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Die Flüchtlingssuchmaschine

Christopher und David Mikkelsen gründeten 2005 die Organisation Refugees United, mit der sie versuchen, durch Kriege und Katastrophen versprengte Familien wieder zusammenzuführen. Kern von Refugees United ist eine Internet-Plattform. Über diese können Flüchtlinge anonym nach ihren Angehörigen suchen. Andere Flüchtlingshelfer kritisieren die Brüder.

Alles begann mit Mansur, einem 17-jährigen Flüchtling aus Afghanistan. Er war einer der Protagonisten des Dokumentarfilms, den die zwei Brüder David und Christopher Mikkelsen im Jahr 2004 drehten, um mit ihm neu angekommenen Flüchtlingen und Migranten die Angst vor der Zukunft in Dänemark zu nehmen. Die Mikkelsen Brüder arbeiteten damals als Lehrer an einer Schule für jugendliche Migranten. Mansur erzählte ihnen, wie er seine Familie auf der Flucht vor den Taliban verloren hatte. Auf dem Transportwagen des Schleppers, der sie nach Pakistan bringen sollte, war nur noch ein Platz frei gewesen. Die Eltern wollen, dass Mansur ihn nimmt. So lässt er sie und seine fünf Geschwister zurück, kommt über Russland auf Umwegen nach Kopenhagen. Weil er nicht weiß, wo seine Familie ist, machen sich die Mikkelsens mit ihm auf die Suche.

Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Flüchtlinge weltweit auf 42 Millionen. Sie sind geflohen vor Krieg, Umweltkatastrophen, Repression oder anderen lebensbedrohlichen Umständen. Oft werden Familien, wie bei Mansur, auseinandergerissen. Sie wieder zusammenzuführen ist kompliziert. Wer weiß, ob die Angehörigen überhaupt noch leben, wohin sie gekommen sind und ob sie nicht Opfer von Menschenhändlern wurden? Die Brüder gründeten 2005 die Organisation Refugees United, weil sie bei der Suche nach Mansurs Familie feststellten, dass die Suche nach Angehörigen direkter laufen könnte. Ein weiteres Problem sei, dass Flüchtlinge, wenn sie internationale Organisationen und NGOs aufsuchen, dort viele Informationen von sich preisgeben müssten. “Das fürchten sie, weil sie als oftmals illegale Einwanderer Angst vor Einwanderungsbehörden und Menschenhändlern haben”, sagt Christopher Mikkelsen.

Die Website ist in 24 Sprachen übersetzt worden

Kern von Refugees United ist die Internetseite refunite.org. Hier können Flüchtlinge von sich entweder ein Profil anlegen und hoffen, dass ihre Angehörigen die Seite kennen und sie dort suchen. Oder aber sie benutzen selbst die Plattform zur Suche. Weil aber der Großteil der Flüchtlinge aus den ärmsten Teilen der Welt oftmals kein Englisch spricht, ist die Seite auf insgesamt 24 Sprachen wie etwa Swahili oder Afaan Oromo. Welche Informationen sie angeben, entscheiden die Flüchtlinge selbst. Von vornherein geht es hierbei aber nicht um die Adresse oder Telefonnummer. Gefragt wird nach Informationen, die nur ein Angehöriger kennen kann. Beispielsweise ein Spitzname, das Alter, die Anzahl der Geschwister, der Name eines Haustiers. Für die reine Suche nach Angehörigen muss man sich auf der Seite nicht registrieren, was wiederum Abschreckung nimmt. Findet ein Flüchtling ein Profil, das auf einen Angehörigen passt, kann er demjenigen eine E-Mail schreiben. Dessen Identität ist aber wiederum gewahrt, da die E-Mail-Adresse nicht sichtbar ist.

Die Mikkelsen Brüder wollen kein Konkurrenzprojekt in der Flüchtlingshilfe sein. Die Arbeit der anderen Organisation sei immens wichtig. So suchen sie die Kooperation mit so vielen Flüchtlingsorganisationen wie möglich. Die größten sind das Internationale Rote Kreuz und das Flüchtlingshilfewerk der Vereinten Nationen UNHCR. Nur wenn die einzelnen internationalen Organisationen und NGOs auch mit der Suchmaschine von Refugees United arbeiteten und ihre Flüchtlinge dazu bewegten, sich auch ein Profil anzulegen, kann das Projekt gelingen. Christopher Mikkelsen schätzt die Zahl der bisherigen Einträge auf etwa 1.500.

Refunite.org bekannt zu machen ist deshalb das A und O für das Projekt. Dafür griffen die Mikkelsens auf die Hilfe der Wirtschaft zurück. So vertrieb FedEx umsonst weltweit ihre Flyer. Die Fluglinie SAS erlässt ihnen bis Ende 2009 die Kosten der notwendigen Flüge. Darüber hinaus spendete ihnen erst im September SAP Software für die Optimierung der refunite-Suchmaschine. Ihre Kooperation mit der Wirtschaft wird jedoch kritisiert. Die Brüder kommerzialisierten dadurch die Flüchtlingshilfe, heißt es. Christopher Mikkelsen weist das zurück: “Unternehmen wollen Gutes tun. Natürlich haben sie dabei ein Interesse. Sie mischen sich aber nicht ein in das, was wir tun.” Die Brüder finden, Entwicklungsorganisationen sollten stärker auf die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft setzen, so wie sie es täten. Es gäbe viel zu tun in der Entwicklungshilfe und in der Wirtschaft stecke viel Potenzial.

Auf der Suche nach Mansurs Familie fanden sie 2005 einen von Mansurs Brüdern, Ali. Menschenhändler hatten ihn nach Südrussland verschleppt. Die Mikkelsens verhandeln, können Ali die Fahrt nach Moskau finanzieren und treffen ihn dort gemeinsam mit Mansur. Der Moment ihrer Wiedervereinigung ist bewegend. Doch Ali muss in Russland bleiben. Die Brüder bleiben in Kontakt. So erfährt Mansur später, dass Ali Opfer von Polizisten geworden ist, die ihn so zusammenschlugen, dass ihm zwei Finger amputiert werden mussten. Ali hat überlebt. Doch weder er noch Mansur wissen bis heute, wo der Rest ihrer Familie ist.

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