Unsere Aufgabe ist nicht leicht, aber dieses Gericht wird die Welt verändern. Luis Moreno Ocampo

Kinderlachen bezahlt keine Miete

Erzieher müssen besser bezahlt werden, sonst entscheidet weiter der Zufall über gute oder schlechte Kinderbetreuung. Und warum glauben wir eigentlich, auf Familie verzichten zu können?

Deutschlands Erzieherinnen streiken, und sie haben damit recht. Kaum ein anderer Beruf erlebte in den vergangenen Jahren eine größere Diskrepanz zwischen öffentlicher Huldigung bei gleichzeitiger schlechter Bezahlung. Geht es um die Darstellung der Wichtigkeit des Berufsstandes dieser – hauptsächlich – Frauen, die unsere Kinder in den staatlichen Krippen, Kindergärten und Kindertagesstätten betreuen, bilden und erziehen sollen, dann zögert kein Politiker, die wertvolle Tätigkeit dieser Berufsgruppe zu betonen.

Frühkindliche Bildung ist das Schlagwort der Stunde. Wundersame Dinge werden heute erwartet: Die Kinder sollen Sprechen lernen, aus den Windeln raus, motorisch, musikalisch, kreativ gefördert werden und selbstverständlich soll das Ganze dann auch noch lückenlos dokumentiert werden. Umgesetzt in großen Gruppen und bei einem Lärmpegel, für den Ver.di bereits Lärmschutzbestimmungen forderte . Wegen der Überlastung für die Erzieherinnenohren. Was ist mit den Kinderohren?

Kollegin krank und kein Ersatz!

Ein anstrengender Beruf jedenfalls, der in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Aufgabenfelder zugeteilt bekommen hat, die weit über die einstige Betreuung durch Kindergärtnerinnen hinausgehen. Einzig die Bezahlung hat nicht Schritt gehalten. Während in anderen Wirtschaftszweigen neue Aufgabenstellungen, Fortbildung und Qualifizierung von Arbeitnehmern irgendwann auch auf dem Gehaltszettel zu Buche schlagen, bleibt der Beruf der Erzieherin auf niedrigem finanziellem Niveau stehen. Der „Focus“ rechnet in seiner aktuellen Ausgabe vor, dass eine Erzieherin nach 4 Jahren Ausbildung zwar mit einem Einstiegsgehalt von 2311 Euro anfängt, 17 Jahre später aber nur 900 Euro weiter ist, brutto natürlich. Die wenigen Frauen, die als Leiterinnen einer Einrichtung arbeiten, kommen auf nicht mehr als 3589 Euro.

Elf Jahre Kindergarten-Erfahrung haben wir nun mit vier Kindern angesammelt und dabei hochengagierte aber auch längst frustrierte Erzieherinnen gesehen. Kann man es einer Erzieherin aber verübeln, wenn sie irgendwann nur noch schlechte Laune hat, wenn sie über Monate (!) eine Gruppe mit 24 Kindern hauptsächlich alleine betreut, weil die Kollegin dauerhaft krank, kein Ersatz da und auch keiner in Aussicht ist? Es ist genau genommen eine Zumutung für eine Erzieherin, es zehrt an den Nerven und von der viel zitierten „frühkindlichen Bildung“, die dabei stattfinden soll, wollen wir gar nicht erst anfangen.

Wir haben fantastische Einrichtungen gesehen und welche, in denen man Glück haben musste, dass das Kind in der richtigen Gruppe landete, weil jede Erzieherin nach ihrem eigenen Konzept arbeitete. Kindergarten-Leitung: Totalausfall. Tolle schriftliche Konzepte, die keiner umsetzt. Voll eingerichteter Musikraum, den aber unsere Kinder leider drei Jahre lang gar nicht zu sehen bekamen. Immer kam was dazwischen.

Unser Fazit nach elf Jahren: Ob man ein gutes Gefühl hat mit einem Kindergarten, ob die Kinder sich wohlfühlen und man sie guten Gewissens morgens dort abgibt, steht und fällt mit den einzelnen Erzieherinnen und vor allem mit der Kita-Leitung. Ob man einen Platz in so einer guten Einrichtung bekommt: Glückssache.

Fortbildung als persönlicher Luxus

„Ob ich mich fortbilde oder nicht, wird als persönlicher Luxus gewertet, mehr Geld bekomme ich dadurch nicht“, erzählte mir einst eine der Erzieherinnen unserer Kinder. Diese Kita war großartig. Jede einzelne Erzieherin war in einem bestimmten pädagogischen, psychologischen, musikalischen oder sonstigem Gebiet Expertin. Fortbildungen fanden regelmäßig statt, hier waren Dinge möglich – und zwar ohne Überredung oder Diskussionen –, die man in der Kita davor immer abgetan hatte mit dem Hinweis „geht nicht, machen wir nicht, keine Zeit“. Hier ging alles, dank des großartigen Einsatzes der Erzieherinnen, die an ihrem Beruf auch noch Spaß hatten. Die Wertschätzung bekamen sie von den Eltern, von glücklichem Kinderlachen, aber finanziell nicht vom Träger. Miete bezahlen kann man davon aber leider nicht.

