Ich rede am liebsten mit Kindern; denn von ihnen darf man doch hoffen, dass sie einmal Vernunft-Wesen werden. Søren Kierkegaard

Hort der Menschlichkeit

Moralisches Handeln ist auch ohne Religion denkbar. Aber gerade das Christentum ist ein Glaube, der dem Einzelnen Verantwortung für die Gemeinschaft überträgt. Aller dunklen Flecken der Geschichte zum Trotz: Die Gesellschaft wäre ärmer ohne die Religion.

Ist moralisches Handeln ohne Religion denkbar? Ich meine: ja. Natürlich können Menschen moralisch handeln, die ihr Ethos nicht von einer Religion herleiten. So wie religiöse Menschen unmoralisch handeln können. Wobei es in einer sozial, ethnisch und religiös heterogenen Gesellschaft wie der unsrigen nicht leicht fällt, überhaupt einen allgemein anerkannten Kanon der Verhaltensnormen zu definieren. Doch genau das meint ja Moral: die innerhalb einer Gruppe – hier der Gesellschaft – akzeptierten Verhaltensnormen. Will man also die Begründung moralischen Handelns diskutieren, muss man sich erst einmal darauf verständigen, was man unter moralischem Handeln versteht. Der Bezug auf das vom Recht legitimierte bzw. sanktionierte Verhalten reicht dabei sicher nicht aus, um Moral zu beschreiben.

Moral ist die Folge der Heilszusage Gottes

Ein zweites: Religion ist mehr als Moral. Das gilt zumindest wesentlich für das Christentum.
Seit zweitausend Jahren suchen Menschen in der Offenbarung Gottes in Jesus Christus den Weg, sich selbst, ihre Mitmenschen und die Welt zu verstehen. In ihr finden sie Antwort auf die bedrängenden Fragen des Lebens. Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu Christi, das wir in diesen Tagen feiern, ist die großartige Antwort auf die Frage nach dem Leid, das Menschen erleben, und auf den Tod. Wesenskern des Christentums ist die Lehre vom Heil. Die Begrenzung von Religion auf Moral wäre eine Verengung, die wesentliche Dimensionen der Religion ausblendet. Das Christentum will mehr, als der Gesellschaft „nur“ einen moralischen Kompass an die Hand zu geben.

Moral und Ethik sind allerdings die Folge der Heilszusage Gottes. Der Glaube an den Auferstandenen lehrt, den anderen mit den Augen Gottes zu sehen. Dieser Blick wendet sich auch den Menschen zu, die aus der Sicht der Gesellschaft aufgrund verschiedenster Voraussetzungen Außenseiter sind und am Rand stehen.

Den anderen mit den Augen Gottes anzublicken, heißt, ihn mit den Augen der Nächstenliebe wahrzunehmen. Gottes Liebe für mich konnte nicht durch Menschen aufgehalten werden, die diese Liebe ans Kreuz nagelten. Genauso wenig konnte Gottes Liebe für jeden einzelnen Menschen auf der Welt zum Verlöschen gebracht werden. Wer aus diesem Glauben lebt, sieht in jedem Mitmenschen ein Kind Gottes. Deswegen sind das Streben nach Gerechtigkeit, Demut im Blick auf die eigene Person und die Maßgabe, sich nicht gegenseitig zu verurteilen, Merkmale des christlichen Ethos.

Die Bereitschaft, für das Zusammenleben der Menschen Verantwortung zu übernehmen, ist dem christlichen Glauben zutiefst eigen. In unserer Gesellschaft ist das an vielen Orten sichtbar. Das durch die christlichen Kirchen getragene Ethos lässt sich sogar in Heller und Pfennig darstellen. Die Evangelische Kirche in Deutschland verwendet jährlich über eine Milliarde Euro für ihre gemeinnützigen Einrichtungen – Geld, das ihre Mitglieder über die Kirchensteuer und über Spenden zur Verfügung stellen, damit die Kirche für das Gemeinwohl handeln kann. Adressaten der Hilfe sind dabei keineswegs nur die Kirchenmitglieder, sondern alle Menschen, gleich welchen Bekenntnisses. Das Spektrum, in dem die Kirche sich engagiert, ist breit gefächert.

Ein Maßstab jenseits der Vernunft

Das Christentum hat Menschlichkeit in die Welt getragen und in seiner reformatorischen Ausprägung das Gewissen des Einzelnen zum Kampfplatz der Moral erhoben – vor Gott und den Menschen. Die Moralität des Einzelnen ist gebunden an den Maßstab Gottes und damit höher als alle menschliche Vernunft.

