Ich möchte nicht in erster Linie als Patient wahrgenommen werden. Wolfgang Bosbach

Margot Honeckers ganzer Stolz

Manuela Schwesig will mit ihrer 24-Stunden-Kita erreichen, dass sich unsere Kinder künftig dem Arbeitsmarkt anpassen. Warum nicht gleich die DDR-Wochenkrippe?

Manuela Schwesig, Ministerin für besondere Interessen der deutschen Wirtschaft, hat wieder ein neues Projekt: die 24-Stunden-Kita. Warum nicht gleich die DDR-Wochenkrippe? Wenn schon Kinder wegschaffen, damit die Arbeitskraft der Frauen frei wird, dann bitte richtig.

Eines muss man Margot Honecker lassen: Sie hatte das wenigstens bis zu Ende gedacht mit der Rundum-Betreuung von Kindern im Arbeiter- und Bauernstaat. Wer mit wehenden Fahnen in den sozialistischen Sonnenuntergang will, der muss schon ein bisschen was dafür tun. Wer macht schon Halbtagskindergärten, wenn es auch ganztags sein kann? Wer macht schon Schule bis mittags, wenn es auch ganztags sein kann? Und wer macht schon 24-Stunden-Kitas, wenn es auch die ganze Woche sein kann? Ist doch super praktisch.

Montagmorgen das Kind im Schlafanzug abgeben und Freitagabend bettfertig abholen für das Wochenende. Toll! Nie wieder mit dem Chef diskutieren müssen, weil man los muss, denn die Kita schließt. Nie wieder wegen kranken Kindern morgens hektisch nach Lösungen suchen. Einfach ab in die Kita, Beipackzettel nicht vergessen und gelöst ist das Problem. Und wenn man Glück hat, dann ist das Balg bis Freitag schon wieder gesund.

So will es die Manuela natürlich nicht. Die 100 Millionen, die sie jetzt für 24-Stunden-Kitas zur Verfügung stellen möchte, sollen ja nicht etwa dazu dienen, die Betreuungszeiten von Kindern auszuweiten, sondern nur dazu, dass die Betreuungszeiten verändert werden. Also beispielsweise auf die Nacht. Tagsüber mit Mutti spielen und abends fein ins Kita-Bettchen. Ja, das klingt verständnisvoll, denn schließlich gibt es Eltern, die arbeiten im Schichtdienst.

Wohin mit dem Kind als Nachtschwester und Alleinerziehende? Manche Eltern arbeiten gar beide Schichtdienst und geben sich zu Hause nur die Klinke in die Hand, wohin mit dem Kind? Jeden Tag neue Lösungen suchen: montags Oma, dienstags die Nachbarin, mittwochs leistet man sich eine Babysitterin? Ja, wir kennen alle die Problematik, nur bei der Lösung sind wir eintönig.

Kinder müssen sich den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes anpassen

Da kommt die 24-Stunden-Kita auf den ersten Blick nahezu als Verheißung daher. Endlich eine Lösung und wunderbar, dass der Staat das zahlt. Nur die Rechnung, dass das dann keine längeren Betreuungszeiten sind, sondern bloß andere, geht wohl nicht ganz auf. Klingt zwar nett, wenn unsere Familienministerin das so sagt, geht aber an der Realität vorbei. Nehmen wir nur mal beispielsweise ein 3-jähriges Kind und seinen Schlafbedarf. Der liegt bei etwa 10 Stunden am Stück in der Nacht, mindestens. Die Betreuungszeit tagsüber liegt bei den meisten Kindern bei maximal 8 Stunden. Verlegt man das auf die Nacht, muss man das Kind entweder aus dem Tiefschlaf reißen und nach acht Stunden nach Hause schaffen, oder es wird automatisch länger, selbst wenn man davon ausgeht, dass es bei Ablieferung in der Kita innerhalb von Sekunden einschläft. Was Kinder ja quasi auf Kommando tun, vor allem, wenn sie in fremden Betten liegen.

Und wie genau darf ich mir das vorstellen, wenn die Nachtschwester nach acht Stunden Schicht fertig ist, wann genau darf sie dann schlafen? Gar nicht? Realistisch betrachtet kann sie ihr Kind nach der Schicht gar nicht abholen, denn sie braucht dann selbst erst mal Ruhe.

