Die Linke hatte schon immer Unrecht. Silvio Berlusconi

Das Objekt der Anbetung muss Gott bleiben

Der Wunsch eines Christen, das Leben Jesu mit eigenen Sinnen erfahren zu können, erwacht alljährlich besonders zur Osterzeit. Das Grabtuch von Turin spaltet die Christenheit, denn die Protestanten lehnen die Reliquienverehrung ab.

Shroudturin_turiner_grabtuch_jpg KN

Immer wieder wird die Frage neu diskutiert, ob das Turiner Grabtuch echt ist. Nehmen wir einmal seine Echtheit an. Dann wäre es, neben anderen, ein weiterer Beleg für die Faktizität des Lebens und Sterbens von Jesus von Nazareth. Das wäre archäologisch spannend. Aber was bedeutete es für den Glauben eines Christen? Der Reiz, dieses Tuch zu berühren, verdankt sich dem Wunsch, das Leben Jesu mit den Händen zu begreifen, so wie es der Jünger Thomas offen zugibt: “Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.” (Joh 20,25). Es scheint, als könne man durch das Tuch Jesus selbst berühren und sich so seiner vergewissern.

Verehrung von Reliquien waren Luther zuwider

Für evangelische Christen ist eine solche Reliquie allerdings nicht weiter von Bedeutung. Die Reformatoren verurteilten die Reliquienverehrung sogar als “Abgötterei”, besonders, weil damals ein enger Bezug zum Ablasswesen bestand: Der Besuch von Reliquienschätzen und Märtyrergräbern galt als besonderes geeignet, Nachlass im Blick auf die Bestrafung von Sünden zu erwirken. Doch auch unabhängig von der Ablasstheologie des Mittelalters lief die Verehrung von Reliquien Luthers Bild vom “Christenmenschen” zuwider: Sie war und ist eine Form der Heiligenverehrung. Durch die Anbetung von Personen, die von der katholischen Kirche als besonders heilig erklärt wurden, sollen diese als “Fürsprecher” bei Gott gewonnen werden. Nach reformatorischer Auffassung hingegen sind alle getauften Christen von Gott angenommen, damit gleich “heilig” und nicht der Fürsprache durch vermeintlich Heiligere bedürftig. Daraus folgt, dass auch eine Reliquie nicht mehr sein kann, als die Erinnerung an einen bedeutenden Christen.

Nun gibt es seit jeher Menschen, die Reliquien auch dann eine Bedeutung für den Glauben zusprechen, wenn diese Reliquien nicht angebetet werden. So warnte zum Beispiel der vatikanische Bibeltheologe Monsignore Pietro Principe in der italienischen Tageszeitung “La Stampa”, vor der Gefahr, der authentische Glaube könne sich durch die Verehrung von Reliquien zu einem Aberglauben verwandeln. Das Beten im Angesicht einer Reliquie, so Pietro Principe, könne Ausdruck der Dankbarkeit für die Heiligkeit des Verstorbenen sein. Das Objekt der Anbetung müsse aber Gott bleiben.

Die Auferstehung Christi ist der Kern des Glaubens

Protestantische Christen halten Abstand zur Reliquienverehrung. Dem Protestantismus liegt nicht die gegenständliche Sichtbarmachung etwa des Todes Jesu Christi am Herzen, sondern vielmehr das unfassbare Wunder, das sich ereignete, nachdem Jesus sein Grabtuch abgelegt hatte. So groß die Bedeutung des Karfreitags für den Glauben an die voraussetzungslose Vergebung der Sünden ist, so wesentlich ist die Auferstehung Christi, durch welche die Versöhnung des Menschen mit Gott erst vollendet wurde.

An der Auferstehung Christi, enden – Gott sei Dank – alle exegetischen, historischen und archäologischen Versuche, einen Beweis für die Echtheit oder Wahrheit der Auferstehung zu finden. In ihr liegt der Kern dessen, was es zu glauben und eben nicht zu wissen gilt. Wie oft machte Jesus deutlich, dass der Glaube die Kategorien menschlicher Erkenntnis übersteigt, und es gerade deshalb Kindern so viel leichter fällt, das Reich Gottes anzunehmen. Der Kern des Glaubens liegt jenseits des Bedürfnisses nach empirisch darstellbaren Indizien und Beweisen. Diese Erfahrung ist der Grund für die protestantische Skepsis gegenüber der Anbetung von Reliquien.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    lukasz – 02.04.2010 - 21:14

    interessanter streit… aber ich glaube, dass hier sollte die christenheit noch mehr spalten als die echtheit des Grabtuchs: Stephen Fry über Relgion – sehr sehenswert. Nicht nur zu Ostern… http://bit.ly/cfwiae

  • Theeuropean-placeholder
    Christian Schmidt – 12.07.2010 - 10:41

    Ich mag es, wenn Tatsachen in die Debatte einfließen. 1988 erlaubte der Papst die Untersuchung von drei Materialproben aus dem Turiner Grabtuch in drei unabhängigen Labors mittels Radiokohlenstoffdatierung.

