Es gibt keinen Grund, zu denken, dass wir Menschen besonders gut darin sind, Moralvorstellungen umzusetzen. Ronald C. Arkin

Shades of Grey im Kindergarten

Gefesselte Krippenkinder, entlassene Erzieherinnen. Der lodernden Krippendebatte haben diese drei Frauen in Thüringen jedenfalls einen Bärendienst erwiesen. Erzieherinnen möchte ich sie allerdings nicht mehr nennen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind unruhig, Sie schreien, Sie wollen nicht schlafen. Jemand wickelt Sie fest in eine Decke ein, fixiert Sie zusätzlich mit Tüchern, damit Sie sich nicht mehr bewegen oder gar befreien können. Damit Sie nichts mehr sehen können und keinen Kontakt mehr zur Umwelt aufnehmen können, wird Ihnen auch noch ein Tuch über den Kopf gelegt. Sie liegen dort so lange, bis Sie das Schreien aufgeben, also Ihr Wille gebrochen ist, oder Sie erschöpft einschlafen. Sollten Sie vor lauter Schreien aus Versehen das Tuch auf Ihrem Kopf einatmen, können Sie sich selbst nicht davon befreien. Vielleicht ersticken Sie dabei. – Nein, das ist keine neue Foltermethode aus Guantanamo, sondern die Einschlafübung für Kinder bis zwei Jahre im Kindergarten „Spatzennest“ im thüringischen Altenburg.

Ans Licht gekommen sind die aktuellen Vorfälle durch den Bericht einer Praktikantin in der Einrichtung. Sie hatte das nicht etwa heimlich dokumentiert und an die Staatsanwaltschaft oder die Polizei gemeldet. Nein, sie hat den normalen Tagesablauf in der Krippe fein säuberlich in ihrem Praktikumsbericht beschrieben und mit Fotos dokumentiert. So wie Tausende andere Praktikanten im Land ihre Praktika schriftlich festhalten müssen und dann in der Schule abgeben. Erst dort waren die Lehrer entsetzt, was sie in der Dokumentation vorfanden. Sie benachrichtigten umgehend den Träger der Einrichtung. Jetzt sind die drei beschuldigten „Erzieherinnen“ fristlos entlassen, Staatsanwaltschaft und Ämter informiert, man bemüht sich um Schadensbegrenzung.

Nicht auf die Masse der Kinderkrippen schließen

Ohne Worte. Man bleibt wirklich ohne Worte zurück angesichts dieser Vorfälle. Hunderttausende von Eltern bringen jeden Morgen in Deutschland ihre Kinder in die Krippen und Kindergärten unserer Republik. Wir vertrauen darauf, dass man unsere Kinder dort gut behandelt. Wir vertrauen, dass das zutrifft, was in den bunten Prospekten und in den pädagogischen Konzepten uns Eltern angepriesen wird. Unsere Kinder betrachten wir in der Regel als unser kostbarstes Gut. Es bedeutet für die meisten Mütter und Väter eine große Überwindung, sie einem fremden Menschen in Obhut zu geben. Ein Sprecher des Thüringer Kultusministeriums beeilte sich, festzustellen, es handele es sich hier um einen gravierenden Einzelfall: 99,9 Prozent der thüringischen Kitas erfüllten ihren Erziehungsauftrag hervorragend. Woher weiß er das so sicher? Wahrscheinlich dachte er bis Freitag auch, es seien 100 Prozent.

Sicher, man darf nicht den Fehler begehen, jetzt von ein paar schwarzen Schafen auf die Masse der Kinderkrippen zu schließen. Damit tut man Tausenden von sehr engagierten Erzieherinnen sehr großes Unrecht, die täglich schwere Arbeit leisten und ihren Job nicht selten mit Hingabe erfüllen. Aber man muss leider genau so nüchtern festhalten, dass ein Missbrauch erzieherischer Gewalt in Krippen möglich ist und man sich der Aufgabe stellen muss, wie so etwas zukünftig kontrolliert und verhindert werden kann.

In diesem Zusammenhang muss man klar sehen, dass solche Vorfälle deutlich einfacher zu vertuschen sind, wenn wir es mit Kindern zu tun haben, die noch so klein sind, dass sie das Erlebte weder einer anderen Erzieherin noch ihren Eltern gegenüber artikulieren können. Wenn wir also derzeit massiv Plätze für solche Kinder schaffen, erhöhen wir automatisch schon allein statistisch die Anfälligkeit des Systems. Und selbst, wenn es Kinder sind, die schon sprechen können. Wie reagiert man als Eltern auf den Satz: „Die Gitta bindet mich immer ans Bett.“ Nimmt man das ernst? Fragt man verunsichert nach? Kindermund, nein, was für eine blühende Fantasie die Kleine hat. Wir wissen, dass bei anderen Missbrauchsfällen die Beweislast oft kaum zu erbringen ist, wie also bei Kindern, die selbst nicht einmal aussagen können?

