Die Freiheit der Kunst ist ein hohes und nicht verhandelbares Gut. Michael Eissenhauer

Kristina im Gouvernantenstadl

Der flächendeckende Beißreflex des versammelten weiblichen Feuilletons beweist alleine schon: Familienministerin Kristina Schröder hat mitten ins feministische Herz getroffen.

Ich komm vor Lachen gar nicht mehr in den Schlaf ob des raffinierten Schachzuges von Kristina Schröder, sich erst vor wenigen Wochen überraschend und ungefragt mit versprochenen Subventionen in das Herz von Alice Schwarzer einzukaufen, um jetzt mit ihrem neuen Buch deren Feminismusdefinition eine volle Breitseite zu verpassen. Dabei hatten die Damen Schröder und Schwarzer sich doch erst kürzlich gegenseitig und öffentlich wärmende Worte zugeflötet. Von wegen Zickenkrieg. Vergessen war der Unfähigkeitsvorwurf von Alice an die junge Ministerin. Man darf gespannt sein, wie die Grande Dame der Emanzipation nun reagieren wird. Noch sind die Gelder zur Rettung ihres FrauenMedia Turmes in Köln nicht geflossen, sie muss sie artig, bürokratisch und vorschriftsmäßig beantragen und erstmal genehmigen lassen. Was also tun? In den aktuellen Shitstorm einsteigen und Klein-Kristina abwatschen, oder auf die Zunge beißen und haareraufend erst die Überweisung aus dem Ministerium abwarten?

Mitten im Geschlechtergraben

Sagen muss Frau Schwarzer eigentlich nichts mehr, das haben ihre Gefolgsgenossinnen schon hinreichend im deutschen Blätterwald übernommen. Breite Einigkeit herrscht darüber, die kann es nicht, sie ist zu jung, zu blöd, zu naiv, sie hat keine Lösungen, sie verrät die Frauen, sie vertritt sie nicht mehr, wenn dann höchstens noch die Mütter (sind das keine Frauen?). Sie habe keinen Mut, keine Ideen, keinen Erfolg, kein Konzept und sollte mal besser nach Hause gehen und den Platz räumen für jemanden, der weiß, was Frauen wirklich wollen. Die Antwort darauf würde auch Männer sicher brennend interessieren.

Liebe Frau Schröder, bleiben Sie. Ich finde es erfreulich, dass sich endlich mal ein Generationenwechsel in der Frauenpolitik abzeichnet. Ihr Bild, oder besser gesagt ihre Vision von der emanzipierten und vor allem freien Frau ist derart avantgardistisch, dass es nicht wundert, dass sich die ewig Gestrigen offensichtlich nicht in der Lage sehen, es nachzuvollziehen. Die geernteten Reaktionen bestätigen zahlreiche Kapitel Ihres Buches, das mit der einseitig beanspruchten Deutungshoheit der Feministinnen im Land abrechnet. Quod erat demonstrandum.

Wären die Liberalen nicht schon selbst in Sachen Frauenpolitik in ihren eigenen Idealen eingeknickt, müsste man Kristina Schröder empfehlen, die Partei zu wechseln, denn in den eigenen Reihen der CDU hat sie keinen Blumentopf mehr zu gewinnen. Dort herrschen die von der Leyens & Co. Schröders Definition von Feminismus ist zutiefst liberal – deswegen regt es den etablierten Feminismus in Deutschland ja auch so auf. Der ist nämlich totalitär. Da wird eine Abweichlerin in den eigenen Reihen nicht geduldet. Sie verrät das Frauenkollektiv und kämpft nicht mit ihnen, also ist sie gegen sie. Schwarz und Weiß, dazwischen nur ein tiefer Geschlechtergraben.

Das Private ist privat

Am eigenen Leib musste Kristina Schröder als Ministerin erfahren, was es in Deutschland heißt, Mutter zu werden. Sie hat die ungefragten Ratschläge bekommen, wie sie es richtig machen soll und vor allem muss. Sie musste hinnehmen, dass über ihre Heirat (Ja, nein, alles bloß Strategie?) öffentlich philosophiert wird. Dass die Frage des Familiennamens diskutiert wird und vor allem über ihre Rückkehr in den Beruf (wenn ja wann und wie und in welchem Umfang?) Sie hatte von Anfang an keine Chance es richtig zu machen. Kehrt sie zu früh zurück ist sie karrieregeil und vernachlässigt ihr Kind. Kehrt sie zu spät zurück, ist sie traditionell und unemanzipiert und ein schlechtes Vorbild für die Frauen im Land, die doch bitteschön endlich Kinder und Karriere haben sollen. Was normale Frauen in Familie, Freundes- und Bekanntenkreis über sich ergehen lassen müssen, hatte bei ihr noch die Potenzierung über die gesamte deutsche Öffentlichkeit.

Dementsprechend teilt sie auch nicht nur in Richtung Feminismus aus, sondern auch an die „Strukturkonservativen“ wie sie sie nennt. Ich hatte ein richtiges Déjà vu bereits beim Vorwort von Kristina Schröders Buch. Genau so ist es und ich kann die Erfahrung nur bestätigen. Ich war 23, das erste Mal schwanger, wähnte mich als emanzipierte Frau in Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und nahm in meiner grenzenlosen Naivität an, ich könnte einfach selbst entscheiden, wie ich es nun mache, wenn das Kind da ist. So war ich doch erzogen worden. Ich wurde eines Besseren belehrt. Ich nehme an, dass die Familienministerin von der gleichen Aggressivität erfasst wurde, wie ich einst. Dass es ihr reicht, dass wir nach 100 Jahren Emanzipation immer noch Frauen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Inzwischen sind es jedoch nicht mehr die Männer, sondern die Frauen, die sich gegenseitig runter ziehen.

