Soziale Isolation und Ungleichheit sind völlig außer Kontrolle geraten. Kumi Naidoo

"Kino wird für mich niemals ein Auslaufmodell sein!"

Die Medienmanagerin, Filmproduzentin und Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film München, Bettina Reitz, spricht mit Stefan Groß über die Zukunft des Kinos in einer digitalisierten Welt und fordert mehr künstlerische Kreativität durch eine faire Finanzierung.

The European: Frau Reitz, von Ihrem neuen Büro in der HFF München schweift der Blick über das Münchner Kunstareal. Inspirierend für Ihre Zukunftspläne als neue Präsidentin dieser renommierten Filmhochschule?
Auf jeden Fall! In direkter Nachbarschaft wartet eine spannende Mischung aus Kunst, Kultur und Wissen nur darauf, sich inhaltlich mit uns auszutauschen und zu kooperieren. Damit erschließen sich für uns Welten über Film und Fernsehen hinaus; wie aktuell beispielsweise in einer Kooperation mit der Technischen Universität München zum Thema Gaming.

The European: Ist das Erschließen solcher neuer Welten auch deshalb so wichtig, weil Kino und Fernsehen schon als Auslaufmodelle gelten?
Kino wird für mich niemals ein Auslaufmodell sein. Es ist der Kinofilm, an dem sich Fernsehfilme und Serien weltweit messen lassen müssen. Er setzt die qualitativen und handwerklichen Maßstäbe, egal wie viele Entwicklungen uns in der digitalen Welt momentan begegnen! Das Fernsehen ist jetzt schon in einem spürbaren Wandel, und da wird noch einiges passieren. Die junge Generation kennt Fernsehen, wie wir es nutzen, schon heute nicht mehr. Meinem Sohn oder den Studierenden kann ich nicht erklären, dass sie jetzt ein tolles Programm verpasst haben, weil sie nicht zu einer bestimmten Zeit vor dem Fernseher saßen – dafür haben sie kein Verständnis, weil sie schon längst zu einem anderen Nutzer-Verhalten übergegangen sind. Vor allem das Fernsehen und die digitale Welt haben den Markt der unbegrenzten Möglichkeiten weit aufgestoßen. Neben den Kinoformen gibt es unzählige Formate, im Event- und Serienerzählen aufzufallen. Einerseits treibt uns die technische Entwicklung vor sich her, andererseits eröffnet sie ungeahnte Möglichkeiten und Herausforderungen für uns.

Kreative Entwickler sind unsere Zukunft

The European: Sparmaßnahmen stehen auf der Tagesordnung von ARD und ZDF, wie kann man den Spagat zwischen Sparen einerseits und anspruchsvoller Fernsehkultur andererseits überbrücken?
Ich sehe es allgemeiner: Das Zusammenspiel zwischen Sendern und Förderern auf der einen Seite, und den Kreativschaffenden auf der anderen Seite, knirscht. Verleih- und Sender-Interessen sind nicht kompatibel! Es geht hier nicht um Schuldzuweisung, sondern um die Feststellung, dass das Geld für so viele Filme nicht reicht und zu viele Filme, zumindest im Kino, nicht erfolgreich genug sind. Die Qualität der Bücher und Produktionen muss hierbei genauso streng überprüft werden, wie eine kalkulationsgerechte und faire Finanzierung. Auch und gerade in Zeiten digitaler Realität sollten wir uns zu einer starken Kultur- und Filmlandschaft bekennen! Die kreativen Entwickler in diesem Land sind unsere Zukunft und das schließt ohne Wenn und Aber die Künstler ein. Sender und Förderer müssen die Entwicklung von Drehbüchern finanziell besser ausstatten und den Produzenten bei ihren Entwicklungen und Produktionen helfen.

