Du musst ein Schaf sein in dieser Welt

von Birgit Kelle25.10.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Entmachtung der Familie schreitet voran, das große Ganze – die Verantwortung fĂŒr die Kindererziehung – gerĂ€t aus dem Blick. Wenn das Private politisch ist, was ist dann noch privat?

Norbert BlĂŒm hat es wieder getan. In deutlichen Worten beschreibt er – wieder einmal – “in einem Gastbeitrag fĂŒr die „Zeit“”:http://www.zeit.de/2012/42/Ehe-Familie-Karriere/komplettansicht den realen Status quo der Familienpolitik, mit der ernĂŒchternden Bilanz: Es geht nur noch rein um den Arbeitsmarkt, in den sich die deutschen Eltern gefĂ€lligst einzufĂŒgen haben. MĂ€nner und Frauen sollen zunĂ€chst gemeinsam unter das Joch der Arbeit gezwungen, um dann kollektiv davon befreit zu werden. Alles sozialistische Romantik. In Wahrheit ist es jedoch staatliche Lenkung. Schade nur, dass Norbert „die Rente ist sicher“ BlĂŒm diese deutlichen Worte nicht schon wĂ€hrend seiner aktiven Zeit als Politiker gefunden hat. Denn jetzt hat er nichts mehr zu sagen, bleibt Stachel im Fleisch einer CDU-Familienpolitik, die er einst hĂ€tte mitgestalten können und die heute ihren Namen kaum mehr verdient. Da hilft es nun auch nichts mehr, dass er sich in einem Seitenhieb gegen die modernen Vorstellungen Ă  la von der Leyen wendet, wie Familie heute angeblich zu bewĂ€ltigen ist. Time is running out.

Wenn Freiheit nichts mehr zÀhlt

Nur, wenn nicht einmal mehr im bĂŒrgerlichen Lager der demokratischen Parteien die Freiheit und Privatheit eines Elternhauses etwas zĂ€hlt – wo denn dann noch? Im linken politischen Spektrum ist man sich schließlich schon lange einig, dass das Private immer politisch ist, doch was ist dann noch privat? BlĂŒm schreibt:

bq. Es könnte sein, dass mit der Familie auch freiheitliche Traditionen zugrunde gerichtet werden. Mit der Verteidigung der Familie wird Privatheit verteidigt. Denn die private SphĂ€re ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Emanzipation von der AllzustĂ€ndigkeit der Macht. Die Partnerschaft zwischen zwei Menschen ist die eigentliche Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Das Private musste Wirtschaft, Gesellschaft und Staat abgerungen werden. Soll das jetzt hergegeben werden? Soll die Ehe zur Dependance der Wirtschaft und die Kindheit zum staatlichen FĂŒrsorgeobjekt werden?

Ja, möchte man laut schreien, so ist es. Genau das haben die vor, nur wer sind die? Und wer sind die anderen? Es reicht ja nicht einmal zur Verschwörungstheorie. Dies wĂŒrde ja voraussetzen, dass man raffinierte, kluge, mĂ€chtige Menschen im Hintergrund hat, die Marionetten tanzen lassen, die langfristig denken, Strippen ziehen und den großen Plan vorantreiben. Wer soll das bitte sein? Ursula von der Leyen, Claudia Roth oder etwa Manuela Schwesig? Die Papi-Darsteller Cem Özdemir und Sigmar Gabriel? Oder vielleicht Olaf Scholz, der forderte ja schon vor Jahren die „Lufthoheit ĂŒber den Kinderbetten“ fĂŒr die SPD. Strippenzieher? GeheimbĂŒnde? DafĂŒr taugen sie alle nicht. Am ehesten ist also davon auszugehen, dass sie es tatsĂ€chlich gut meinen mit ihren Ansichten ĂŒber die Beziehung von Staat und Individuum. Hach wie fĂŒrsorglich sie sich doch um uns kĂŒmmern wollen! Nur bin ich mir in dem Fall gerade nicht ganz sicher, ob mir dann doch die Verschwörung nicht lieber wĂ€re.

Wer verteidigt denn noch die Freiheit der Familien, die Freiheit des BĂŒrgers und des Individuums in unserem Land? Die CDU haben wir abgehakt. Die Freiheitlichen? Herr Rösler? Ach nein, denn das ist ja der Parteivorsitzende der FDP, der unbedingt sicherstellen will, dass Bildung garantiert wird, falls Kinder zu Hause sind – sprich, weil er es den Familien von alleine nicht zutraut. Viele frei denkende Demokraten werden dann allerdings in unserem Land nicht ĂŒberbleiben, wenn alle erst einmal von der Wiege bis zur Bahre unter staatlicher Aufsicht stehen. Wie viele frei denkende Demokraten werden wir noch haben in unserem Land, wenn alle erst einmal von der Wiege bis zur Bahre unter staatlicher Aufsicht stehen? Ob Herr Rösler auf langen NachtflĂŒgen auch mal schlaflos darĂŒber nachdenkt, wer die FDP in 20 Jahren noch wĂ€hlt? Freiheit ist nicht nur Freiheit der Wirtschaftswege und Abschaffung der PraxisgebĂŒhr, sondern in allererster Linie die Freiheit des Einzelnen. Weil wir in Deutschland nicht das Kollektiv schĂŒtzen und den Markt, sondern erst einmal uns selbst. Sie und mich und all die anderen. Und zwar jeden einzeln.

