„Iss deinen Teller leer! Die Kinder in Afrika müssen hungern und du lässt die Hälfte übrig.“ Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch? Mit Lebensmitteln müssen wir achtsam umgehen. Das hat mir schon mein Großvater beigebracht. Laut einer aktuellen Studie erreicht die Hälfte aller produzierten Nahrungsmittel nicht ihren Bestimmungsort. Statt auf dem Teller landet unser Essen in der Tonne. Ein Skandal angesichts rund einer Milliarde Menschen, die weltweit hungern. Zwanzig Prozent unserer Lebensmittel werden in Entwicklungsländern produziert. Doch während sich die Erzeuger in den Ländern des Südens nur mangelhaft ernähren können, sortieren wir die Früchte ihrer Arbeit aus. Die Banane ist zu klein, die Tomate nicht rot genug. Handelsklassen, Qualitäts- und Haltbarkeitsstandards mögen in einem gewissen Rahmen sinnvoll sein, kennzeichnen jedoch ein System von Überproduktion und Verschwendung.
Mangel trotz Überfluss
Dieses Nebeneinander von Überfluss und akutem Mangel ist für mich nicht hinnehmbar. Um die Menschheit weltweit und langfristig zu ernähren, muss ein Umdenken stattfinden. Zugegeben, allein dadurch, dass wir weniger wegwerfen, werden Hungernde in Afrika nicht automatisch satt. Aber es ist ein Wahnsinn, wenn wir Lebensmittel aus Afrika importieren, um sie dann zu vernichten. Die Lebensmittel bzw. die entsprechenden Anbauflächen werden dort dringend für die lokale Nahrungsmittelproduktion gebraucht. Ausländische Investoren kaufen inzwischen ganze Landstriche in Afrika, Asien und Südamerika auf, um dort Energiepflanzen (für den Tank) oder Grundnahrungsmittel für unseren Konsum (für Teller und Tonne) anzubauen.
Wir sparen heute jede Menge Energie, machen Autos effizienter und senken Heizkosten durch Wärmedämmung. Und wie gehen wir mit der Ressource Lebensmittel um? Wie bei der Energie gilt: Verschwendung zu vermeiden ist der effektivste Weg, mit weniger Rohstoffen mehr Menschen zu versorgen. Davon profitiert auch noch die Umwelt. Dass großes Potenzial in diesem Ansatz steckt, wurde kürzlich bei einer Aktion in Berlin deutlich. Der Evangelische Entwicklungsdienst, „Brot für die Welt“ und Slow Food Deutschland luden zu einer Aktion gegen Lebensmittelverschwendung ein. Mit Unterstützung der Berliner Tafel wurden 800 Gäste ausschließlich mit Produkten verköstigt, die angeblich für den Markt nicht geeignet sind: zu kleine Kartoffeln, zu krumme Möhren und zu große Zucchini. Zum Trinken wurde Limonade angeboten, die wegen zu viel Fruchtfleisch nicht verkäuflich ist.
Wir müssen teilen
Die vierte Bitte des „Vaterunser“ lautet: „Unser täglich Brot gib uns heute.“ Brot ist wertvoll. Es steht für alles, was wir zum täglichen Leben unbedingt brauchen. Menschen müssen hart arbeiten, um Lebensmittel zu produzieren. Das haben wir in unserer Konsumgesellschaft offensichtlich völlig vergessen. Im „Vaterunser“ beten wir ausdrücklich nicht: „Mein täglich Brot gib mir heute.“ Der Plural macht deutlich, dass Nahrungsmittel eine soziale Dimension haben. Wir müssen sie teilen. Wir müssen sie anderen zugänglich machen. Und was tun wir? Wir sortieren aus, wir lassen verderben, wir werfen weg. Unser Umgang mit Lebensmitteln muss sich grundlegend ändern. Das sind wir den Nahrungsproduzenten, den Hungernden und den kommenden Generationen schuldig.




