Natürlich gibt es in der fast zweitausendjährigen Geschichte der christlichen Kirchen auch dunkle Flecken, in denen das christliche Ethos nur von wenigen gelebt wurde, doch der rote Faden des Heils in Jesus Christus war stets erkennbar. Stellt man sich die Frage, ob eine Gesellschaft Religion braucht, um moralisch zu handeln, sollte man auch überlegen, ob die Staaten oder Gesellschaftsordnungen, die sich bewusst dem Atheismus verschrieben hatten oder haben, Horte der Menschlichkeit waren oder sind. Ich meine: nein.

Leserbriefe

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    G. Neugebauer – 26.04.2011 - 07:44

    dem stimme ich ganz und gar zu. Allerdings gibt es auch eine andere Seite, gerade in der katolischen Kirche ist der Wasserkopf des Vatikan, der “Verbotenenen Stadt”, immens. Gibt es für diese Menschen nicht andere adequate Führungsaufgaben. Zudem ist deren Ideologie dermaßen weltfremd, daß sie sich selbst disqualifiziert. Und das nicht erst seit kurzem sondern mindestens seit 30 Jahren, damals ging ich noch regelmäßig in die Kirche. – Die im Artikel beschriebenen Vorzüge sind nicht deren Leistung sonder die der vielen Ausführenden die mit viel Einsatz und wenig finanzieller Gegenleistung großes leisten.

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    Alex Simmek – 26.04.2011 - 13:20

    Also da muss ich ja mal ganz vehement Einspruch einlegen. Hr. Felmberg wischt die Verbrechen der Religionen, speziell die des Christentums, mit einem Handwedeln weg und lässt am Ende das Drohszenario von dem unmenschlichem Atheismus stehen. Er verkennt hier, dass der Atheismus beispielsweise in der SU / UDSSR eher eligiöse Züge trug, also eine Religion ohne Gott war. Und das er Ethik und Moral auf eine Stufe stellt, nun ja, das sagt doch einiges übr ihn aus! Die Nachsicht, mit der hier Religionen behandelt werden, lässt mich daran zweifeln ob ein wirklicher Denkprozess zu diesem Artikel geführt hat, oder nur die geistige Verwirrung, die Religionen traurigerweise in den Köpfen ihrer Anhänger entstehen lässt. MFG Alex

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    Rolf Kohl – 26.04.2011 - 13:58

    Die christliche Religion kann kein Hort der Moral sein, weil sie jede Unmoral verzeiht. Sie ist ein Hort der Unmoralischen. Die Gesellschaft setzt die Massstäbe für Moral in dem sie Unmoral ächtet bzw bestraft. Auf die jetzt folgende Frage was moralisch oder unmoralisch ist könnte man einfach auf unsere Gesetze verweisen. Aber auch da ist von Moral nicht viel zu sehen. An der vorhandenen Moral kann man also den Stand einer Gesellschaft ablesen. Für uns gilt dann das wir gar nicht so moralisch sind wie wir gerne vorgeben.Wenn wir den unmoralischen auf Erden vegeben und verzeihen, wird doch das Leben des moralisch Anspruchsvolleren zur Hölle, in der er dann unweigerlich nach seinem Tod landet wenn er dagegen vorgeht. Demut ist also mich mein Leben lang der Unmoral zu beugen damit ich das versprochene Heil erfahre? Nun, das hat mit Gerechtigkeit wie es der Mensch versteht wenig zu tun. Wenn ich also zwischen Moral und meinem Empfinden für Gerechtigkeit wählen kann, dann nehme ich die Gerechtigkeit.

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    o nyoo – 26.04.2011 - 17:35

    “Wenn ich also zwischen Moral und meinem Empfinden für Gerechtigkeit wählen kann, dann nehme ich die Gerechtigkeit.”

    … eine Frage. Wenn Sie zwischen “Moral” und “[Ihrem] Empfinden” wählen, wie können Sie dann “die Gerechtigkeit” aussuchen? Die steht doch in Ihrem Beispiel garnicht zur Wahl.

    Ich finde Ihre Begriffsbestimmung teilweise sehr uneindeutig/willkürlich/flexibel, was es schwer macht auf Ihren Beitrag gelenk einzugehen … nur so ein Gefühl der Scheinstringenz, das sich bei mir einstellt.

    Zum Beispiel Ihre Fassung des Begriffs Demut – hat sie meines Erachtens in dieser Form recht wenig bis nichts mit dem christlichen Kontext zu tun in den Sie sie setzen. Demut ist dort eine Relation des Einzelnen zu Gott und hat nicht direkt mit dem “Andere-Wange-Hinhalten” zu tun, was wohl eine Relation zum “Nächsten” wäre.

