Was für ein schöner Sonntag. Joachim Gauck

Wollt ihr die totale Nacktheit?

Angesichts totaler Nacktheit auf Werbeplakaten, in Filmen, in der ganzen Gesellschaft ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass Frau alles zeigt, was sie hat.

Wie steht es um die Emanzipation in einem Land, in dem sich junge Frauen für TV-Formate wie „Der Bachelor“ oder auch „Germany`s next Topmodel“ vor der Kamera ausziehen, sich wie Vieh zur Fleischbeschau treiben lassen und das für zweifelhaften Ruhm? Ich würde sagen, es ist zumindest schwierig.

Es grenzt schon fast an Prostitution

Das Finale der RTL-Sendung „Der Bachelor“ hatte höhere Einschaltquoten als das parallel gezeigte Spiel des FC Bayern München in der Champions League – es sind also nicht Randgruppen, die sich für derartigen Fernseh-Müll interessieren und bei Weitem nicht nur lüsterne Männer mit Harems-Träumereien, sondern vor allem jungen Frauen, die die Quoten nach oben treiben. Zwanzig Frauen haben sich beim „Bätschäler“ einem vermeintlich erfolgreichen jungen Mann an den Hals geworfen, der nach zupackendem Durchtesten bis zum Finale die Dame seines Herzens oder auch Bettes erwählte. Es grenzte schon fast an Prostitution, wobei die Damen als Lohn ihre „15 minutes of fame“ erhielten, richtigen verdienen tut dabei nur RTL. Ich versuche mir vorzustellen, mit welchen Gefühlen eine Alice Schwarzer solche Sendungen verfolgt (und ich bin sicher, dass sie es tut), die recht offensichtlich zeigen, dass eine zunehmende Zahl von jungen Frauen die Errungenschaften des Feminismus offenbar nicht zu schätzen oder gar zu nutzen weiß. Schlimmer noch, sie sind zu dem zurückgekehrt, was sich aus Frauensicht schon immer bewährt hat: Sich einen Mann angeln und/oder einfach nur schön sein.

Ist der Feminismus in unserem Land wirklich am Ende – oder hat er nicht einfach nur Ergebnisse zutage gebracht, die wir so weder geplant noch vermutet haben? Ist es eine Errungenschaft oder doch die Tragik des Feminismus, dass die sexuelle Befreiung, die man erreichen wollte, dazu geführt hat, dass Frauen mit einem Verhalten, das ihnen früher die Titulierung „Schlampe“ bescherte, heute berühmt werden und es sich aufs T-Shirt drucken?

Stell dich nicht so an

Angesichts totaler Nacktheit auf Werbeplakaten, in Filmen, in der ganzen Gesellschaft ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass Frau alles zeigt, was sie hat. Wer nicht mitmacht, steht schnell mal im prüden Abseits. Immer wieder sind solche Episoden in besagten TV-Formaten zu erleben, wenn die Mädchen, teilweise mit Unbehagen, in Bademode oder weniger vor ein Millionenpublikum treten, weil sie wissen, dass sie sonst raus sind aus dem schönen, bunten Spiel. Kann man hier noch von Freiwilligkeit sprechen? Oder ist es nicht schon längst zur Pflicht geworden, frei nach dem Motto: Stell dich nicht so an? Nur wenige verdienen damit wirklich Geld und machen sich geschickt zunutze, dass Männer immer noch mit einschlägigen Körperteilen denken. Die Daniela Katzenbergers von heute bedienen das Klischee von „schön und blöd“, das in der Männerwelt offenbar immer noch recht gut ankommt. Bleibt festzuhalten: Die Biologie lässt sich nicht austricksen.

Trotz Frauenbefreiung, trotz Gender Mainstreaming, trotz oder gerade wegen der sexuellen Revolution unterliegen Frauen heute immer noch, jedoch anderen, Zwängen, die von ihrer weiblichen Biologie nicht zu trennen sind. Es reicht eben nicht aus, nur die Vielfalt zu zeigen, die heute möglich ist, man muss auch Orientierung bieten.

Es ist ein Verdienst der feministischen Bewegung, dass sie der heutigen Generation junger Frauen die Türen des goldenen Käfigs geöffnet hat, rausfliegen müssen sie aber schon alleine und offenbar versagen wir gerade dabei, ihnen Lust aufs Fliegen zu machen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Henrike von Platen, Louisa Löwenstein, Thore Barfuss.

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