Dass sie deswegen fordert, das Private endlich privat sein zu lassen. Dass sie mit ihrem Lebenswandel nicht als Supernanny im Familienministerium regieren will, wie ihre Vorgängerin. Sie will sich nicht anmaßen und auch nicht aufdrängen lassen, ihr Leben als Leitbild für Frauen in Deutschland zu führen, wie es die Vertreterinnen des Feminismus gerne tun. Es ist das Gouvernantengehabe dieser Damen der Generation 50 Plus, die sich ihren Weg in die Redaktionsstuben, Parteivorstände und Firmensessel hart erkämpft haben und nun fassungslos mit ansehen müssen, dass eine neue Generation Frauen heranwächst, die die Errungenschaften ihrer langjährigen Grabenkämpfe nicht zu schätzen wissen und teilweise nicht einmal nutzen wollen. Deswegen sind sie nun entrüstet, spielen sich als Wächterinnen der Frauenrechte auf und bevormunden ausgerechnet die Mädchen und Frauen, denen sie doch Freiheit versprochen hatten.

Angst vor dem Backlash

Ganz offen wird dabei von einem befürchteten „Backlash“ gesprochen. Gerne auch „rückwärtsgewandt“, wie uns Rita Süßmuth gestern entgegenschleuderte. Gemeint ist der aus ihrer Sicht Rückfall in alte Rollenmuster. Rückfall in die alte Abhängigkeit vom Mann, Rückfall und Rückzug auf die Mutterschaft, auf die finanzielle Abhängigkeit. Was all die Damen dabei übersehen: Das alte Rollenmodell wurde nie aufgegeben. Und manche finden es sogar richtig gut. Mit welchem Recht richtet Sie über meine Glücksvorstellungen?

Die Begriffe begegnen einem immer wieder, egal ob bei Ursula von der Leyen, die uns mit einer Quote zwangsbeglücken möchte und in einem Interview zum Besten gab, dass die jungen Frauen nur glaubten, sie könnten alles erreichen und die harten Tatsachen erst merken wenn es zu spät sei. Deswegen denkt sie für uns alle mit. Danke auch! Ich bin nicht zu Hause ausgezogen, um mir die guten Ratschläge jetzt woanders abzuholen. Ins gleiche Horn bläst auch die französische Feministin Elisabeth Badinter in ihrem Buch „Der Konflikt: Die Frau und die Mutter“. Auch sie sieht einen Backlash heranziehen, weil die jungen Dinger einfach nicht mitziehen. Wir finden es wieder bei Bascha Mika und ihren feigen Frauen und/oder Jutta Allmendinger, die beiden zitieren sich auch gerne gegenseitig. Frau Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums in Berlin, die von sich selbst sagt, sie sei „stolz eine Quotenfrau zu sein“ – etwas, was mir nicht einmal unter Androhung von Folter über die Lippen käme. Frauen, die nicht berufstätig sind, sind für sie „verschenkte Potenziale“. Mit der Zeitschrift Brigitte hat sie die Studie „Frauen auf dem Sprung“ erstellt und wähnt sich seither als Kompetenzzentrum in Sachen Frauenleben. In ihren Augen bin ich eine gescheiterte Person.

Weil sich meine Lebensvorstellung von Mitte zwanzig nicht mit meinem realen Leben Mitte dreißig deckt. Weil der Wandel für sie ein Scheitern ist und sie damit verstockter und konservativer ist als alle „Strukturkonservativen“ die ich kenne. Was sie nicht begreift: Ansichten können sich ändern. Mein Leben hat die Richtung gewechselt durch Kinder und ist besser geworden, als ich mir damals überhaupt vorstellen konnte. In einer hitzigen öffentlichen Debatte in ihrem eigenen Haus versuchte sie mich einst zu überzeugen, dass ich in meinem begrenzten Horizont gefangen sei. Erst müsse sie, die Jutta, mir den Weg frei räumen, damit ich mich frei entscheiden kann – natürlich dann endlich mit offenen Augen in ihrem Sinne. Es sind solche bevormundenden Attitüden, die ich hier beispielhaft nenne, von denen die Ministerin in ihrem Buch spricht.

Kristina Schröder ist übrigens nicht nur Ministerin für Frauen, sondern auch für „Gedöns“. Sie ist auch nicht Feminismusministerin oder „Emanzipationsministerin“ wie wir sie eine in NRW haben (Kein Scherz!) sondern auch Ministerin für Männer, die Teil der Familie sind. Und Ministerin für Kinder, die schon lange niemand mehr fragt, wie und mit wem sie den Tag so verbringen wollen. Und sie ist auch Ministerin für all die Rentnerinnen, deren Leben wir gerade rückwirkend schlecht reden und als rückwärtsgewandt abtun, als hätten sie nichts geleistet.

Man muss es nicht gut finden, wie Kristina Schröder ihren Job macht. Auch ich stimme ihr in zahlreichen Bereichen nicht zu. Dass aber eine Konservative den Liberalen, Alternativen und Toleranzbesessenen erklärt, was echte Freiheit bedeutet, ist mutig.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Birgit Kelle: Grandios gescheitert

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