Von einer Sicherheitspolitik kann in Europa keine Rede sein. Tilman Brück

Nächstenliebe über den Tod hinaus

Im Zuge des Führerscheins die Bereitschaft zur Organspende abzufragen ist ein wichtiger und richtiger Schritt. Den berechtigten Einwänden der Bedenkenträger muss aber Rechnung getragen werden, damit dieser Akt der Nächstenliebe nur gut informiert und in voller Zustimmung getan wird.

Natürlich melden sich nun Bedenkenträger von allen Seiten. So berechtigt ihre Einwände teilweise sein mögen – ich finde den Vorstoß von Volker Kauder im Grundsatz sehr gut. Dass die Zahl der Spenderorgane in Deutschland erhöht werden muss, ist unumstritten. Niemand will, dass Menschen leiden und sterben, weil es keine passenden Spenderorgane für sie gibt.

Zuletzt war es der Deutsche Ethikrat, der einen Vorschlag zur Erhöhung der Organspenden machte, und das war anno 2007. Geändert hat sich seitdem: nichts. Durch den offenen Umgang mit seiner Nierenspende an seine Frau hat Frank-Walter Steinmeier einen ersten, wichtigen Schritt gemacht, Volker Kauder geht diesen Weg konsequent weiter. Endlich ist wieder Bewegung in die Diskussion gekommen, und es ist zu hoffen, dass es nicht bei Worten bleibt.

Nächstenliebe über den Tod hinaus

Aus christlicher Perspektive ist die Bereitschaft, ein Organ zu spenden, ein beispielhafter Akt der Nächstenliebe, aber weder Bürger- noch Christenpflicht. Wer sich dafür entscheidet, handelt ethisch verantwortlich, er ergreift eine Möglichkeit, Nächstenliebe über den Tod hinaus zu praktizieren. Doch auch wer sich gegen eine Organspende entscheidet, kann Gründe haben, die zu respektieren sind. Moralischer Druck ist fehl am Platz.

In dieser Hinsicht ist Volker Kauders Idee vorbildlich, denn gerade dadurch, dass er die Organspendenbereitschaft automatisiert abfragen und mit einer eher bürokratischen Maßnahme verknüpfen will, wird eine außerordentliche, möglicherweise Druck erzeugende Fragesituation umgangen. Die Idee, eine solche Abfrage mit der Beantragung des Führerscheins zu koppeln, hat für mich einigen Charme. Denn hier verbindet sich mit der sinnvollen Frage nach der Organspende der Hinweis auf die Gefahr, die mit der Teilnahme am Straßenverkehr gegeben ist. Wer alt genug ist, Auto zu fahren, sollte auch alt genug sein für den Anstoß, die Zerbrechlichkeit seines Lebens nicht auszublenden und darüber nachzudenken, was im Todesfall mit dem eigenen Körper geschehen soll.

Beratung ist notwendig

Trotzdem sind die Vorschläge Kauders natürlich beispielhaft gemeint. Es ist unstrittig, dass die Mitarbeiter eines Amts die Beratung im Blick auf die Organspende nicht zu leisten vermögen. Dass diese Beratung notwendig ist, beschreibt Harald Terpe in seinem Kommentar zu Recht. Zu viele Menschen haben Ängste, Bedenken oder auch nur Fragen, die nicht durch ein Informationsblatt beantwortet werden können. Da braucht es qualifizierte Fachkräfte, die die nötige Aufklärung leisten können. Gut kann ich mir diese Aufgabe in einem Krankenhaus oder in einer Arztpraxis vorstellen. Bedenkenswert finde ich auch den Vorschlag von Professor Eckhard Nagel. Der Chefarzt und Leiter des Transplantationszentrums im Klinikum Augsburg hat sich unlängst dafür ausgesprochen, die Organspendebereitschaft im Zuge des Eintritts in die Krankenkasse abzufragen.

Eines darf bei all den Lösungsvorschlägen zur Organspende nicht vergessen werden: Nicht allein die Zahl der potenziellen Spender ist entscheidend. Auch die Krankenhäuser müssen adäquat ausgerüstet sein. Bislang gibt es zu wenige Transplantationsbeauftragte, die gewährleisten, dass die Möglichkeit einer Organspende überhaupt genutzt werden kann. Auch muss es sich rechnen, Transplantationen durchzuführen. Dafür allerdings ist Geld nötig. Ich bin zuversichtlich, dass die Bundesregierung bereit ist, für eine nachhaltige Lösung der Organspendenproblematik auch finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Liese, Harald Terpe, Rainer Beckmann.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Ethikrat, Volker-kauder, Organspende

Kolumne

Medium_af5a878e52
von Christoph Giesa
01.09.2011

Kolumne

  • Es geht um nichts weniger als alles; um die Wurzeln, das Selbstverständnis und die Wählbarkeit der Partei der Mitte. Die CDU ist in der Krise und die Mitglieder laufen davon. Der Kurs ist... weiterlesen

Medium_056fc3650d
von Richard Schütze
08.08.2011

Debatte

Aufklärung vor der Organspende

Medium_5594826a04

Schatz, wir müssen reden

So verführerisch der Vorschlag einer vorgeschriebenen Entscheidung zur Organspende klingt, so undurchführbar ist er in der Praxis. Denn das Überreichen von Informationsbroschüren und ein Kreuzchen ... weiterlesen

Medium_bdea00b0e1
von Harald Terpe
25.01.2011
meistgelesen / meistkommentiert