In der Welt des Unsinns gibt es wenige Herrscher. Alexander Kissler

Auf die digitalen Barrikaden

Die #spanishrevolution überraschte eine blinde, entfremdete und mit sich selbst beschäftigte Politik. Und sie möchte den Kampf um Transparenz und Bürgerbeteiligung auf die ganze Welt ausdehnen.

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, werden aus bestehenden Elementen Puzzleteile, die wie von Zauberhand plötzlich ineinander passen: Dezentrale Organisationen, geplant im Netz, vom katalanischen Philosophen Manuel Castells “Wikirevolution” genannt. Dazu intelligente Einheiten – smartmobs – bedacht von Howard Rheingold. Und das Konzept der sozialen Innovation, das dem Soziologen Juan Freire zufolge stattfindet, wenn “sich die Prozesse des Internets mit den öffentlichen Räumen der Städte verbinden”. So verwandelten sich öffentliche Plätze, die der Markt laut Stadtplaner Andrés Walliser zu “leeren Verkaufsflächen” gemacht hatte, in kollektive Chats und Blogs.

Es geht nicht nur um die Wirtschaft

Die #spanishrevolution war so überraschend in Entstehen und Entwicklung, dass spanische Politiker verstummten. Ein Großteil der ausländischen Presse überschlug sich darin, die Proteste mit der Wirtschaftskrise zu rechtfertigen. Trotz zahlloser Klärungsversuche, sollten jedoch ein paar Nuancen erläutert werden. Logischerweise hatte die wirtschaftliche Lage einen Einfluss. Doch die Intialzündgung gab das sogenannte “Sindegesetz”, welches es der Regierung ermöglicht, Webseiten völlig ohne juristischen Entschluss zu schließen. Internetnutzer waren aufgebracht, erklärten den Cyberkrieg. So entstand das Red Sostenible, eine Plattform des digitalen Widerstandes. Die Gruppe Anonymous heizte das Feuer an. Und schließlich formierte sich die Gruppe #nolesvotes (#wähltsienicht), die dazu aufrief, in den anstehenden Kommunalwahlen jene Parteien abzustrafen, die das Gesetz unterstützten. Als #nolesvotes dann im Februar eine Liste von Korruptionsfällen veröffentlichte, eskalierte die öffentliche Empörung. Die Revolution, von vielen Köchen gemeinsam im Wiki zubereitet, klopfte an die Tür.

Um die Empörung der Spanier zu verstehen, sollte man auch auf einem wiederholten Ruf an der Puerta del Sol hören: “Dies ist Island”. Die Spanier bewundern das nordische Land für die Weigerung, die Fehler seiner Banken selbst zu zahlen. Und kein Wunder: Während die Zahl der Arbeitslosen vergangenes Jahr auf 4,3 Millionen stieg, verdienten die 35 größten Firmen an der madrider Börse €49.881 Millionen, 24,3% mehr als im Jahr 2009. Den Rest erklärt die Kluft zwischen Menschen und politischem System, welches die zwei großen Parteien bevorzugt, die kleinen bestraft und Bürgerbeteiligung ignoriert.

Auf zur Demokratie!

Manuel Castells bestätigt, dass Politiker sich irren, wenn die denken, die #spanischrevolution wäre lediglich eine temporärer Aufstand. “Sie kann die Plätze verlassen”, schreibt er “jedoch verlässt sie nicht die sozialen Netzwerke oder die Köpfe derer, die sich beteiligen wollen.” Trotz der heterogenen Proteste sind die bisherigen Vorschläge praktisch einstimmig: Reform des Wahlrechtes und Einführung von Bürgerbeteiligung 2.0.

Vielleicht ist das revolutionärste an der #spanischrevolution jedoch nicht ihr Ergebnis, sondern die Art und Weise, wie es entsteht. Wie man diskutiert. Und wie Demokratie neue Wege der Beteiligung findet.

Ein Detail zum Schluss: Obwohl die Plattenindustrie, das Sindegesetzt oder Sarkozy versuchen, die Netztneutralität einzuschränken, hat eine unsignierte spanische Band, Stormy Mondays, den Weltraum erobert. Ihr Lied, Sunrise nº 1 gewann den digitalen Wettbewerb der NASA und reist an Bord der Endeavor mit. Stormy Mondays verschenken ihre Lieder über Peer-to-Peer Netzwerke. Ihr Erfolg, genau wie der der #spanishrevolution, entstand am Rande der institutionellen Welt und dem veralteten System 1.0

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Marc Voigt – 12.07.2011 - 17:12

    Für die tapferen Spanier, Griechen und alle anderen ehrlichen Demokratie vertretenden Demonstranten kann ich als kleiner Deutscher mich nur für die perverse Abzockbereitschaft der EU entschuldigen.

    Letztlich ein fröhliches entmachten der Banken- und Politikwirtschaft dürfte Weltweit ein geordneter Generalstreik (sehr langfristig)da sehr schnell klare Grenzen setzen.

    Ich bin zwar kein Sozi oder Kommunist, nur mich ärgert das unsere asoziale Diktatur in Deutschland das Sozialaufkommen zugunsten des von den Deutschen ungewollten Euros investiert haben.

    Einst mußte in Deutschland gesagt werden “Heil Hitler”.

    Nach dem Euro

    durfte nur noch “Heil(t) Kohl oder Schröder” gesagt werden.

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