Am schlimmsten ist aber der Grundgedanke, der hinter dem Konzept 24-Stunden-Kita liegt: Kinder müssen sich den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes anpassen. Um nichts anderes geht es wie üblich, schließlich werden am heimischen Herd Potenziale verschwendet, die der Arbeitsmarkt dringend braucht. Auch in den Spätschichten, Frühschichten und Nachtschichten. „Inaktivitätsquote“ nennen es die Ökonomen. Gemeint sind die Menschen, die dem Arbeitsmarkt fernbleiben, ergo inaktiv sind. Sie ziehen ja bloß Kinder groß zum Beispiel, oder pflegen ihre Eltern, das ganze völlig „inaktiv“. Weiß man ja, die tun nichts, trinken Latte Macchiato den ganzen Tag und bleiben böswillig dem Büro fern.

Vergeudete Potenziale, auch so ein netter Begriff, um das Ganze zu beschreiben. Dieser taucht immer gerne in feministischen Debatten auf, um darauf hinzuweisen, dass doch gerade Frauen zu weit Höherem berufen sind, als Brei anzurühren und Schnürsenkel zu binden. Leider hat auch Kanzlerin Merkel diesen Begriff bereits benutzt, die einzige Mutti ohne Kinder. Will sagen: Frauen, die Kinder großziehen, vergeuden ihr Lebenspotenzial. Da kommt die aktuelle Allensbach-Studie, die das Ministerium Schwesig in Auftrag gegeben hat, gerade recht mit ihren Ergebnissen.

Wundersamerweise wünscht sich dort die Mehrheit der Eltern mehr Zeit für den Arbeitsplatz. Ist doch toll, wenn sich Eltern genau das wünschen, was das Familienministerium gerade plant. Seltsamerweise wünschen sich real die meisten Eltern tatsächlich mehr Zeit für die Familie, sie müssen aber ihre Rechnungen bezahlen. Und damit kommen wir zum Wesentlichen in dieser Debatte. Was hat Vorrang: Familie oder Beruf?

Das Kindeswohl ist irrelevant

Die Antwort des Schwesigministeriums zur Steigerung des Bruttosozialproduktes hat dazu – für eine Partei wie die SPD – eine ganz erstaunliche Antwort: der Arbeitsmarkt. Mit rasanter Geschwindigkeit ist man dort offenbar bereit, die Kindheit der nächsten Generation für die Bedürfnisse der Wirtschaft zu opfern. Möglicherweise hat Schwesig sich auch nur zu lange mit Magdalena Andersson unterhalten, Finanzministerin von Schweden, dem Land mit der ersten „feministischen“ Regierung.

Im Interview mit der „FAZ“ erläuterte diese nicht nur, dass sie sich mit Schwesig ausgetauscht habe, sondern auch, dass es zum Beispiel „effizienter“ sei, wenn sich in der Kita eine Person um mehrere Kinder kümmere, statt jeder Vater oder jede Mutter allein um ihr eigenes Kind. Kinder-Herden-Haltung, dass wir da nicht schon früher drauf gekommen sind! Oder dass es „Verschwendung von Humankapital“ sei, wenn eine Frau nur Teilzeit arbeite. Und dass dem Bruttoinlandsprodukt ein „Verlust“ von 10 Prozent entstehe durch diese Mütter, die nicht genauso wie die Väter am Arbeitsmarkt teilnähmen. Margot Honecker würde sicher applaudieren, schöner hätte man auch die DDR 2.0 nicht wieder aufbauen können.

Frau Andersson spricht wenigstens aus, was sich Schwesig offenbar nicht traut: All die schönen Konzepte zur Steigerung der Erwerbstätigkeit von Frauen haben nicht etwa ein emanzipatorisches Ziel, sondern ein ökonomisches. Die Ausbeutung des weiblichen Humankapitals wird einfach nur in feministische Befreiungsrhetorik verpackt. Was Kinder brauchen oder wollen, ist dabei irrelevant, um nicht zu sagen: störend.

