Unternehmer werden zwar gebraucht, aber nicht mehr bewundert. Das war früher anders. Ehrhardt Bödecker

Der Familienknick

Das Gerede vom Karriereknick durch Kinder offenbart einen fatalen Prioritätenwechsel in der Gesellschaft. Tatsächlich ist unser größtes Problem der Verlust der Familie.

Ja, wir haben wieder eine Studie, wie es um den Nachwuchs, oder besser gesagt um dessen Ausbleiben in deutschen Familien so steht. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat zusammen mit Schweizer und Österreicher Kollegen geforscht. Die gute Nachricht ist: Wir sind noch nicht ausgestorben. Die schlechte: Wir sind nach wie vor auf dem Weg dorthin. Günter Stock, Präsident der BBAW, gibt derzeit fleißig Interviews, denn natürlich hat man auch Empfehlungen, was zu tun sei. Die 08/15-Lösung ist selbstverständlich auch mit dabei: mehr Kinderbetreuungsplätze, mehr Ganztagsbetreuung. Und ganz neu: mehr künstliche Befruchtung. An einer Formulierung bleibe ich hängen, wie an einem Déjà-vu: Eltern wollten doch am „gesellschaftlichen Leben teilhaben“, deswegen brauchen wir also die Rundumbetreuung für den Nachwuchs. Stock fordert entsprechend längere Öffnungszeiten von Kitas bis in die Abendstunden, „damit Eltern auch abends am sozialen Leben teilhaben können“. Nicht nur tagsüber im Beruf auch abends noch: Teilhaben liebe Eltern, fleißig teilhaben!

Kinder auf der Höhe von kleinen Tyrannen

Im Klartext: Mehr Auslagerung der Kinder, dadurch mehr Freiheit für Eltern. Wofür hatten sie diese Kinder noch mal bekommen? Wörtlich sagte er: „Es ist legitim, dass die gut ausgebildeten Menschen sich auch in den entsprechenden Berufen verwirklichen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen. Man kann von Paaren mit Kindern nicht auf Dauer erwarten, dass sie sowohl auf einen Teil des materiellen Wohlstands verzichten als auch auf die Teilhabe am bürgerlichen-sozialen Leben.“ Ja, es ist wahrlich an der Zeit, dass wir Eltern endlich von dieser Verpflichtung Kind, die wir uns unvorsichtigerweise selbst ans Bein gebunden haben, wenigstens tagsüber befreien und wenn möglich auch mal abends. Schließlich will man ja auch mal am Kino teilhaben.

Nahezu kein Buch, kein Text, keine Argumentation rund um das Thema Frau, Kinderkriegen und Beruf kommt ohne diese ominöse Teilhabe am „gesellschaftlichen und sozialen Leben“ aus. Es muss also wirklich im Argen liegen. Wir lernen: Wer Kinder großzieht, ist vom echten Leben ausgeschlossen. Gesellschaftliche Teilhabe beginnt also erst draußen auf der Fußmatte, wenn ich die Nachbarin grüße und nicht etwa dort, wo jede Gesellschaft ihre ureigene Keimzelle hat: in der Familie. Offensichtlich geistert in der Wissenschaft die Vorstellung umher, dass Eltern und vor allem Mütter von den eigenen Kindern gefangen gehalten werden in den häuslichen vier Wänden und erst durch das morgendliche Öffnen der Kindergärten ein paar Stunden Freigang erhalten. Passt übrigens bestens zu der ebenfalls weit verbreiteten Meinung, dass Eltern ihre Kinder zu Hause unter bildungsfernen Bedingungen von der Teilhabe des gesellschaftlichen Krippenlebens fernhalten. Ein Teufelskreis, möchte man meinen.