The European: Deutschland wird immer älter. Sie kritisieren zu Recht, dass der demographische Wandel letztendlich dafür verantwortlich ist, dass sich viele Jugendliche vom Öffentlichen Fernsehen verabschieden und Alternativen beispielsweise bei amerikanischen Angeboten suchen und ins Internet wechseln. Wie ist dem telegenen Generationenkonflikt zu begegnen?
Die öffentlich-rechtlichen Anbieter unternehmen große Anstrengungen, um auch in diesen Zielgruppen ernst genommen zu werden. Ich sehe es dennoch skeptischer, da „Programmangebote für Alle“ oftmals gleichbedeutend ist mit „Programmangeboten für ältere Zielgruppen“. Junge Menschen bewegen sich in kleinen, fragmentierten Interessengruppen und wollen mit ihren Film- und Fernsehinteressen gerne in Grenzbereiche vordringen. Die sind aber nicht unbedingt Mainstream und FSK 12. Die Generation, die wir bei uns ausbilden, wird in einem veränderten Markt neue Chancen vorfinden, sich darin aber auch behaupten müssen. Neue Sehgewohnheiten sind eine Sache. Eine andere ist die Entwicklung von Geschichten, die bestenfalls Menschen weltweit begeistern, weil sie existentielle Themen behandeln. Hier müssen wir auch groß und international denken dürfen!

Neue berufliche Möglichkeiten

The European: Was muss die Ausbildung an einer Filmhochschule wie der HFF München leisten, damit hier die Erfolgsgeschichten von Morgen erzählt werden?
Sie muss das Vertrauen in die eigene kreative Kraft stärken und erreichen, dass ein starkes Team und eine gemeinsame Vision mit einer Sicherheit über das Was und Wie der Gestaltung einhergehen. Einer Sicherheit um die Wirkung, die filmische Ausdrucks- und Sogkraft, die man als Filmemacher erreichen will. Es geht um das Bewusstsein meiner filmischen Wirkungsmöglichkeiten. Dafür sind ganz verschiedene Bereiche des Studiums wichtig: Die Vermittlung von Basiswissen aus den Bereichen Technik und Medienwissenschaft. Die künftig noch stärker verzahnte Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen, die Spiel- und Dokumentarfilmregisseure, Produzenten, Drehbuchautoren und Kameraleute ausbilden. So dass Teams mit gegenseitigem Respekt vor und Verständnis für die unterschiedlichen Talente entstehen, die im Idealfall weit über die Studienzeit hinaus zusammenarbeiten. Hinzu kommen professionelle Angebote in der Lehre über neue Lehrstühle wie Montage oder VFX oder künftig seriellem Erzählen. Und das Erkennen und Aufzeigen neuer beruflicher Möglichkeiten für unsere Studierenden, die sich mit dem Wandel des Fernsehens vielleicht gerade erst abzeichnen. Das müssen wir in die Ausbildung mit einbeziehen und selbst Trends setzen für unsere künftigen Absolventen.

The European: Dann sollen die künftigen Absolventen also nicht alle möglichst viele Oscars gewinnen?
Solche großen Preise wie der Oscar sind etwas ganz Besonderes. Ich selbst werde die Erfahrungen rund um den Oscar für „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck, an dem ich als BR-Ko-Produzentin unmittelbar beteiligt war, niemals vergessen. Aber ich weiß, dass dies eine Ausnahme war. Und ich weiß auch, dass man Filme, Ideen und die hier sprudelnde Kreativität nicht daran messen darf. Unsere Studierenden sollen den Markt prägen, mit gestalten und verändern. Aber sie sollen dabei nicht an Preise denken, sondern an Geschichten, die eine Kraft besitzen, und die sie so umsetzen können, dass ihr filmisches Werk weltweit beeindruckt.

The European: Oft heißt es ja zum Filmnachwuchs nur noch, in Deutschland würde zu viel davon ausgebildet. Und dem gegenüber stehe zu wenig Vielfalt; zu viel Fernsehen im Kino, zu wenig große Kinogeschichten.
Diesen Vorwürfen müssen sich alle Filmhochschulen kritisch stellen. Woran krankt
der Kinofilm hierzulande und was müssen wir konkret tun, um ihm zu helfen?
Das ist keine Einzelaufgabe, sondern ein gewaltiges Gemeinschaftsprojekt, das wir zusammen mit der Filmbranche und der Politik unbedingt angehen und zum Erfolg führen müssen. Kino ist ein wichtiges Kulturgut und bindet in der Gemeinschaft Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Das ist gerade in diesen Zeiten eine enorm wichtige integrative Chance.

Fragen: Stefan Groß

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