Bisher nährte sich der Facebook-Mythos noch vom Ursprungsleichtsinn einer Cocktailparty. Matthias Matussek

Jenseits von Pretty Woman

In der Mehrheit der Gesellschaft ist der Gang zur Prostituierten nach wie vor verpönt. Ob ihre Legalisierung den Frauen wirklich geholfen hat, darf in vielen Fällen bezweifelt werden.

Charlotte Lindholm wird sie zur Strecke bringen nächsten Sonntag. Zuhälter und Männer aus feinster Gesellschaft, die junge Mädchen zu Zwangsprostituierten gemacht haben, um sie anschließend auf den Müll zu werfen. Es wird leider nur ein „Tatort“-Etappensieg in einem Milieu, das auch mitten in Deutschland real existiert.

Ist Prostitution inzwischen ein ganz normaler Beruf?

Und auch wenn immer wieder behauptet wird, dass die Mehrheit der deutschen Männer regelmäßig zu Prostituierten geht – eine Behauptung, für die der Beweis noch aussteht – so kennen die meisten von uns das Thema Prostitution doch eher aus den „Wanderhure“- und „Pretty Woman“ -Geschichten des Fernsehens, denn aus dem realen Alltag. Entsprechend überraschend traf auch mich diese Woche die Frage eines Kollegen: „Was halten Sie von Prostitution?“

Meine tatsächlichen Berührungspunkte beschränken sich auf Begegnungen in diversen Großstädten Europas. Mein erster Besuch in Berlin nach dem Fall der Mauer. Die Bushaltestelle morgens um vier. Gegenüber zwei Damen in Skianzügen und hochhackigen Stiefeln. Ich erinnere mich bis heute, darüber nachgedacht zu haben, welchen Club die beiden wohl besucht haben in dem Aufzug, bevor mir klar wurde, dass sie wohl nicht wie ich auf den Bus warten. Ich erinnere mich an Amsterdam mit 23 Jahren. Wie ich mit meiner Freundin durch das einschlägige Viertel schlenderte und wir die Damen in den Schaufenstern betrachteten, die kaum älter aussahen als meine älteste Tochter heute, die ich damals im Bauch trug. Ware, die zur Schau gestellt wird, beleuchtet in Rot und Pink. Fehlte nur noch das Preisschild.

Ernüchternd diese Normalität. Wie freiwillig machen diese Frauen das tatsächlich? Die Frage treibt mich um. Wie man als Frau, als Mensch, gewerbsmäßig seine Sexualität vom eigenen Geist trennt. Sex als Job, als Geschäft, als Dienstleistung, die ich an einem anderen Körper verrichte. Verrichte, allein das Wort! Wie fühlt sich das an? Ist Prostitution inzwischen ein ganz normaler Beruf, wie Einzelhandelskauffrau oder Rechtsanwaltsgehilfin?

Betroffene Frauen aus der Branche haben darum gekämpft, aus der Illegalität herauszukommen. Sie dürfen heute ihren Lohn einklagen und sind krankenversichert, was für sie real eine Verbesserung ihrer Lebensumstände darstellt. Zumindest einige sind heute nicht mehr so schutzlos der Straße ausgeliefert, wie noch vor einigen Jahrzehnten. Ja es gibt diese Frauen, die sagen, sie machen das freiwillig und sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit. Sie haben es als ihr Recht proklamiert, ihren Körper legal verkaufen zu dürfen. Ein normales Dienstleistungsgewerbe zu sein und nicht mehr in der Schmuddelecke der Gesellschaft zu stehen. Es wurde als Recht der Frau erkämpft. Wie viel von der eigenen Seele verkauft man dabei wohl mit?

Prostitution hat die Mitte der Gesellschaft nicht erreicht

Wahrscheinlich ist es die einzige Ansicht, die ich mit Alice Schwarzer teile, dass die Legalisierung der Prostitution keine Befreiung der Frau darstellt. Dass es keine Errungenschaft ist, dass wir Frauen uns selbst als Ware anbieten. Trotz Seitensprungagenturen und steigender Untreue betrachtet die Mehrheit sexuelle Treue doch immer noch als wesentlichen Faktor einer Beziehung. Weil wir Einzigartigkeit wollen, nicht Beliebigkeit. Weil wir die Sexualität des Partners nicht teilen wollen, sondern Exklusivrechte beanspruchen. Weil es für die meisten eben doch nicht dauerhaft trennbar ist, Liebe und Sexualität. Weil es eben doch nicht so einfach ist, die eigene Seele und Intimsphäre beliebig zur Verfügung zu stellen.

In der Mehrheit unserer Gesellschaft ist der Gang zur Prostituierten nach wie vor verpönt. Sie ist das Gegenteil von Einzigartigkeit. Sie ist Beliebigkeit, sie ist kurzer Spaß gegen Geld. Es gehört nicht gerade zum guten Ton, vom Bordell-Besuch am letzten Wochenende zu berichten oder über die Qualitäten des Call-Girls von letzter Nacht zu fachsimpeln. Obwohl es also das älteste Gewerbe der Welt ist, hat es niemals die Normalität der Gesellschaft erreicht.

