Jeder Versuch, die Gewerbesteuer durch notdürftige Hilfskonstrukte zu ersetzen, muss abgewehrt werden. Christian Ude

Eine Million Christen sind verschwunden

Das weltweite päpstliche Hilfswerk Kirche in Not unterstützt in über 140 Ländern verfolgte und bedrängte Christen oder hilft dort, wo nicht genügend Mittel für die Seelsorge zur Verfügung stehen. Das Hilfswerk gibt die Dokumentation „Christen in großer Bedrängnis“ heraus. Darin werden 16 Länder aufgeführt, in denen Christen besonders unter Diskriminierung und Unterdrückung leiden.

Wie würden Sie die aktuelle Lage in Sachen Christenverfolgung zusammenfassen?

In den vergangenen drei Jahren hat das Ausmaß an Terror und Gewalt gegen Christen noch einmal deutlich zugenommen und ein selten zuvor gesehenes Niveau erreicht. In den Berichtszeitraum unserer Dokumentation fällt zum Beispiel die Errichtung des Islamischen Staates im Irak und in Syrien mit der Vertreibung von 120.000 Christen aus Mossul und der Ninive-Ebene. Der Terror von Boko Haram brachte 2014 für Nigeria das bislang blutigste Jahr. Radikale islamistische Bewegungen führen im Nahen Osten und in Teilen Afrikas einen regelrechten Feldzug der religiösen Säuberung. All das ist in dem Buch im Detail dokumentiert. Darüber hinaus gibt es zu jedem Land wichtige Hintergrundinformationen, die das Geschehen verständlich machen.

Mit welchen Gefühlen haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Ich war immer wieder erschüttert, wenn neue Meldungen auf meinem Schreibtisch landeten, die von Anschlägen, Entführungen oder Massakern berichteten. Ganze christliche Gemeinden wurden durch Vertreibung ausgelöscht. Die Zahl der Flüchtlinge geht in die Millionen. Besonders schmerzlich ist es, den Untergang von Gemeinden mit anzusehen, deren Ursprünge bis in die Zeit der frühen Kirche zurückreichen, vor allem im Irak und in Syrien.

Ist das Christentum im Nahen Osten in seiner Existenz gefährdet?

Das Christentum im Nahen Osten steht seit Jahrzehnten massiv unter Druck. Lag die Zahl der Christen im Irak vor drei Jahrzehnten noch bei über 1,5 Millionen, sind es heute kaum noch 300.000, manche Kirchenvertreter nennen sogar noch niedrigere Zahlen. In Syrien gab es vor Ausbruch des Krieges rund 2,5 Millionen Christen. Mindestens ein Fünftel von ihnen lebt nicht mehr in den angestammten Gebieten: Sie wurden vertrieben, sind geflüchtet oder mit bösen Vorahnungen frühzeitig ausgewandert.

Leiden Christen mehr als andere unter Krieg und Gewalt?

Es sind oft innerislamische und politische Machtkämpfe, denen – neben Millionen von Muslimen – auch Christen und andere Minderheiten zum Opfer fallen. Quantitativ leiden die Muslime mehr, weil sie die Bevölkerungsmehrheit bilden. Qualitativ aber bezahlen die Christen den höchsten Preis, da ihre Existenzmöglichkeiten im Orient vernichtet werden. Sie sind das schwächste Glied, sitzen zwischen allen Stühlen und erfahren in ihren Ländern oft wenig oder gar keine Unterstützung von gesellschaftlicher Seite.

Wie ist die Lage der Christen in anderen Weltregionen, etwa im Fernen Osten?

In der bevölkerungsreichsten Nation der Erde, in China, hat die kommunistische Regierung die Zügel seit einiger Zeit wieder angezogen und die Kontrollmechanismen verschärft, mit denen die Religionsgemeinschaften des Landes überwacht und gesteuert werden. Recht spektakulär war in dem Berichtszeitraum eine staatliche Kampagne im Südosten von China, in der Provinz Zhejiang. Auf Anordnung der Behörden wurden Hunderte von Kreuzen von Kirchendächern und Kirchtürmen abmontiert, oft unter erheblichem Protest der Gläubigen. Die kommunistische Regierung ist nach wie vor höchst misstrauisch gegenüber allen Bewegungen, die sie als potenzielle Gefährdung ihres Machtmonopols ansieht.

Wie kann man verfolgten Christen helfen?

„Unsere verfolgten Brüder sind die Elite der Kirche. Mit ihnen solidarisch zu sein, ist eine Ehrenpflicht.“ Das sind Worte von Pater Werenfried van Straaten, dem Gründer von Kirche in Not. Solide und verlässliche Informationen sind der erste Schritt, um diese Solidarität mit verfolgten Christen überhaupt möglich zu machen. Danach muss dann jeder für sich entscheiden, was er tut angesichts der Bedrängnis so vieler Christen. Ein gutes Zeichen wäre es, regelmäßig für die verfolgten Christen zu beten. Dafür hat Kirche in Not jetzt ein eigenes Gebet herausgegeben. Es passt in jedes „Gotteslob“.

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