eine, die Zeit für Familie ganz gezielt einplant und nicht ausspart. Eine Frauenpolitik, die berücksichtigt, dass Frauen Mütter sein wollen, nicht für drei, sechs oder neun Monate, sondern für drei, sechs oder neun Jahre.

Diese Mütter haben die gleichen Rechte wie diejenigen, die gleich wieder in den Beruf einsteigen wollen und dann mit der vollen finanziellen Unterstützung der Solidargemeinschaft via Krippensubvention rechnen können. Sie haben auch die gleichen Rechte, wie diejenigen Frauen, die keine Kinder wollen, aber dennoch von der nachfolgenden Generation, die sie nicht großgezogen haben, später eine Rente erwarten. Sie haben auch die gleichen Rechte wie die Männer, denen sie den Rücken frei halten, damit sie mehr Zeit in die Karriere investieren können. Also bitte nicht mehr Gieskannen-Frauenpolitik, sondern endlich das, was wir schon lange brauchen: Mütter-Politik.

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