Die Beamten denken und der Minister hält die Festreden. Norbert Blüm

Nächstenliebe über den Tod hinaus

Im Zuge des Führerscheins die Bereitschaft zur Organspende abzufragen ist ein wichtiger und richtiger Schritt. Den berechtigten Einwänden der Bedenkenträger muss aber Rechnung getragen werden, damit dieser Akt der Nächstenliebe nur gut informiert und in voller Zustimmung getan wird.

Natürlich melden sich nun Bedenkenträger von allen Seiten. So berechtigt ihre Einwände teilweise sein mögen – ich finde den Vorstoß von Volker Kauder im Grundsatz sehr gut. Dass die Zahl der Spenderorgane in Deutschland erhöht werden muss, ist unumstritten. Niemand will, dass Menschen leiden und sterben, weil es keine passenden Spenderorgane für sie gibt.

Zuletzt war es der Deutsche Ethikrat, der einen Vorschlag zur Erhöhung der Organspenden machte, und das war anno 2007. Geändert hat sich seitdem: nichts. Durch den offenen Umgang mit seiner Nierenspende an seine Frau hat Frank-Walter Steinmeier einen ersten, wichtigen Schritt gemacht, Volker Kauder geht diesen Weg konsequent weiter. Endlich ist wieder Bewegung in die Diskussion gekommen, und es ist zu hoffen, dass es nicht bei Worten bleibt.

Nächstenliebe über den Tod hinaus

Aus christlicher Perspektive ist die Bereitschaft, ein Organ zu spenden, ein beispielhafter Akt der Nächstenliebe, aber weder Bürger- noch Christenpflicht. Wer sich dafür entscheidet, handelt ethisch verantwortlich, er ergreift eine Möglichkeit, Nächstenliebe über den Tod hinaus zu praktizieren. Doch auch wer sich gegen eine Organspende entscheidet, kann Gründe haben, die zu respektieren sind. Moralischer Druck ist fehl am Platz.

In dieser Hinsicht ist Volker Kauders Idee vorbildlich, denn gerade dadurch, dass er die Organspendenbereitschaft automatisiert abfragen und mit einer eher bürokratischen Maßnahme verknüpfen will, wird eine außerordentliche, möglicherweise Druck erzeugende Fragesituation umgangen. Die Idee, eine solche Abfrage mit der Beantragung des Führerscheins zu koppeln, hat für mich einigen Charme. Denn hier verbindet sich mit der sinnvollen Frage nach der Organspende der Hinweis auf die Gefahr, die mit der Teilnahme am Straßenverkehr gegeben ist. Wer alt genug ist, Auto zu fahren, sollte auch alt genug sein für den Anstoß, die Zerbrechlichkeit seines Lebens nicht auszublenden und darüber nachzudenken, was im Todesfall mit dem eigenen Körper geschehen soll.

Beratung ist notwendig

Trotzdem sind die Vorschläge Kauders natürlich beispielhaft gemeint. Es ist unstrittig, dass die Mitarbeiter eines Amts die Beratung im Blick auf die Organspende nicht zu leisten vermögen. Dass diese Beratung notwendig ist, beschreibt Harald Terpe in seinem Kommentar zu Recht. Zu viele Menschen haben Ängste, Bedenken oder auch nur Fragen, die nicht durch ein Informationsblatt beantwortet werden können. Da braucht es qualifizierte Fachkräfte, die die nötige Aufklärung leisten können. Gut kann ich mir diese Aufgabe in einem Krankenhaus oder in einer Arztpraxis vorstellen. Bedenkenswert finde ich auch den Vorschlag von Professor Eckhard Nagel. Der Chefarzt und Leiter des Transplantationszentrums im Klinikum Augsburg hat sich unlängst dafür ausgesprochen, die Organspendebereitschaft im Zuge des Eintritts in die Krankenkasse abzufragen.

Eines darf bei all den Lösungsvorschlägen zur Organspende nicht vergessen werden: Nicht allein die Zahl der potenziellen Spender ist entscheidend. Auch die Krankenhäuser müssen adäquat ausgerüstet sein. Bislang gibt es zu wenige Transplantationsbeauftragte, die gewährleisten, dass die Möglichkeit einer Organspende überhaupt genutzt werden kann. Auch muss es sich rechnen, Transplantationen durchzuführen. Dafür allerdings ist Geld nötig. Ich bin zuversichtlich, dass die Bundesregierung bereit ist, für eine nachhaltige Lösung der Organspendenproblematik auch finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Liese, Harald Terpe, Rainer Beckmann.

Leserbriefe

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