Jetzt sind wir bereits so weit, dass Kinder nicht einmal mehr in ihrem eigenen Bett übernachten dürfen, wenn der Arbeitsmarkt die Mama braucht. Mit Erwachsenen würden wir so etwas nicht einmal versuchen. Man möge sich vorstellen, was in diesem Land los wäre, wenn wir von Arbeitnehmern verlangen würden, auf ihr eigenes Bett zu verzichten, damit der Produktionsprozess im Betrieb ungestört weiter laufen kann. Ver.di wäre auf der Straße und würde „Ausbeutung“ schreien. Wer schreit das bei den Kindern, denen wir ihr vertrautes Heim rauben, ihr Bett, ihr Zuhause, ihre Gutenachtgeschichte, vorgelesen von Mama oder Papa und nicht von irgendwem in Kita, wenn überhaupt? Wer kommt nachts und tröstet, wenn das Monster unter dem Bett rumort, zu wem darf ein Kind unter die Decke schlüpfen, wenn es Heimweh nach Mama und Papa hat?

Eine Totalkapitulation vor der eigenen Ideenlosigkeit

Und dann kommen die Alternativlosen aus ihrer Löchern hervor und rufen, aber wie soll es denn sonst gehen, schließlich bleibt doch vielen Eltern gar nichts anderes übrig? Wer kann denn noch von einem Gehalt leben? Richtiger Einwand, aber falsche Lösung. Wer 100 Millionen hat, um sie auf Kitas zu verteilen, hätte auch 100 Millionen, um sie an die Familien selbst zu geben. Schließlich kostet gerade die Nachtbetreuung von Kindern viel staatliches Geld, genau genommen unser aller Geld. Das ist übrigens auch der Punkt, an dem die schwedische Finanzministerin mit ihrer effizienten Kinder-Herden-Haltung irrt. Kita-Betreuung ist eben nicht günstiger als Familienbetreuung.

Wenn jeder Krippenplatz schon tagsüber pro Kind und pro Monat rund 1.200 Euro an Subvention kostet, dann ist es genau genommen die teuerste Variante, Kinder groß zu ziehen. Als Verwalterin des Steueraufkommens sieht sie das als Finanzministerin vermutlich aus anderer Perspektive: Eine erwerbstätige Mutter zahlt Steuern, eine erziehende Mutter nicht. Eine erwerbstätige Mutter schafft Arbeitsplätze für Erzieherinnen oder auch Pflegekräfte, die dann Kind und Oma versorgen müssen. Diese zahlen dann auch wieder Steuern. Aus Sicht einer Finanzministerin leistet eine Mutter zu Hause sozusagen „familiäre Schwarzarbeit“. Sie erlaubt sich doch tatsächlich, ihre eigenen Kinder großzuziehen, ohne Steuern dafür zu bezahlen. Welch ein Affront. Zieht ein Fremder das gleiche Kind groß, wird es jedoch zu einer Dienstleistung und die Erzieherinnen befüttern nicht nur den Steuersäckel, sondern auch die sozialen Sicherungssysteme.

Wo aber steht in Stein gemeißelt, dass diese Milliardensummen, die wir inzwischen in staatliche Betreuungssysteme stecken, nicht direkt an die Familien fließen können, damit sie eigene Lösungen finden? Warum kämpft niemand für einen Arbeitsschutz für Eltern mit kleinen Kindern? Warum müssen Eltern mit Kleinkindern in den Schichtdienst? Wäre es nicht Aufgabe eines Ministeriums für Familie und Frauen und Kinder, hier Lösungen zu suchen, die den Bedürfnissen der eigenen Schützlinge genügen, anstatt sich an deren Ausbeutung zu beteiligen?

Stattdessen wird rein faktisch durch das Angebot der 24-Stunden-Kita der Druck auf Eltern noch zusätzlich erhöht. Denn wer bislang bei Schichtdienst argumentieren konnte, er könne nicht wegen der Kinder, dem bleibt jetzt gar kein Gegenargument mehr zur Hand.

Und so ist der 24-Stunden-Kita-Plan unserer Familienministerin letztendlich eine Totalkapitulation vor der eigenen Ideenlosigkeit. Vielleicht ist es aber noch viel schlimmer: Womöglich glaubt Manuela Schwesig tatsächlich, dass sie etwas Gutes damit tut.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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