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Die Uhr tickt

Eltern sollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen – Schäuble mag erleichtert aufatmen, weil den Erziehungsberechtigten Zeit wichtiger als Geld ist. Aber in diesem Fall ist Zeit eben Geld.

Der 8. Familienbericht steht unter dem Titel „Zeit für Familie“ – gleichzeitig zielen die Empfehlungen der Expertenkommission darauf ab, weniger gemeinsame Zeit für Eltern und Kinder zu ermöglichen. Wieder mal eine Chance vertan.

Fast perfide ist die Aussage, die als Quintessenz vorangestellt wird: Familien würden sich eher mehr Zeit, als mehr Geld wünschen. Das Aufatmen von Wolfgang Schäuble kann ich fast hören. Ja sicher, wer will nicht mehr Zeit mit den Kindern verbringen? Fragt sich nur, wer mir den Lohnausfall für die Stunde auf dem Spielplatz ausgleicht, denn jede Stunde, die wir Eltern weniger am Arbeitsplatz sitzen, bedeutet für die Familie einen Verdienstausfall. Zeit ist eben doch Geld. Es ist schon fast eine Binsenweisheit in einer Gesellschaft, die ständig an der Optimierung ihrer Produktionsprozesse arbeitet. Wenn wir den Familien also tatsächlich mehr Zeit mit den Kindern verschaffen wollen, dann müssen wir den Einkommensausfall, der sich dadurch ergibt, ausgleichen. Davon fehlt im Bericht jede Spur und dazu auch noch der Wille.

Der Tag hat nach wie vor nur 24 Stunden

Stattdessen die üblichen Hinweise: Die Fremdbetreuung soll weiter ausgebaut werden. Nun zeichnet sich Fremdbetreuung gerade dadurch aus, dass sie von Fremden erbracht wird und nicht von den Eltern. Wo ist da die gemeinsame Zeit? Das hat nichts mit verfehltem Zeitmanagement zu tun, sondern liegt in der Natur der Sache, da der Tag nach wie vor nur 24 Stunden haben wird. Vielleicht hätte man im Familienministerium mal jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt: Die Eltern selbst.

Denn das Problem von Eltern ist oft nicht die fehlende Betreuungseinrichtung, sondern ihre nicht vorhandene Flexibilität. Auch die Frage, wie man Eltern unterstützt, die am Abend und am Wochenende Betreuung brauchen, sonst aber Zeit haben, wird nicht gelöst. Genau so wenig, wie man Eltern hilft, die in den Schulferien Lösungen brauchen, sonst aber nicht, wird übergangen. Warum dürfen wir uns als Familie nicht eigene Lösungen suchen? Warum wird nur die Kita und Ganztagsschule subventioniert mit rund 1.000 Euro monatlich pro Kind, während jede private Lösung immer nur als teures Hobby gilt? Immerhin wird erwähnt, dass man flexiblere Öffnungszeiten bräuchte auch bei Kitas und Granztagsschulen. Zunächst soll dies aber in kommunalen Bündnissen totgequatscht werden, anstatt dass mal eine klare Ansage aus dem Familienministerium kommt mit dem Grundsatz, dass Betreuungseinrichtungen für die Kinder und Eltern da sind und nicht umgekehrt. In NRW müssen Sie Ihre Kinder täglich bis 16 Uhr in der OGS belassen und dürfen sie nicht vorzeitig abholen, auch wenn Sie schon um 14 Uhr zu Hause sind. Wer sich als Eltern querlegt, wird zum Gespräch einbestellt. Das ist nahezu Ignoranz gegenüber Eltern, aber keineswegs geglücktes Zeitmanagement.

Krönung des Schauspiels ist die Forderung der Expertenkommission, die Elternzeit von drei Jahren auf zwei Jahre zu verkürzen: Gleich ein Jahr weniger mit den Kindern. Respekt, da hat die Wirtschaftslobby ganze Arbeit geleistet. Ganz freimütig gibt man ja auch zu, dass dies nicht geschehen soll, um die Familien, sondern um die Wirtschaft zu entlasten. Wie war das noch mal? Familienbericht? Ich kann mir solche Empfehlungen nur durch dicke, braune Umschläge erklären, die unter Hotelzimmertüren durchgeschoben werden.

Kinder zu den Großeltern sind Eulen für Athen

Herzlich lachen musste ich über den wahnsinnig innovativen Vorschlag, dass jetzt Großeltern eingespannt werden sollen, um die Betreuung der Enkel zu sichern. Mal ganz davon abgesehen, dass auch das ein Weniger an gemeinsamer Zeit von Eltern und Kindern bedeutet und es auch keinen gesetzlichen Anspruch auf Großelternzeit geben wird: Für den Tipp sind Omi und Opa sicher unheimlich dankbar, bestimmt haben sie noch nie darüber nachgedacht.

Hier werden Eulen nach Athen getragen. Schon heute leisten Großeltern enorm viel für ihre Kinder und Enkel. Nicht wenige unterstützen die jungen Familien sowieso finanziell und wo es geht auch bei der Betreuung der Enkelkinder. Sie verleihen Geld, helfen Hausfinanzierungen zu bewältigen, kaufen Kinderfahrräder, bezahlen Musikunterricht und sind der kostenlose Babysitter, der immer Zeit hat. Oft ist dies aber nicht möglich, da wir von der jungen Generation der Arbeitnehmer größtmögliche auch räumliche Flexibilität erwarten und sie oft nicht mehr im Heimatort, sondern weit weg wohnen. Die Großeltern in unserer Familie konnten jedenfalls unsere letzten vier berufsbedingten Umzüge nicht mitmachen und sind jetzt alle in Rente, dafür 400 Kilometer entfern.

Nicht zuletzt dieser tolle Vorschlag: Familienunterstützende Dienstleistungen sollen zugänglicher gemacht werden. Also Putzhilfen, Kindermädchen, Bügelservice usw. Ja, das gibt sicher einen Quantensprung für das Dienstleistungsgewerbe aber wohin darf ich die Rechnung schicken? An Frau Schröder, oder an Herrn Schäuble? Um sich solche Dinge leisten zu können, brauchen Familien mehr Geld, es sind die Bereiche, wo normalerweise gespart und selbst Hand angelegt wird. Um die Putzfrau zu bezahlen, muss ich erst das Geld dazu verdienen, ergo noch mehr arbeiten und wieder haben wir ein Minus im Zeitkontingent.

Man wird den Verdacht nicht los, dass hier gerade wieder neue Profilierungsspielplätze eröffnet werden, um von anderen Baustellen abzulenken, wie etwa dem immer noch nicht eingeführten Betreuungsgeld, das mit 150 Euro zwar nur ein Witz ist im Vergleich zu den 1000 Euro für die Kita, aber jedenfalls ein Anfang wäre, wenn man Familien und ihre Zeitsouveränität tatsächlich fördern möchte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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