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Marginale Effekte

Kinder von Alleinerziehenden sind häufiger blöd und dick, deswegen sollen sie möglichst früh in die Kita. Nein – so sagt es die neue Studie zu Alleinerziehenden natürlich nicht wörtlich – das ist aber gemeint.

Druckfrisch präsentierte am Donnerstag das Familienministerium eine Studie, wonach Kinder von Alleinerziehenden unheimlich vom frühen Besuch in einer Kita profitieren würden. Vor allem diese Kinder, die anderen natürlich auch. Gut, dass wir uns so anstrengen, endlich mehr solcher Plätze zu bauen. Das Papier zeigt aber vor allem dies: Wieder einmal werden Alleinerziehende pauschal in einen Topf geworfen, die angeblich positiven Effekte sind marginal und profitieren würde vor allem die Wirtschaft.

Traumziel Frauenvollbeschäftigung

Mit Studien ist es so eine Sache, am besten nähert man sich den Ergebnissen mit den Fragen: Wer hat sie erstellt, wer hat sie bezahlt und vor allem: Qui bono? Wem nützt sie? Allein schon die Tatsache, dass sich die Hälfte der zusammengestellten Daten mit Hochrechnungen beschäftigt, wie viele Alleinerziehende Vollzeit arbeiten könnten und wie sich die Investitionen in Kitas ökonomisch rechnen würden, macht stutzig. Wörter wie Rendite, ökonomischer Nutzen, Kosten-Nutzen-Analysen lassen wahrlich nicht vorrangig das Kindeswohl im Vordergrund stehen. Auch nicht die Tatsache, dass ein Wirtschaftsinstitut das Dokument erstellt hat.

Allein das Wort „Studie“ verwischt oft bereits die Grenzen zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Hochrechnung von Wahrscheinlichkeiten. Auch in der aktuellen Studie des Institutes der deutschen Wirtschaft (sic!) Köln im Auftrag des Familienministeriums und des Deutschen Roten Kreuzes ist dies der Fall. Einerseits werden Zahlen gesammelt oder einfach aus fremd erstellten Studien zitiert – die als Wahrheit prophezeiten Veränderungen durch einen Kitabesuch werden aber hochgerechnet und mit Wahrscheinlichkeiten versehen. Drei Begriffe fallen beim Lesen des Dokumentes auf – „marginal“, „könnte“ und „nicht signifikant“. Man findet sie allerdings nicht in den eifrig erstellten Pressemitteilungen und Zusammenfassungen, man muss schon das ganze Dokument lesen – wer tut das schon? Und so ist die Pressemitteilung zu so einem Dokument nichts anderes, als der Anspruch der Deutungshoheit über die Zahlen – sollen sich Zweifler doch erst mal durch das Kleingedruckte quälen.

Am Anfang steht ein Fakt. Ja sicher, Alleinerziehende – dabei sprechen wir in der Regel von Frauen – sind überproportional von Armut bedroht, ihre Kinder damit auch. Doch die Lösung des Problems ist hier nicht etwa wissenschaftlich erarbeitet, sondern vorgegeben: Alleinerziehende sollen mehr Vollzeit arbeiten, damit aus der Armut raus und schon ist alles in Butter. Dazu kommt man auch noch dem Traumziel Frauenvollbeschäftigung näher, Hosianna. Offen bleibt die Frage, ob es auch andere sozialstaatliche oder gar gesellschaftliche Lösungen gäbe, um die Armut dieser Familien zu lindern oder gar im Vorfeld zu verhindern. Diese Fragen werden weder gestellt noch erörtert.

Endziel Gymnasium

Das gesteigerte Kindeswohl und der positive Effekt hat in der Studie vor allem einen Gradmesser: den späteren Gymnasialbesuch der Kinder. Demnach würden mehr Kinder Alleinerziehender ins Gymnasium kommen, wenn sie länger als ein Jahr eine Kita besucht haben. Das tut die überwältigende Mehrheit der Kinder übrigens sowieso und das sogar drei Jahre lang.

