Endrunde in Kopenhagen – zwei Verhandlungstage stehen noch auf dem Plan. Dass es dann aber ein Abkommen für die Zeit nach Kyoto gibt, glaubt hier eigentlich niemand mehr. Um sich jedoch keinen politischen Unwillen vorwerfen lassen zu müssen, geben sich momentan die Spitzen dieser Welt die Klinke in die Hand. Merkel, Sarkozy, Brown, Jiabao und da Silva sprechen. Morgen kommt Obama. Eben bekräftigte noch mal Hillary Clinton das Engagement der USA.
Während der simbabwische Präsident Robert Mugabe gestern Abend die internationale Gemeinschaft mit Worthülsen tadelte, setzte sich in hundert Meter Entfernung vor dem Plenarsaal eine Gruppe von dreißig jungen Menschen auf den Boden. Sofort stürzen sich Kamerateams und Journalisten auf sie. Das Pressezentrum ist gleich nebenan. Auf den Schildern der jungen Menschen steht: “Ein faires, ehrgeiziges und gesetzlich bindendes Abkommen.” Julia Grauvogel hält eines von ihnen. “Es kann nicht sein, dass wir bei diesem so wichtigen Thema ausgeschlossen werden. Wir bleiben hier so lange sitzen, bis es ein Abkommen gibt.”
“Er betrifft die Zukunft der ganzen Menschheit”
Die Konferenzleitung hat beschlossen, die Zahl der zivilgesellschaftlichen Vertreter aufgrund der Sicherheit von Merkel und Co. stark zu beschränken. So sollen auch Julia und ihre Mitstreiter von der Vereinigung Junger Europäischer Grüner am Donnerstag und Freitag das Konferenzgebäude verlassen. Bislang haben sie am Stand der Heinrich-Böll-Stiftung für ihre Klimapolitik geworben. Julia ist 22 und studiert Friedensforschung in Tübingen. Fünf Stunden pro Woche opfert sie durchschnittlich für ihre ehrenamtliche Arbeit. Der Klimawandel bewegt sie extrem – mehr als die Arbeit mit behinderten oder alten Menschen. “Er betrifft die Zukunft der ganzen Menschheit. Ohne gutes Klima gibt es keine Zukunft.”
Spätestens seit der Absichtserklärung vom Klimagipfel in Bali 2007 haben sich weltweit Tausende von jungen Menschen in bestehenden oder neuen Organisationen gegen den Klimawandel zusammengeschlossen. Eine der größten ist die australische Youth Climate Coalition. Rund 50.000 junge Australier vereinigt sie. Eines der größten globalen Klima-Netzwerke ist 350.org. Die Initiative von Aktivisten Mitte 20 will durch ihre global zeitgleich geschehenden Aktionen Aufmerksamkeit erzeugen. 4.000 waren es in diesem Jahr. Eine davon war das gemeinsame Radeln von 350 Kilometern. Die 350 steht für die Begrenzung des Kohlenstoffdioxidgehalts in der Atmosphäre.
Seit 42 Tagen im Hungerstreik – allein für das Klima
Das UN-Klimasekretariat UNFCCC unterstützt die Jugend seit Jahren. So lud sie ihre Vertreter zu den vergangenen Gipfeln wie in Bali und Posen ein. Während es dort aber nur rund 400 junge Vertreter waren, sind es in Kopenhagen 1.500. Das ist jedoch nur ein Bruchteil von den jungen Menschen, die tatsächlich in der Stadt sind. Schon Wochen vor dem Gipfel waren Jugendherbergen und Billighotels restlos ausgebucht. In einer alten Fabrik haben an die hundert Jugendliche Platz gefunden. Beim Internetdienst Couchsurfing geht für Kopenhagen nichts mehr. Zehntausende Jugendliche marschierten in den vergangenen Tagen vor dem Konferenzgebäude auf. Vor allem junge Europäer zwischen 15 und 25 Jahren sind in der Stadt. Dort treffen sie aber auch immer wieder auf junge Klimapilger aus Afrika, Süd- und Nord-Amerika und Asien. Doch egal wen man von ihnen fragt, alle sind sich einig. Die ihnen zugebilligte politische Beteiligung reicht noch lange nicht.
“Wir haben keine Lust, bis zum nächsten Jahr auf ein Klima-Abkommen zu warten. Doch ich glaube nicht so recht daran, dass die Politiker hier tatsächlich unsere Stimme hören.” Marcie Smith sitzt mit ihrem Laptop im Ausstellungssaal der Konferenz und tippt die letzten Zeilen ihres Newsletters ab. Die 22-jährige Amerikanerin aus Kentucky macht die Öffentlichkeitsarbeit für ihre Organisation Climate Justice Fast. Drei ihrer Mitstreiter befinden sich augenblicklich seit 42 Tagen im Hungerstreik – allein für das Klima. Heute am Donnerstag wollen sich mit ihnen weltweit Hunderte junge Menschen solidarisieren und fasten. Marcie geht es beim Klima nicht um blinden Idealismus und Utopien. Es geht ihr um handfeste Lösungen für das klimafreundliche Leben vor Ort. Daheim arbeitet sie auf einem Bio-Bauernhof. Studiert hat sie Internationale Beziehungen und Französisch.