    Ergebnis: Das Tuch wurde zwischen 1260 und 1390 n. Chr. hergestellt. Präziser: Die Flachs-Pflanzen, aus denen das Leinen hergestellt wurde, standen 1260 n. Chr. (1390 n. Chr.) noch in voller Blüte.

    Das Tuch ist keinesfalls das Grabtuch eines im ersten Jahrhundert verstorbenen Mannes.

  • Theeuropean-placeholder
    Christian Schmidt – 12.07.2010 - 10:58

    Beweise sind die Grundlage aller wichtigen menschlichen Entscheidungen. Je wichtiger ein Problem ist, desto wichtiger werden Beweise.

    Gibt es Beweise für die anthropogene Klimaerwärmung? Ja. Für den Massenmord Ali Hassan al-Madschids an zehntausenden Kurden? Ja. Für die Überlegenheit eines Antibiotikums bei Lungenentzündung verglichen mit abwartendem Gottvertrauen? Ja.

    Und ausgerechnet bei der Beantwortung der vielleicht wichtigsten Frage der Menschheit (Sind wir die Geschöpfe eines übernatürlichen Gottes, der einen Plan für uns hat? Oder tragen wir die alleinige Verantwortung für unser Dasein?), ausgerechnet hier, so will man uns weismachen, können, nein, sollen Beweise komplett ignoriert werden?

    Das sollte uns alle sehr skeptisch machen.

  • Theeuropean-placeholder
    Christian Schmidt – 12.07.2010 - 11:12

    “…dass der Glaube die Kategorien menschlicher Erkenntnis übersteigt, und es gerade deshalb Kindern so viel leichter fällt, das Reich Gottes anzunehmen.”

    Kindern fällt es auch viel leichter, an Hexen und Gespenster zu glauben, an Zauberei und Verwünschungen, dass sie sich an Benjamins E-Mail mit Windpocken angesteckt haben usw.

    Heißt das, Kinder gewinnen zuverlässigere Erkenntnisse über die Welt als Erwachsene? Nein. Das heißt nur: Kinder sind leichtgläubiger. Und das wiederum ist eine sehr wichtige Voraussetzung, um “das Reich Gottes anzunehmen”.

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Wehmeier – 14.08.2010 - 04:51

    Kennen Sie “Ockhams Rasiermesser”? Das Prinzip besagt, dass von mehreren Theorien, die den gleichen Sachverhalt erklären, die einfachste zu bevorzugen ist.

    Wenn nun diese einfachste Theorie alles erklärt und zudem ganz ohne irrationale Annahmen auskommt, während alle anderen Theorien eigentlich gar nichts erklären und im Grund nur irrationaler Unfug sind, ist davon auszugehen, dass die einfachste Theorie die richtige ist:

    http://www.deweles.de/files/himmel_auf_erden.pdf

Aus der Debatte

Das Grabtuch von Turin

Der Papst besucht das Grabtuch von Turin

Shroudturin_turiner_grabtuch_jpg

Der Karsamstag ist das Niemandsland zwischen Tod und Auferstehung. Das Turiner Grabtuch zeugt davon, für den Papst besteht da kein Zweifel. Es ist die Ikone weiter...

Joseph-ratzinger-kopf
von Papst Benedikt XVI.
13.05.2010

Neue Rätsel um das Grabtuch

Jesus_beerdigung 3

Das Grabtuch von Turin gibt neue Rätsel auf. Die Ergebnisse einer vor wenigen Jahren durchgeführten Spektralanalyse, die das Artefakt auf das 14. Jahrhundert datierte, sind heute schon wieder obsolet.

_dagmar_morath_7902jan_fleischhauer
von Jan Fleischhauer
05.04.2010

Die Karwoche als "Eruption des Lichts"

Jesus_auferstehung 1

Einmalig und historisch: Christsein heißt, an die leibliche Auferstehung Jesu Christi zu glauben. Eine wahre Geschichte, keinen Mythos wollen die Evangelisten erzählen.

Kissler-alexander-kopf
von Alexander Kissler
02.04.2010

Mehr zum Thema: Christentum, Grabtuch-von-turin, Blasphemie

Kolumne

Kolumne

Kolumne

meistgelesen / meistkommentiert