    Wo Sie Moral/Gerechtigkeit einfordern und sie dem Christentum absprechen, macht dieses doch im Munde seiner frühen “Sendboten” relativ klare Aussagen:
    “Wenn du aber das Böse übst, so fürchte dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses tut.” (Röm 13,4) … mit Dienerin ist hier die Obrigkeit gemeint. In Ihren Begriffswelten vielleicht in der Entsprechung Gesellschaft/(Rechts-)Staat?

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    Fred Filer – 27.04.2011 - 02:00

    @ Alex

    Ich glaube die Verbrechen die Sie meinten wurden von der Kirche verübt und sind ursprünglich nicht auf den christlichen Glauben zurück zu führen! Der schreibt das Gegenteil vor!
    Und Atheismus nimmt immer religiöse Formen an, weil er religiös ist! Es ist der Glaube der Gott oder alles übernatürliche ausschließt. Beweißen kann er seinen Inhalt aber nicht.
    Der Mensch ist generell ein religiöses Wesen, er hat immer eine geistliche Haltung, Einstellung oder wie auch immer. Also er lebt nach seiner Überzeugung, was auch immer diese ist. Überzeugung ist aber ein; “für richtig >halten<”, das ist Glauben: glauben dass etwas richtig oder wahr ist. Wie man es dreht und wendet der Mensch ist wesentlich geistig und deshalb von einem geistlichen Fundament bestimmt, auch wenn er sich Atheist nennt.
    Daher kann man sich der Verantwortung, für die Verbrechen in der SU nicht entziehen indem man sie vergeistlicht?! Darüber hinaus werden heute genügend Verbrechen verübt die unserer humanistischen Gesellschaft entspringen, all die Unzucht, Vergewaltigungen, Gewalttaten usw. sind wohl eher eine Ausartung der “freien Gesellschaft” als der so genannten Religion. Man sollte den Blick nicht immer auf die Extremsten Beispiele versteifen, es gibt in unserer Gesellschaft genügend Beispiele welche die fatalen Auswirkungen des Humanismus ilustrieren! Es sollte auch nicht immer auf die Vergehen irgendwelcher Kirchenangehörigen verwiesen werden, denn was Menschen tun deffiniert nicht ihere Religion. Diese handeln im Gegensatz zu ihrer Religion! (die sich christlich nennen zu mindestens) Der Humanismus hat aber ideologisch gesehen den Menschen zum Mittelpunkt und auch zum Maß aller Dinge! “Was der Mensch gut heißt muss auch gut sein!” Die Rechtfertigung kranker Triebe folgt dan fataler Weise aus dieser Überzeugung. Und mit welchem Recht will man solchen Personen dann falsche Moral unterstellen, höchstens durch das Staatsgesetz können sie dann bestraft werden. Ändert das aber was Grundlegendes? Nein!

    herzlichen Gruß, Fred

  • Theeuropean-placeholder
    Alex Simmek – 27.04.2011 - 12:49

    @Fred
    also erstmal: die Kirche tut gar nichts sondern die Anhänger! Und mal ganz ehrlich: haben sie die Bibel gelesen? Sollten sie mal machen, dann können sie nicht mehr behaupten, dass der christliche Glaube keine Verbrechen fordert!
    Zudem: wenn Atheismus ne Religion ist, ist nicht Fussball spielen n Sport!

    Auch die Behauptung der Mensch als “religiöses Wesen” hätte ich gern begründet, denn er hat eine geistige, nicht unbedingt eine geistliche Haltung (diese Wörter bringen sie etwas durcheinander!).
    Soo und jetzt wirds sehr seltsam. Als ob eine humanistische Gesellschaft (in der wir leider immer noch nicht leben dank der Religionen!) die einzige wäre in der Vergewaltigung und Gewalttaten passieren (Unzucht hab ich rausgelassen, bin mir nicht sicher was genau sie meinen).

    Es ist wohl eher so, dass die Religionen, die sich ja auf ein willkürliches ,weil von einem ominösen Gott gegebenes Recht stützen, eher dazu neigen Gräueltaten mit ihrem Gott zu begründen und daher die Menschen leichter verführen solche zu begehen.
    Da finde ich es schon sinnvoller die Menschen als wichtig einzustufen ( nicht als Herrscher, das macht die Bibel!), damit man sich mal genau überlegt und an ethischen Maßstäben bewertet, was man selber und andere tun.
    Und vor allem: was heisst nur Staatsgesetz?
    Durch diese Gesetze werden grundlegende Freiheiten und auch Einschränkungen definiert, und zwar auf Basis des gesunden Verstands(meistens;)) und nicht auf den Moralvorstellungen einer archaischen Hirtenkultur!
    Lg Alex

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