Dabei hat die Prognose schon einen Anfangsfehler: Man argumentiert, wie leider sehr oft, mit Erhebungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen auf Grundlage von Statistiken zu Kindern zwischen drei und sechs Jahren – begründet damit aber eine Fremdbetreuung von Kindern ab einem Jahr. In zwei Jahren kann viel geschehen. Kinder lernen in dieser Lebensphase laufen – oder auch nicht. Sprechen – oder auch nicht. Sie sind emotional leicht zu stressen – vor allem durch die Trennung von den Eltern. All das wird ausgeklammert und stattdessen pauschal vorausgesetzt, dass Bildung und Förderung besser in einer Einrichtung als zu Hause geschehen würde. Und weil man eben noch gar keine statistische Erfassung hat, wie die schulische Laufbahn eines Kindes sich entwickelt, das bereits mit einem Jahr in die Kita kam, werden auch hier einfach Schätzwerte hochgerechnet. Es sind nur Projektionen und die Studie spricht wörtlich von „resultierenden marginalen Effekten“ durch einen frühen Kitabesuch.

Das hindert die Macher jedoch nicht daran, mit diesen Marginalien weiter zu rechnen und zu dem Ergebnis zu kommen, dass sich die Zahl der Gymnasialbesucher aus Alleinerziehendenhaushalten verdoppeln könnte. Ja könnte, da ist es wieder. Zu dem erhöhten Prozentsatz an Gymnasialschülern nach erfolgreicher Kitalaufbahn sagt die Studie wörtlich: „Allerdings ist der Schätzwert mit einem Standardfehler von 0,08 sehr unsicher und statistisch nicht signifikant.“ Aha, statistisch nicht signifikant. Hatte ich in der Pressemitteilung nicht gefunden.

Aber mal ganz davon abgesehen: Sind denn Kinder, die eine Realschule, eine Hauptschule oder eine Gesamtschule besuchen, alle per se am Leben gescheitert? Haben wir neuerdings das Endziel Gymnasium für alle? Seltsamerweise wird nämlich an anderer Stelle und ganz im Gegenteil immer die Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems gefordert, wenn es um die Chancen von bildungsfernen Kindern geht, die man lieber gemeinsam mit allen anderen beschulen würde. Dann ist ja gut, dass wir noch nicht alle Gymnasien abgeschafft und in Gesamtschulen umgewandelt haben, wir hätten sonst gar keine hübschen, statistischen Zahlen mehr.

Echte Konfrontationstherapie

Pauschalisierend und diskriminierend ist zudem, dass so getan wird, als seien alle Alleinerziehendenhaushalte per se unglücklich, bildungsfern und das Kindeswohl vernachlässigend. Vereinfacht gesagt: Ihre Kinder sind häufiger dick und blöd und deswegen muss das mal jemand machen, der sich wirklich damit auskennt. Damit ist klar, Kinder haben in der Kita mehr Bildung, mehr Freunde, mehr Spaß und kommen mit höherer Wahrscheinlichkeit aufs Gymnasium, als wenn man sie in der Obhut ihrer überforderten Mütter belässt. Es ärgert mich, auch wenn ich selbst nicht alleinerziehend bin. Denn Bildungsferne und Vernachlässigung kommt in allen Familienformen vor. Ja, selbst Akademikerhaushalte können ihre Kinder verwahrlosen lassen – und sei es nur emotional.

Am ärgerlichsten finde ich jedoch in der Presseerklärung zur Studie den Hinweis, Betreuungseinrichtungen würden es den Kindern darüber hinaus erleichtern, „mit der Trennung ihrer Eltern zurechtzukommen“. Nein, das ist kein Scherz. Der Trennungsschmerz wird also dadurch verarbeitet, dass jetzt nicht nur – in der Regel – der Papa weg ist, sondern durch Vollzeiterwerbstätigkeit den ganzen Tag auch noch die Mama. Ja, das macht bei Einjährigen sicher Eindruck. Das nenne ich mal eine echte Konfrontationstherapie. Übrigens, wie man zu dieser positiven Voraussage kommt, dazu steht in der ganzen Studie kein Wort.

Hier finden Sie die Studie im PDF-Format.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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