Die Menschen müssen wissen, dass, wenn sie kein neoliberales Europa wollen, sie ein neues erschaffen können. Chantal Mouffe

Pädagogik muss Xenophobie bekämpfen

Immer mehr Europäer vermissen das Gefühl von Sicherheit und Stabilität, und insbesondere die Heranwachsenden sind mit gesellschaftlichen Erregungszuständen konfrontiert, die auf gefährliche Weise Xenophobie befördern. In dieser Situation brauchen Deutschland und Europa pädagogische Modelle, die das gute Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kulturen erlebbar machen.

Seit Jahrtausenden bereiten Eltern ihre Kinder und Lehrende ihre Schülerinnen und Schüler auf das vor, was sie selbst als „die Welt“ begreifen. Naturgemäß waren diese jeweiligen Welten immerfort Wandel unterworfen und außerdem stets Naturkatastrophen, Krankheiten, Kriegen, wirtschaftlichen und anderen Krisen ausgesetzt. Die eigene Kultur, das heißt vor allem das Leben im heimatlich-vertrauten sprachlichen Bezugssystem, die gewissenhafte Pflege spezifischer Traditionen und vor allem auch kollektive religiöse Vorstellungen gaben den Menschen jedoch ein gewisses Maß an Sicherheit. Jede neue Generation konnte auf dieses bewährte Koordinatensystem zurückgreifen, in dem und mit dessen Hilfe sie sich orientieren und ihren Weg gehen konnte.

Europa zwischen Uneinigkeit, Aktionismus und Angst

Heute vermissen immer mehr Europäer dieses Gefühl der Sicherheit und Stabilität. Wie die Europäische Union künftig zum Beispiel mit dem neuen Phänomen der kriegs- oder auch klimabedingten Massenmigration gen Zentraleuropa umgehen wird, ist noch völlig offen. Bereits jetzt aber wird deutlich, dass sich das gesellschaftliche Gefüge Deutschlands und anderer europäischer Staaten durch die starke Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen verändert.

Die Regierungen Europas reagieren in dieser Situation sensibel auf Stimmungen im nervösen (Wahl-) Volk. Entsprechend begegnen sie vor allem dem Islam, der den meisten ihrer Bürgerinnen und Bürgern sehr fremd ist, entweder kategorisch abweisend oder sie verpflichten zugewanderte und bereits ansässige Muslime sogar gesetzlich, sich zu integrieren. Was dies über das zweifellos notwendige Erlernen der jeweiligen Landessprache sowie Verfassungstreue hinaus genau heißt, ist bislang nicht geklärt. Auf der Hand aber liegt, dass der wachsende Druck auf Muslime, sich einem aus ihrer Sicht unvorstellbar säkularen, weil aufgeklärt-christlichen Kulturraum bis hin zur Badekleidung anzupassen, für Irritation und Verärgerung sorgt.

Verkompliziert wird diese konfliktträchtige Gemengelage durch immer neue Gewalttaten von Islamisten. Mit welcher spezifischen Zielsetzung und wo in der Welt auch immer diese Terroristen ihre Anschläge verüben: dank einer exzessiven medialen Verstärkung im 24/7-Takt entsteht bei Jung und Alt der Eindruck, ein jeder von uns sei beständig und unmittelbar bedroht. Und im Ergebnis macht sich – genau wie beabsichtigt – jenes belastende und zugleich Irrationales befördernde Gefühl breit, das man mittlerweile selbst im englischen Sprachraum mit dem deutschen Wort “Angst” bezeichnet.

Heranwachsende verschiedener Kulturen brauchen gemeinsame Positiverfahrungen

Im toten Winkel der kaum noch zu überschauenden Diskussion der Erwachsenen, wie angemessen auf Migration sowie innerstaatliche Sicherheitsdefizite zu reagieren sei, stehen junge Europäer ebenso wie junge Zuwanderer. Sie sind einer sie nachhaltig verstörenden Lebens- und Medienwelt ausgeliefert, und es überrascht nicht, dass viele Kinder und Jugendliche gegenüber den Angehörigen der jeweils anderen Kultur beziehungsweise Religion Misstrauen und Intoleranz entwickeln.

Einen positiven pädagogischen Gegenentwurf zu dieser nachhaltig negativ prägenden Vorurteilsbildung von Kindern und Jugendlichen in Europa hält der Schulverbund Round Square bereit. Er konstituierte sich anlässlich des 80. Geburtstages des Gründers der Schule Schloss Salem, Kurt Hahn, bereits Ende der 60er Jahre in Deutschland und wurde zu einer internationalen Erfolgsgeschichte.

Die Quadratur des Kreises ist möglich

Round Square macht es sich bis heute zur Aufgabe, das pädagogische Erbe Hahns aktiv zu bewahren – insbesondere durch die Ermöglichung des gemeinsamen Einsatzes unterschiedlichster Schülerinnen und Schülern für hilfsbedürftige Menschen. Im Jahre 2012 umfasste das Netzwerk etwa 100 Schulen auf allen fünf Kontinenten, im Herbst 2015 waren es bereits über 150 und innerhalb der nächsten fünf Jahre rechnet die Organisation trotz strenger Auswahlkriterien und einer entsprechenden Überprüfung der pädagogischen Arbeit jeder Schule vor Ort mit einer weiteren Verdoppelung.

Was aber bewirkt dieses rasante Wachstum, was bringt weltweit immer mehr ambitionierte Schulen dazu, sich um Aufnahme in den Round Square-Schulverbund zu bewerben? Die Antwort liegt wohl vor allem in den sechs pädagogischen Prinzipien, die von Hahn zunächst in Salem und später auch an den zahlreichen weiteren von ihm gegründeten Schulen und United World Colleges fruchtbar gemacht wurden:

1. Multinationalität und respektvolles Miteinander in der Schule, aber auch bei Sozialprojekten mit Partnerschulen aus anderen Ländern
2. Förderung von Schüler-Mitverantwortung und Einübung eines fairen Umgangs innerhalb der Schulgemeinschaft
3. Aktives Engagement zur Bewahrung unserer Umwelt
4. Erlebnislernen, das zupackendes Handeln und motivierende Selbsterfahrungen ermöglicht
5. Übernahme von Führungsverantwortung, gekennzeichnet von Rückgrat und Rücksichtnahme
6. Mehrjähriger Sozialdienst beim Roten Kreuz, bei der DLRG, in Pflegeheimen, Förderschulen

Es wäre wunderbar, wenn diese im wahrsten Sinne des Wortes „Grund legenden“ pädagogischen Zielvorstellungen unabhängig von Round Square an möglichst vielen Deutschen und europäischen Schulen in gelebte Praxis übersetzt werden würden. Sollte es doch unser Ziel sein, der Angst keinen Raum zu geben und junge Menschen aller Kulturkreise stattdessen so zu prägen, dass sie als Kosmopoliten bereit und in der Lage sind, mit Kopf, Herz und Hand Verantwortung für sich selbst, vor allem aber auch für ihre Mitmenschen zu übernehmen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Bernd Westermeyer: Politiker haben den Bürgern zu dienen

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