Nein, ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Prostitution angeblich ein normaler Beruf wie jeder andere sei. Nicht, weil ich die Frauen verurteile, die ihm nachgehen, sondern weil ich es als Armutszeugnis für unsere Gesellschaft empfinde. Weil es erschreckend ist, dass Frauen heute noch mitten in Deutschland offensichtlich glauben, mit nichts anderem ihren Lebensunterhalt verdienen zu können als mit ihrem Körper. Wir sind eines der reichsten Länder der Erde, unsere Mädchen sind heute besser ausgebildet als je zuvor. Wir wollen sie in den Führungsetagen sehen und nicht in den dunklen Gassen und Saunaclubs unserer Großstädte.

Die Frage nach der Freiwilligkeit der Prostitution erinnert ein bisschen an die Debatte um ein Kopftuch-Verbot. Auch dort haben wir die Frauen, die nach eigener Aussage ganz bewusst und stolz dasselbe tragen. Für die es eine Beschneidung ihrer Rechte bedeuten würde, sollte man ihnen das Tragen des Tuches verbieten. Gleichzeitig ist es für sehr viele ein Symbol der Unterdrückung. Es verfestigt die Ansicht, dass Frauen minderwertig sind und dem Mann untertan. Dass er bestimmen darf, was sie tut.

Einfach abgehakt durch die Legalisierung?

Die rechtliche Anerkennung von Prostitution verfestigt analog die Ansicht, dass der Körper einer Frau nichts weiter als eine Ware ist. Das dieser zu haben ist, wenn nur der Preis stimmt. Dass Sexualität auch nichts weiter als eine Ware ist, die losgelöst von Gefühlen jederzeit und überall konsumiert werden kann wie ein Eisbecher, bei dem ich nur ab und zu die Geschmacksrichtung ändere. Und wie einfach ist es doch für uns als Gesellschaft, die Sache damit abzuhaken. Denn wenn man Prostitution einfach nur legalisiert, wo ist dann noch das Problem? Wer kümmert sich dann noch um die Frage, wie man eventuell andere Perspektiven auftut im Leben dieser Frauen, die nicht die Preisgabe der eigenen Sexualität und der eigenen Intimität abverlangen?

Die Tatsache, dass die meisten Prostituierten in unserem Land aus osteuropäischen Ländern, aus Thailand oder aus afrikanischen Staaten kommen, spricht Bände. Geben wir diesen Frauen auch eine reale andere Chance, in unserem Land ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Oder kümmert uns ihre Zwangslage einfach nicht genug? Haben wir unsere Schuldigkeit getan, indem wir ihre Arbeitsplätze heute sauberer und sicherer gestaltet haben und sie bei Verdi einen eigenen Arbeitskreis „Besondere Dienstleistungen“ besitzen?

Hinzu kommen in heutiger Zeit noch ganz andere Formen der Prostitution, die sich weltweit langsam aber sicher ausbreiten. Die Wissenschaft macht es möglich. War es bislang nur die Sexualität der Frau, die zum Kauf anstand, so ist es heute auch noch zusätzlich ihre Fruchtbarkeit, die gegen Zahlung zu haben ist. In Osteuropa verkaufen Frauen ihre Eizellen für die Forschung und an kinderlose Paare. Sie unterziehen sich dafür körperlich anstrengenden und gefährlichen Hormonbehandlungen. In Deutschland ist das verboten. Noch jedenfalls. Bei manchen endet es tödlich. Sie kassieren dafür mehr Geld, als sie in einem normalen Job in einem halben Jahr verdienen können. Ihre finanzielle Not treibt sie dazu, ihre Gesundheit und ihr Leben zu riskieren. Ist das noch Freiwilligkeit? Ist es in Ordnung, dass wir ihren Körper nutzen, weil sie ja dafür bezahlt werden?

Wir stehlen uns aus der Verantwortung

In Indien und auch anderen Ländern existiert ein blühender Markt für Leihmutterschaft. Auch das ist in Deutschland verboten. Noch jedenfalls. Es gibt zahlreiche Agenturen, die damit werben, das Geschäftliche abwickeln und damit gut verdienen. Eine moderne Form der Zuhälterei. Auch hier sind es die armen Frauen, die ihren Körper für Geld zur Verfügung stellen, um Kinder zu gebären, die dann in den reichen Westen abgegeben werden. Sie bringen damit ihre anderen Kinder und ihre Familien zu Hause durch. Ist es Freiwilligkeit, dass sie ihren Körper hergeben, nur weil sie dafür bezahlt werden? Ist es einfach nur ein Geschäft, ein Kind auszutragen?

Wir stehlen uns aus der Verantwortung, wenn wir das alles nur unter dem Hinweis der Freiwilligkeit abhaken. Wer keine Wahl hat, handelt nicht frei.

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