In der Frauenliteratur arbeitet man sich entsprechend an diesem Teilhabeargument ab. Es kann ja schließlich nicht sein, dass nur der Mann regelmäßig an die frische Luft, alternativ in den schweißtreibenden Job, kommt. Mutti muss auch mal raus und kräftig teilhaben. Man findet es bei der französischen Feministin Elisabeth Badinter in ihrem Buch „Der Konflikt: Die Frau und die Mutter“. Mutterschaft ist bei ihr in der Regel das Grundproblem und Kinder fungieren dort auf einer Höhe mit kleinen Tyrannen, die ihre Mütter beim Stillen aussaugen, an das Haus fesseln und – wie soll es anders sein – ihnen die Teilhabe an der Gesellschaft behindern. Man findet die Teilhabe auch in dem Buch „Frauen auf dem Sprung“ von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), die nur durch Berufstätigkeit eine Teilnahme der Frauen am gesellschaftlichen Leben sieht. Entsprechend hat sie neben anderen Büchern auch eines mit dem Titel „Verschenkte Potenziale?“ herausgegeben. Das handelt von Frauen, die nicht erwerbstätig sind. Ja, das muss man sich mal vorstellen: alles vergeudete Leben hinter Türen mit selbst gebastelten Türkränzen. Man findet es auch bei auch bei Bascha Mika, in ihrem Buch über die feigen Frauen, die sich hinterm Kinderkriegen verstecken („Die Feigheit der Frauen“). Dies liegt möglicherweise auch einfach daran, dass Frau Mika gerne Frau Allmendinger zitiert.

Karriereknick, Einkommensknick, Freizeitknick, Freiheitsknick, Emanzipationsknick, nicht zu vergessen Teilhabeknick, genau genommen also ein Allesknick. Ja, Kinder sind ein echtes Übel. – Nur wenn man die Eltern fragt, die gerne zu Hause bei ihren Kindern sind, bekommt man seltsamerweise etwas anderes zu hören als das, was wissenschaftlich an allen Fronten aufgearbeitet wird. Da werden Kinder plötzlich zum Lebenssinn, zum Lebenszweck, zur Lebensverwirklichung. Die Bücherläden stehen voll mit Selbsterfahrungsberichten von Müttern und neuerdings auch vielen Vätern, die – trotz allem – ihr Glück in Kindern gefunden haben. Trotz Schlafentzug, Geldsorgen, Erziehungswahnsinn und vollen Windeln. Obwohl man nicht mehr ins Kino kommt und auch nicht ins Theater. Weil das ja auch niemals eine Kompensation ist für ein fehlendes Nest. Weil ich Familie nicht kaufen kann und sie deswegen mit Geld auch nicht zu haben ist. Unbezahlbar eben. Wer also nur vom Karriereknick durch Kinder spricht, vergisst, verleugnet, dass gerade Karriere sehr häufig zum Familienknick führt.

Böses Erwachen, wenn Karriere plötzlich als Lebenssinn nicht mehr reicht

Wie viele Menschen mit großen Karrieren sind geschieden? Wie viele Väter mit Top-Jobs sehen ihre Kinder und Ehefrauen kaum? Wie viele haben es gar nicht erst zur Familie geschafft? Es sind statistisch mehr Karrierefrauen als Karrieremänner, die kinderlos bleiben. Es sind statistisch mehr Frauen als Männer, die ungewollt kinderlos sind. Das sagt auch die neue Studie des BBAW. Deswegen beschäftigt man sich darin auch viel mit der schwindenden Fruchtbarkeit von Frauen und Männern mit steigendem Alter. Laut Studie gibt es ein großes Unwissen bzw. einen Irrglauben, dass Kinderkriegen bis jenseits der 40 Jahre noch problemlos möglich sei. Das Wunschkind, das Frau 20 Jahre verhütet hat, stellt sich dann aber mit 40 auch auf Kommando nicht mehr ein. Stattdessen dann ein böses Erwachen, wenn Karriere plötzlich als Lebenssinn nicht mehr reicht. Vielleicht bekommen wir gerade die gesellschaftliche Quittung dafür, dass wir uns mit allen Knicks beschäftigen, die durch Kinder ausgelöst werden, aber nicht mit den Knicks, die Kinder verhindern könnten. Den Rentenknick zum Beispiel. Oder den Sinnknick. Vielleicht ist es auch die Quittung aus dem jahrelangen Sexualkundeunterricht, der heute in der Regel Kinderverhinderungsunterricht ist. Wo die nachwachsenden Generationen viel darüber lernen, wie man Kinder nicht bekommt, aber wenig, was dazu gehört, dass Familie jenseits von sexuellen Abenteuern gelingt. Eine Gesellschaft, die mehr Kinder haben will, muss sich aber um die Ursachen kümmern, warum Familien nicht entstehen oder scheitern, und diese beseitigen, anstatt die Kinder beiseite zu schaffen. It’s the family, stupid!

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