Grundkurs SubsidiaritÀtsprinzip

Die ganze Diskussion rund um das Betreuungsgeld, das mal wieder auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben wird, erscheint da nur als eine Art Schattendebatte, weil man die großen Themen nicht offenlegt: Die Frage, wie weit der Staat in das private Leben der BĂŒrger einschreiten darf. Wie weit ist nötig und ab wann schadet es? Grundkurs SubsidiaritĂ€tsprinzip. Und was geschieht eigentlich, wenn der Staat sich der Privatheit der BĂŒrger bemĂ€chtigt? Wo bleibt hier die Speerspitze der FDP und schreit: „Bis hierher und nicht weiter!“? Stattdessen marschiert man in Sachen Familienentmachtung auch noch an vorderster Front. Mein Gott, wie wĂŒnscht man sich Politiker von Format herbei, die noch das große Ganze im Auge haben und wie ein Fels auch ihre Überzeugungen verteidigen.

Wohin es fĂŒhrt und was damit bezweckt wird, wenn der Staat die Erziehung von Kindern möglichst frĂŒhzeitig ĂŒbernimmt, darf man sich als Anschauungsunterricht in den GeschichtsbĂŒchern und in manchen noch existierenden LĂ€ndern gern ansehen. Es ist ja kein Geheimnis. Es waren immer die totalitĂ€ren Regime, die sich der Kindheit ihrer BĂŒrger bemĂ€chtigt haben. Ja, auch die Herren Nazis. Zwar geistert bei manchen Zeitgenossen heute immer noch die Vorstellung umher, damals hĂ€tte man die Familie als Ideal hochgehalten. Mutterkreuz und so Kram. TatsĂ€chlich war es zutiefst menschenverachtend, MĂŒtter Kanonenfutter gebĂ€ren zu lassen, um ihren Nachwuchs so schnell wie möglich in BĂŒnden als Denunzianten auch ihrer eigenen Eltern großzuziehen. Weil ein frei denkender Mensch im Schutzraum Familie fĂŒr ein Machsystem mit TotalitĂ€tsanspruch ein unkalkulierbares Risiko darstellt. Weil Kinder schwach sind, weil Kinder leicht beeinflussbar und formbar sind. Weil man sie sogar vom Einfluss ihrer eigenen Eltern entfremden kann, wenn man sie rechtzeitig in seine FĂ€nge bekommt. Warum haben sĂ€mtliche kommunistischen, sozialistischen und genau genommen alle -istischen Staaten genau dieses Konzept verfolgt? Die Antwort ist einfach: Weil es funktioniert.

Auf die Barrikaden!

Wir treiben jetzt also alle Kinder zusammen in Krippen, in Kitas, in Ganztagsschulen, wir bilden nach DIN-Norm und fördern nach Schablonen und Leistungskurven. „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein“, hat es Albert Einstein einst treffend formuliert. Wir wollen doch die Leitwölfe in unserer Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Politik – dennoch zwingen wir alle erst einmal in eine Herde, wo sie am besten funktionieren, wenn sie sich konform in die Gruppe eingliedern. Wie viele Einsteins werden wir aus diesen Herden wohl zukĂŒnftig noch generieren? Wie viele Sophie Scholls und von Stauffenbergs? Auf die Barrikaden mit euch, möchte man allen Eltern zurufen. Ihr seid es allein, die in euren Kindern etwas ganz Einzigartiges sehen. Die sie lieben und nicht fallen lassen, auch wenn sie aus der Reihe tanzen. Wenn sie drohen an den Leistungsanforderungen, die man ihnen stellt, zu scheitern. Ihr entdeckt ihre verborgenen Talente, oder gar niemand. Ihr glaubt an sie, auch wenn sie nicht sozialkonform auf dem Schulhof spielen und die nĂ€chste FĂŒnf in Mathe droht. Ihr habt es in der Hand, lasst es euch nicht wegnehmen. Wir brauchen keine Gesellschaft, in der alle gleich gut sind, das Gleiche wollen, das Gleiche denken und das Gleiche anstreben. Wir brauchen die Freigeister, die Gegendenstromschwimmer, die schwarzen Schafe, die Individualisten, die TrĂ€umer, die VisionĂ€re, die WiderstĂ€ndler und auch ein paar Wahnsinnige im besten Sinne. Das Private ist nicht politisch, es ist verdammt noch mal privat.

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