Die Sicherheit in der Welt kann nur unter Beteiligung Russlands garantiert werden. Wladimir Putin

Auf ihn mit Gebrüll

Manchen reicht es nicht, zu gewinnen, sie wollen ihre Gegner auch erniedrigt am Boden sehen. Für die Geschlechterdebatte bedeutet dies: Mühsam abgebaute Fronten werden mancherorts neu errichtet.

Das muss wahrlich ein Fest gewesen sein für „Spiegel“-Autorin Silke Burmester. Angepeitscht durch einen Leitartikel der „Zeit“ (Macho, weiß, von gestern) zum angeblichen Untergang des weißen Mannes nach der Wahlniederlage von Mitt Romney in den USA, hat sie sich in ihrer Kolumne zum feministischen Orgasmus hochgeschrieben. Sie müssen nämlich wissen, Mitt Romney war das letzte Machtaufbäumen des heterosexuellen, weißen Mannes, darin seien sich „die Klugen einig“. Und dieser hat nun innerhalb „einer Woche“ wie Frau Burmester weiß, stellvertretend für seine gesamte weiße, heterosexuelle Spezies, seine Weltherrschaft verloren. Er ist zum armen Würstchen verkommen: „Eben noch bling-bling und geiles Brusthaar, bist du jetzt der Trottel der Kompanie.“ Der Zug der Geschichte fährt also ohne ihn ab, stattdessen sitzen darin diejenigen, die der weiße Mann angeblich aus seiner Welt bannen will: „Frauen, Farbige, Einwanderer, Homos und Behinderte“. „Der Wind trägt das schallende Gelächter seiner Insassen an dein Ohr“, ruft sie Mitt und seinen weißen Kumpels zu. Nein was für ein Freudentanz für Fräulein Burmester. Endlich ist er am Boden und in Ekstase trampelt sie auf dem Häufchen Elend rum, das angeblich nur noch übrig ist, von dem einst stolzen, weißen Mann. „Die Klugen“, zu denen sich Frau Burmester ohne Zweifel zählt, wissen aber auch noch mehr: Sie stehen auf der richtigen Seite. Sie halten sich nicht auf dem „untergehenden Schiff“ fest, dort werden nämlich nur noch „traurige Gestalten zusammen mit ein paar blöden Neonazis und Kristina Schröder übrig bleiben“. Interessante Linie: Mitt Romney – Neonazis – Kristina Schröder.

Stilettos, die sich in den Rücken des Mannes bohren

Danke Frau Burmester. Wirklich herzlichen Dank. Ab und zu komme ich nämlich ins Wanken ob meiner grundsätzlichen Überzeugung, dass Männer auch nur Menschen sind, wie wir Frauen. Dass ich sie grundsätzlich gerne mag und sie nicht als meine Feinde betrachte. Manchmal jedoch, wenn einem so ein feistes Macho-Exemplar begegnet, dann haben sogar Frauen wie ich Zweifel. Jetzt weiß ich jedoch dank Ihrer Zeilen wieder: Ganz sicher möchte ich nicht zu Ihrer Seite zählen. Was für eine armselige Option, den Mann endlich vom Sockel zu schmeißen, ihn zusammengekrümmt am Boden liegen zu sehen – nur um mich daran zu erfreuen. Und die Freude ist groß bei Frau Burmester. Die Schadenfreude noch viel mehr. Ihr ganz persönliches „Bling-Bling“. Vielleicht sind es auch nur Domina-Fantasien, die sie mit ihrem Leserpublikum teilen möchte. Fehlen nur noch eine ordentliche BH-Verbrennung und ein paar Stilettos, die sich in den Rücken des Mannes bohren, wie er im Staub der Geschichte dahinsiecht.

Wahrscheinlich hat Frau Burmester auch, wie der Rest der deutschen Journaille, im Moment des Obama-Sieges mit Konfetti geworfen. Selbstverständlich journalistisch-investigatives Konfetti. Lassen wir beiseite, dass angesichts der realen Wählerstimmen Mitt Romney immer noch den Rückhalt von 47 Prozent seiner Bevölkerung hat und der reale Vorsprung von Obama nur magere 3 Prozent darstellt. Es ist etwas ganz anderes, was mich nachdenklich stimmt, denn die USA sind nicht die Welt und Mitt Romney nicht der Repräsentant einer untergehenden weißen Klasse: es ist die Niedertracht, die öffentlich zur Schau gestellte Freude am Scheitern des Mannes, die mir viel mehr Sorgen bereitet. Man stelle sich so einen Artikel einmal mit vertauschten Rollen vor: Solche Worte über die weiße Frau an sich aus dem Mund eines Mannes. Sie könnten einpacken.