Eines der Kinder in Altenburg konnte anhand der Fotos der Praktikantin identifiziert werden. Es handelt sich um ein Baby, das noch nicht einmal ein Jahr alt ist. Und es ist wirklich purer Zufall, dass die Vorfälle ans Licht kamen. Hätte die Praktikantin nicht davon berichtet, würde das munter so weitergehen, ohne dass jemand zur Verantwortung gezogen wird. Wie viele andere Vorfälle bleiben im Dunkeln, weil niemand es anzeigt, weil die Kinder nicht reden können? Immer wieder werden Fälle von Misshandlungen in Kindergärten dokumentiert, sie kommen vor Gericht, die Erzieherinnen werden entlassen. Immer ist von bedauerlichen Einzelfällen die Rede.

In diesem Fall in Altenburg bin ich nicht ganz sicher, was mir einen größeren Schrecken einjagt: Die Vorfälle selbst, bei denen schlimmstenfalls ein Kind hätte ersticken können, oder die Reaktionen und Erklärungsversuche des Trägers und der zuständigen amtlichen Stellen.

Die Leiterin des Kindergartens will natürlich nichts gewusst haben. Was, wenn es stimmt, schon schlimm genug wäre. Denn es stellt sich die Frage, wie man so eine Praxis, die offenbar seit Monaten in der Gruppe der 16 U3-Kinder vollzogen wird, nicht mitbekommen kann? Auch keine der 27 Kolleginnen hat etwas mitbekommen? Sind die U3-Kinder in einem hermetisch abgeriegelten Nebenflügel untergebracht? Diese drei Erzieherinnen haben ja offenbar ohne jegliches Unrechtsbewusstsein gehandelt. Sie haben sogar zugelassen, dass die Praktikantin es mitbekommt und naiverweise dokumentiert. Also die Praktikantin weiß, was Sache ist, die Kindergartenleitung aber nicht?

Diese Kinder haben geschrien, geweint, jedes Mal. Deswegen hat man es ja getan. Sie sollten sich durch das Fixieren beruhigen. „Sie haben die Kinder beim Schlafen eingewickelt und zugeschnürt, damit sie ruhig bleiben“, sagte die zuständige Fachdienstleiterin des Landkreises Altenburger Land, Marion Fischer, am Freitag. Sie bestätigte auch die Tücher auf den Gesichtern. Das sogenannte „Pucken“, bei dem kleinen Kindern die Arme eng an den Körper gelegt und sie dann in eine Decke eingewickelt werden, sei legitim, erklärte Behördenleiterin Fischer. Das bestätigt übrigens auch der Geschäftsführer des Kindergartenträgers „Volkssolidarität“, Volker Kibisch. Das Pucken sei erlaubt, allerdings müssten die Erzieherinnen in der Nähe bleiben, um die Decken wieder zu lösen, sobald das Kind sich beruhigt habe. In diesem Fall seien die Kinder aber zusätzlich mit Mullwindeln fixiert worden. Offenbar kam niemand auf den Gedanken, dass man Kinder vielleicht auch durch körperliche Zuwendung beruhigen könnte. Durch Nähe, sanfte Worte, Berührung. Kuscheln. Vielleicht war auch einfach keine Zeit dafür.

Die amtliche Fachleiterin und auch der Geschäftsführer haben also kein grundsätzliches Problem mit dieser Technik, nur das zusätzliche Fixieren bereitet Unbehagen. Dies legitime „Pucken“ ist in der Psychoanalyse offenbar deutlich umstrittener als in thüringischen Kitakreisen. Ich empfehle dazu gerne Literatur, wie das Buch „Gefesselte Kinder“, das von „archaischen Methoden“ spricht. Aus dem Klappentext: „Der Autor zeigt, welche empirisch nachgewiesenen Gefahren damit verbunden sind. Medizin, Entwicklungspsychologie und Kindheitsgeschichte sollen ein Verständnis dafür eröffnen, was dieses Einbinden für das Baby bedeutet und welche Fantasien die wickelnden Eltern aufweisen.“ Das Wort „Eltern“ wäre dann in diesem Fall durch „Erzieherinnen“ zu ersetzen. Auch die Zeitschrift „Psychologie heute“ hat sich unter ähnlichem Titel ebenfalls mit dem Thema befasst.
Zitat: „Vielfach wird empfohlen, Neugeborene in den ersten Lebenswochen fest zu wickeln. Die nachgewiesenen Gefahren dieser archaischen Pflegepraxis – neudeutsch „Pucken“ – werden dabei häufig ignoriert. Wem dient eigentlich das stramme Wickeln: den Bedürfnissen des Babys oder vielleicht doch dem Wunsch der Eltern nach Ruhe?“ Eine gute Frage, die sich nahezu aufdrängt im Fall der Erzieherinnen.

