Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen. Winston Churchill

Wir nennen es Generationenvertrag

Natürlich müssen Kinderlose mehr in die sozialen Sicherungen investieren. Schließlich brauchen wir das Humankapital der Familien.

Dürfen wir Kinderlose höher zur Kasse bitten als Eltern, die selbst Kinder großziehen? Ja, dürfen wir. Denn ohne diese Kinder der nächsten Generation brechen alle unsere sozialen Sicherungssysteme zusammen. Es profitiert also die ganze Gesellschaft – warum also sollten die Eltern einseitig die Kosten des Systems tragen, den profitablen Nutzen aber mit den Kinderlosen teilen?

Wir brauchen das Humankapital der Familien

Kaum ist der Vorschlag der „Jungen Gruppe“ der CDU-Abgeordneten ausgesprochen, Kinderlose mit einer Sonderabgabe zu belegen, ist die Entrüstung groß. Wieso eigentlich? Wir erlauben uns ja auch sonst Unterscheidung von Besteuerungssätzen je nach Leistungsvermögen oder Familienstatus. Wir fördern Familien, weil es gut investiertes Geld ist und wir ihr Humankapital brauchen. Es grenzt ja schon nahezu an Verzweiflung, wie sehr sich die Familienpolitik bemüht, die Geburtenrate im Land zu erhöhen. Längst hat man dabei das Ideal der traditionellen Familie aufgegeben zugunsten jeder nur erdenklichen Patchwork-Konstellation, Hauptsache mit Kind – und übersieht dabei, dass nach wie vor die meisten Kinder in Deutschland bei verheirateten Eltern wohnen und die meisten Kinder immer noch in der Ehe gezeugt werden. Der Logik der Statistik folgend müsste man also die Menschen zum Heiraten bewegen, damit sie überhaupt und sogar mehr als die üblichen 1,36 Kinder bekommen. Doch wir diskutieren lieber über die Abschaffung des Ehegattensplittings.

Bevor der Aufschrei zu laut wird: Ja, es gibt ungewollt Kinderlose. Aber ob nun gewollt oder ungewollt – auch sie bekommen später ihre Pflege und ihre Rente aus den Händen derjenigen Kinder bezahlt, die sie nicht großgezogen haben. Wir nennen es einen Generationenvertrag, der allerdings nur funktioniert, wenn die nächste Generation auch tatsächlich geboren wird. Kinderlose haben ihr ganzes Leben lang mehr Geld zur Verfügung als Eltern, um sogar noch zusätzlich privat vorzusorgen – was in Familien in der Regel an chronischem Geldmangel scheitert.

Es geht schlicht und ergreifend um Gerechtigkeit

Das Münchner Ifo-Institut hat vorgerechnet, dass jedes Kind im Laufe seines Lebens der Gesellschaft einen fiskalischen Vorteil von über 150.000 Euro beschert. Diese Summe werde auch durch alle Leistungen der Gesellschaft an Familien bei Weitem nicht aufgerechnet. Im Gegenzug investieren Eltern für jedes einzelne Kind im Schnitt 120.000, Euro bis es aus dem Haus ist.

Es geht hier weder um „Bestrafung“ von Kinderlosen, noch um „Belohnung“ von Eltern, sondern schlicht und ergreifend um Gerechtigkeit. Es ist doch erstaunlich, dass wir es geschafft haben, innerhalb von vergleichsweise wenigen Generationen ein uraltes System zu pervertieren, in dem Kinderreichtum einst als Alterssicherung galt, während es heute das größte Armutsrisiko darstellt, dem man sich aussetzen kann. Nun, es ist nicht als Naturgewalt über uns gekommen, sondern als Gesetz – das man auch ändern kann.

Für alle Empörten noch der Hinweis: Auch das Bundesverfassungsgericht hat bereits im „Pflegeversicherungsurteil“ 2001 angemahnt, die Beitragssätze für Eltern und Kinderlose im Sinne der Gerechtigkeit unterschiedlich zu berechnen, da Eltern zusätzlich zu ihren Geldzahlungen einen „generativen Beitrag zur Funktionsfähigkeit eines umlagefinanzierten Sozialversicherungssystems leisten“. Man empfahl auch, alle anderen sozialen Sicherungssysteme unter dem gleichen Aspekt zu überprüfen. Leider ist das Urteil nicht das Papier wert, auf dem es verfasst wurde, solange es nicht auch umgesetzt wird.

Mit schönem Gruß an die Kanzlerin: Nein, unser aktuelles System ist nicht alternativlos, es bieten sich viele Möglichkeiten, endlich die Leistung von Eltern angemessen zu berücksichtigen. Man muss es nur wollen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Carolin Anett Lüdeke, Albert Wunsch, Norbert Blüm.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Familienpolitik, Demografischer-wandel, Kinderlosigkeit

Debatte

Der Sexodus

Medium_b294d05f8f

Wer oder was ist der Mann?

Es gibt in der heutigen Zeit immer weniger Eheschließungen, dafür immer mehr Singles, sowie eine steigende Kinderlosigkeit – aber warum? Ein Kommentar zu Beziehung, Mann, Frau und dem „Sexodus“. weiterlesen

Medium_b0bd6c9c66
von Carolin Anett Lüdeke
03.06.2016

Debatte

Kindheit statt Schule

Medium_1ba5ffbac9

Ihr verstaatlicht die Familie!

Über die Enteignung der Kindheit und den pädagogischen Imperialismus des Staates. Eine offene Anklage. weiterlesen

Medium_b45b8a65eb
von Norbert Blüm
06.01.2016

Debatte

Mit 24-Stunden-Kitas auf dem Holzweg

Medium_5e530cb397

Das Kind gehört ins eigene Bett

Die SPD-Ministerien nutzen jede Chance, zu ideologisieren und zu bevormunden. So auch bei der 24-Stunden-Kita. Sie ist das falsche Mittel: Statt Kinder in Kitas zu parken, müssen die Rahmenbedingun... weiterlesen

Medium_2968ca36c3
von Mike Schuster
15.07.2015
meistgelesen / meistkommentiert