“Wenn Kopenhagen scheitert, gehen wir erst recht auf die Straße”
Es war Al Gores Medienkampagne vor dreieinhalb Jahren, die sie mobilisiert hat. Bei der 20-jährigen Marie Sato aus Tokio von der japanischen Jugend-Klimaorganisation Kiko war es ein Besuch auf der untergehenden Insel Tonga. Beim 20-jährigen Briten Josh Solnik von der UK Youth Climate Coalition waren es Gespräche mit Menschen von den Malediven. Alle können zum Klima eine eigene Geschichte erzählen. Das ist der Unterschied zu anderen politischen Themen und der Grund, warum der Klimawandel die Jugend global bewegt – egal aus welcher Schicht. Von hier zu ihrer Vernetzung ist es nur ein kleiner Schritt. Die sozialen Netzwerke im Internet haben bis Kopenhagen dazu schon viel beigetragen.
Allerdings scheinen die Bitten und Forderungen der Next Generation nicht in die Köpfe der Alten zu dringen. Von den ersten sieben Rednern, die in der Endrunde für ihre Verhandlungsgruppen – die EU, Afrika oder die Gruppe 77 und China – das Wort ergreifen, nennt keiner das Wort Jugend. Julia ist pessimistisch, dass es in Kopenhagen ein ehrgeiziges Abkommen gibt. Allerdings glaubt sie nicht, dass ein enttäuschender Gipfel das kaputt machen kann, was bis und in Kopenhagen gewachsen ist. Im Gegenteil. “Wenn Kopenhagen scheitert, gehen wir erst recht auf die Straße.” Der Gipfel hat sie dazu noch besser als vorher vernetzt.
















Das Jahrzehnt des Transnationalismus hat endgültig begonnen
Es ist wahrscheinlich kein Zufall das an dem Tage, an dem die Weltgemeinschaft ihr Scheitern als Problemlöser in Kopenhagen eindrucksvoll demonstriert hat, in der FAZ auf Seite 3 eine Anzeige des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erscheint mit dem Slogan: „Haben Sie auch manchmal das Gefühl, die Welt wäre besser, wenn man Sie mal ranlassen würde?“
Ja, das haben nach Kopenhagen glaube ich nunmehr nicht nur die vielen Jugendlichen und anderen Mitglieder und Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisationen die zum Gipfel in die dänische Hauptstadt gefahren sind und in der Kälte stehengelassen wurden. Die Anzeige des BMWZ weist darauf hin, dass „jede Veränderung [ ] aus der Mitte der Gesellschaft“ entsteht und daher die „über 1000 Organisationen und Initiativen in der Entwicklungszusammenarbeit“ „die Unterstützung zahlreicher Bürgerinnen und Bürger“ brauchen. Da ist somit –durchaus noch etwas kryptisch- begleitend zum Desaster von Kopenhagen das Ende nationaler und internationaler Politik im Bereich der Entwicklungshilfe benannt. Dirk Niebel scheint sich wohl wirklich überflüssig zu fühlen und selbst abwickeln zu wollen.
Ist das schlimm?
Nein, durchaus nicht, da wir festgestellt haben, die Staaten werden als Akteure in einem internationalen Staatensystem des 19. Jahrhundert nicht mehr alles regeln können. Es sind zu viele, zu komplexe Sachverhalte und Interessen, die ineinandergreifen auch wenn es nur um ein Thema wie beispielsweise den Klimaschutz geht.
Im 20 Jahrhundert wurde verstärkt das internationale System als Konsequenz der zwei Weltkriege entwickelt. Wesentliche Institution ist die UN. Bestimmte Sachverhalte und Probleme wurden nicht mehr nur national, das heißt von den einzelnen Staaten geregelt, sondern auch international, staatenübergreifend in unzähligen internationalen Verträgen und Erklärungen. Entscheidend ist, nur Staaten und Internationale Organisationen (der Jurist spricht von Völkerrechtssubjekten) waren und sind daran grundsätzlich mit Entscheidungsbefugnissen beteiligt. Nicht aber die Bürger der Staaten oder sogenannte Nichtregierungsorganisationen.
Das soll sich ja anscheinend nach Meinung von Minister Niebel nun endgültig ändern. Und es wird sich ändern müssen und das Gute ist, der Prozess der Veränderung wird nicht aufgehalten werden können.
Schon jetzt arbeiten Freiwillige „Bürgerinnen und Bürger“ auf der ganzen Welt, die verschiedensten Nationen angehören transnational zusammen. Ihr Engagement macht nicht an den Staatsgrenzen halt, da die Themen, mit denen sie sich befassen auch nicht territorial begrenzt sind. Unsere Kommunikationsmöglichkeiten erlauben eine solche unproblematische, professionelle sowie effektive Zusammenarbeit.
Der Anfang jeder Aktion ist meist „local“ und je vom Thema bleibt sie es oder wird „global“. Die Idee des „Think Globally, Act Locally” ist kein abgedroschener Slogan der vergangenen Jahre sondern die Zukunftsmaxime des Transnationalismus.
Das bedeutet meiner Meinung nach, es ist Zeit für neue Handlungskonzepte, die über „auf die Straße gehen“ hinausgehen. Jeder Einzelne hat nun unbestreitbar mehr Verantwortung! Seit diesem Wochenende wissen wir alle einschließlich Minister Niebel, dass wir, die Bürger und Mitglieder der Weltgesellschaft uns nicht auf die nationale oder internationale Politik verlassen können, sondern nur auf uns und auf unser Handeln.
Auf geht’s!