Egal wie man nun als Eltern dazu steht – in Großbritannien werden beispielsweise 20 Prozent aller Neugeborenen „gepuckt“ – es ist eine Entscheidung der Eltern, wie sie dazu stehen und ob sie es selbst mit ihrem Kind tun wollen. Es ist auf keinen Fall eine Sache staatlicher Ämter. Üblich ist es zudem nur bei Neugeborenen, um ihnen die Enge und Ruhe im Mutterbauch künstlich nachzustellen. Hebammen empfehlen dies häufig, auch meine tat es. Ich habe meine neugeborenen Kinder auch in eine Decke gewickelt in den ersten Tagen ihres kleinen Lebens. Es tat ihnen gut. Allerdings habe ich sie sanft im Arm gehalten, bis sie schliefen und nicht schreiend abgelegt, bis sie aufhörten. Nur reden wir hier aber nicht von Neugeborenen, sondern von Krippenkindern bis zu zwei Jahren, die hier mit Methode ruhiggestellt wurden.

Ja, ich finde, man darf das böse Wort „Freiheitsberaubung“ in diesem Zusammenhang durchaus in den Mund nehmen. Das zusätzliche Fixieren der Kinder tut sein Übriges dazu. „Fixieren“ ist ein verniedlichender Begriff, den man bislang nur aus der Altenpflege kannte. Dort wird er verwendet, um alte Menschen in ihren Betten und Rollstühlen festzubinden, damit sie nicht herausfallen können und sich verletzen. Vielleicht auch, weil sie durch ihren Freiheitsdrang einfach zu viel Mühe machen. Die Methode ist jedenfalls umstritten.
Und sie gilt als ein derartiger Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen, dass es in der Pflege für jeden einzelnen Menschen, bei dem es angewendet werden soll, eines richterlichen Beschlusses bedarf. Man darf einen Menschen also nicht einfach in seinem Bett fesseln, auch wenn es das Beste für ihn ist und nur geschieht, um ihn zu schützen. Oder damit er schlafen soll. Das darf nicht der zuständige Pfleger oder die Heimleitung entscheiden, sondern nur ein Richter. Gilt denn Gleiches nicht auch für wehrlose Kinder? Die Leichtfertigkeit, mit der in Altenburg über das „Pucken“ von Kindern bis zwei Jahren als legitime Methode zur Beruhigung gesprochen wird, erschreckt doch sehr in diesem Zusammenhang.

Dass man einen richterlichen Beschluss für die körperliche Einschränkung eines Menschen braucht, gilt übrigens auch bei Menschen mit Behinderungen. Die Kita „Spatzennest“ ist eine integrative Einrichtung. Dort werden auch Kinder mit Behinderung betreut. Ob die betroffenen Eltern der „gepuckten“ Kinder wohl im Vorfeld informiert worden sind, welche Methoden im „Spatzennest“ als normal gelten und wie man mit ihren Kindern dort verfährt? Die Eltern selbst dürften jedenfalls zu Hause ihre Kinder nicht einfach im Bett fixieren. Denn auch für Kinder, für die man selbst die Vormundschaft besitzt, und die aus medizinischen Gründen fixiert werden müssen, braucht es einen richterlichen Beschluss.

Vertrauen zurückgewinnen

Volker Kibisch beeilte sich zudem mitzuteilen, dass keines der Kinder körperliche Schäden davongetragen habe. Ja wie schön. Keine Fesselspuren. Und man habe den Eltern psychologische Hilfe angeboten. Den Eltern wohlgemerkt, nicht den Kindern. Wie wäre es denn mal, wenn man nicht nach den körperlichen, sondern nach den psychischen Folgeschäden der Kinder fragt? Wie sich das so auf das Gemüt einer Zweijährigen auswirkt, diese Erfahrung von Ohnmacht, Ausgeliefertsein und Fesselung? Sollte sich zufällig ein zweijähriges Kind in Ihrer Obhut befinden, dann fesseln Sie es doch einfach mal mit einer Decke bewegungsunfähig für eine halbe Stunde in seinem Gitterbett. Nein? Würden Sie nicht machen? Ich auch nicht. Man braucht keine Ausbildung und auch kein psychologisches Studium, um sich auszurechnen, dass es weder für das Kind selbst noch für die Beziehung zwischen Täter und Opfer besonders förderlich ist.

Zurück bleibt die Frage, wie oft müssen uns denn „bedauerliche Einzelfälle“ erst begegnen, bevor man von Amts wegen einen grundsätzlichen Regelungsbedarf sieht? Bis das in einem amtlichen Arbeitskreis fertig diskutiert ist, bleibt uns als Eltern ja offenbar nichts anderes übrig, als entweder weiter blind zu vertrauen, oder alternativ öfters mal unangekündigt in der Krippe unseres Vertrauens vorbeizuschauen. Vertrauensförderlich ist das allerdings nicht.
Nein, mit der Aussage „bedauerlicher Einzelfall“ ist diese Sache nicht abgetan. Zurück bleiben massenweise unschuldige Erzieherinnen, denen jetzt eventuell misstrauisch begegnet wird und massenweise verunsicherte Eltern, deren Vertrauen man zurückgewinnen muss.

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