„Wir sind ja Mama-Ersatz für die Kleinen, im Sommer bekommen wir 10 Einjährige neu dazu, ich weiß noch gar nicht, wie das gehen soll“ – so ein anderes Zitat einer Erzieherin, die in Windeseile für die Betreuung von Babys und Kleinstkindern weitergebildet wurde. Man wolle versuchen, möglichst immer zu dritt zu sein in der Gruppe, was jetzt schon nur mit Hilfe von Praktikantinnen möglich war, realistisch sei es aber nicht angesichts der Personalsituation. Faktisch wird die Gruppe von 12 Kindern unter 2 Jahren von zwei Erzieherinnen betreut. Jeweils zwei Hände für sechs Babys: wickeln, trösten, füttern, anziehen, ausziehen, schlafen legen. Wann genau soll da noch „gebildet“ werden? Und wann kann eine Erzieherin mal durchatmen?

Vor zwei Jahren saß ich in einer Radiodiskussion beim Deutschlandfunk unter anderem mit Frank Jansen, Geschäftsführer des Verbandes Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) in einer Runde zum Thema „Kita zwischen Anspruch und Wirklichkeit“. Um den Personalschlüssel zu ermöglichen, den Experten gerade für Kinder unter drei Jahren empfehlen, müsse man eigentlich doppelt so viel Personal beschäftigen, gab er zu. Das wiederum würde die Kosten pro Platz und Kind im Monat extrem erhöhen, dafür ist aber kein Geld da.

Kindermädchen für alle!

Und deswegen habe ich Verständnis für diesen Streik und den Unmut der Erzieherinnen. Wenn die Politik von qualitativ hoher frühkindlicher Bildung spricht, mehr noch: diese den Eltern verspricht, dann muss sie auch das Geld dafür liefern. Erzieherinnen haben auch nur zwei Hände, sie können selbst hochengagiert nur das leisten, was in diesem Rahmen möglich ist. Und wenn man den Rahmen erweitert, muss auch die Bezahlung erweitert werden. Dann muss Personal eingestellt und auch ordentlich bezahlt werden und dann müssen verbindliche Qualitätsstandards her. Diese haben wir zwar bei der Errichtung von Kindertoiletten und bei der Bemessung von Quadratmeterzahlen pro Kind, nicht aber in Fragen des Personalschlüssels. Dieser ist aber ausschlaggebend, wenn vernünftig gearbeitet werden soll.

Steigen jedoch die Kosten für die Krippen- und Kindergartenplätze, stellt sich irgendwann die Sinnfrage, warum derartige Summen in ein Familienersatz-System gepumpt werden, wenn man das Ganze in viel höherer Qualität auch günstiger haben könnte. Zum Beispiel in der Familie selbst. Derzeit muss bereits jeder Platz staatlich mit einer Summe von 1.000 bis 1.300 Euro subventioniert werden, dazu kommen die Elternbeiträge, die kommunal extrem stark schwanken. Laut „Focus“ kostet das derzeit ca. 17,6 Milliarden Euro. Allein um die Vorgaben der OECD zur frühkindlichen Bildung umzusetzen, wesentlich hier der Personalschlüssel, müssten noch mal 9 Milliarden ausgegeben werden.

Da ist man schnell auch bei 2.000 Euro monatlich pro Kind. Für diese Summe könnte man schon über ein persönliches Kindermädchen für jedes einzelne Kind nachdenken. Fazit hier: In den öffentlichen Einrichtungen kommt trotz massiver staatlicher Subvention offensichtlich das Wenigste bei den Erzieherinnen selbst an und bereits jetzt fehlen bis zu 120.000 Erzieherinnen für einen adäquaten Personalschlüssel, selbst wenn man es umsetzen und bezahlen will.

Wer kümmert sich um Oma und Opa, wenn die Pflegebranche streikt?

Damit bleibt die Schlussfrage, die auch mit diesem Streik nicht beantwortet wird: Wollen wir das überhaupt? Nie wurde deutlicher als jetzt, dass eine Übernahme von familiärer Erziehung durch staatliche Einrichtungen die teuerste und derzeit qualitativ nicht einmal haltbare Variante ist. Erfüllt man den von der OECD geforderten Personalschlüssel, kostet ein einzelner Platz pro Monat nahezu das Einstiegsgehalt einer einzelnen Erzieherin. Das ist Irrsinn.

Und noch eine Frage bleibt auch nach diesem Streik immer noch ungeklärt, ganz egal wie er ausgeht: Gerade werden Kinder nicht selten während des Streiks bei Oma und Opa untergebracht. Gut, wer diese Möglichkeit hat. Bei wem bringen wir aber Oma und Opa unter, wenn demnächst vielleicht die Pflegebranche streikt, ein ebenfalls chronisch unterbezahlter, weiblicher Berufsstand? Hier wird der Unterschied zur Familie am deutlichsten: Eltern streiken nicht, selbst bei Nachtschichten, Wochenenddienst und gänzlich ausbleibender Bezahlung. Erziehen und Pflegen als Beruf ist hingegen ein Job, eine Dienstleistung, die anständig bezahlt werden will und ja, auch bestreikt werden darf. Eine Gesellschaft, die glaubt, auf Familie verzichten zu können, bekommt gerade ihre Quittung.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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