Das Nachtreten und die Schadenfreude offenbaren eine Sichtweise auf den Geschlechterkampf, der uns in dieser Frage um Jahre zurück wirft. Es ist entlarvend zugleich, denn endlich liegt es offen auf dem Tisch, was einem in Diskussionen mit zahlreichen der Damen Feministinnen oft begegnet: Es geht nicht um ein Gleichmaß, nicht um ein Leben auf Augenhöhe, nicht um Respekt und auch nicht um gegenseitiges Verständnis. Es geht nur um den Sieg. Man will nicht nur das Aufholen der Frau, man will den Mann überholen. Man will nicht gleiche Macht für die Frauen, sondern die Entmachtung des Mannes. Das ist die alte „Schwanz ab“-Rhetorik der 70er-Jahre. Deswegen sind ja auch Mittel wie Quoten recht, weil es nicht um Anerkennung der Frau und ihrer Fähigkeiten geht, sondern um Proporz, egal wie. Das hat nichts mehr mit Weiblichkeit zu tun, sondern nur noch mit der Übernahme männlicher Domänen. Nein, ganz sicher, zu dieser Seite will ich als Frau nicht gehören.

Geschlechtergerechtigkeit ist keine Einbahnstraße

Bezeichnenderweise tragen solche Freudentänze auf dem Rücken von gescheiterten Männern auch auf der männlichen Gegenseite nicht gerade zu Respekt und Anerkennung für die Leistungen von Frauen bei. Ganz im Gegenteil, sie heizen die Stimmung gerade erst richtig auf. Vielleicht sollte sich Burmester einmal mit einem der zahlreichen Vätervereine in Deutschland auseinandersetzen, die sich derzeit massiv organisieren. Sie wird ihre männlichen Pendants dort haufenweise finden. Männer, die ebenfalls nur noch schwarz-weiß denken und durch die Dominanzfantasien à la Burmester zusätzlich Wasser auf die Mühlen bekommen in ihrer Vorstellung, dass Männer und Frauen grundsätzlich auf gegenüberliegenden Seiten des Geschlechtergrabens liegen. Haufenweise haben mir bereits solche Männer geschrieben. Viele sind gewillt, einen Weg mit gegenseitigem Respekt einzuschlagen. Viel zu viele jedoch sind angesichts einseitiger Frauenförderung und ihrer totalen Entmachtung als Väter in Deutschland derart verletzt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich das in einem neuen Konflikt entladen wird. Weil wir als Frauen eben nicht einseitig neue Machtgebiete erobern und beanspruchen können, ohne gleichzeitig unsere bisherigen Machtgebiete in Sachen Kinder und Sorgerecht neu aufteilen zu wollen. Gleichgewicht sieht anders aus. Geschlechtergerechtigkeit ist keine Einbahnstraße für den Siegeszug der Frau.

Nichts, wirklich gar nichts ist für uns Frauen gewonnen, wenn wir die Männer auf unserem Weg nicht mitnehmen. Kluge Frauen drohen nicht, sie überzeugen. Kluge Frauen wussten schon immer, die Männer einzubinden. Na sicher kann man mit Quotenzwang kurzfristig etwas erreichen. Machen Sie doch, und dann gleich noch Quoten für alle, die mit auf dem Zug sitzen, mit dem Frau Burmester verheißungsvoll in den Sonnenuntergang fährt. Die „Klugen“. Dann stimmen die Zahlen, aber nicht das Gefühl dahinter und auch nicht die Überzeugung, die sie tragen müssen. Dann ist es ein Pyrrhussieg und das Pendel wird zurückschlagen. Schon jetzt mobilisieren sich in den Chefetagen selbst die Männer, die bislang ihren weiblichen Vorgesetzen viel Respekt gegenüber brachten und nun in Zeiten von Quotendiskussionen das Gefühl haben, ihre männlichen Felle retten zu müssen. Fronten, die mühsam abgebaut worden sind, werden gerade mancherorts neu errichtet.

Sammeln, wieder aufstehen

Nein Frau Burmester, ein Mann, der am Boden liegt, ist kein Grund zur Freude. Ganz abgesehen davon, dass es aus weiblicher Sicht wirklich nichts Unattraktiveres gibt als einen gebrochenen Helden. Er wird sich sammeln und wieder aufstehen. Verwundete Tiere sind gefährlich.

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