Würde ist was für die Mittelschicht. Harald Schmidt

Antidiskriminierung für alle!

Wer die Ehe für alle kritisiert, wird als gnadenlos rückständig angeprangert und aufgefordert, sich umgehend der normierten Mehrheitsmeinung anzuschließen, befindet unser Autor Benedikt Kuhn.

Die „Ehe für alle“ ist beschlossene Sache. Nachdem die Regierungs-Partei SPD in Koalition mit der Bundestags-Opposition das Thema  auf die Tagesordnung  gesetzt hatte, kam es am letzten Tag der Wahlperiode zur Abstimmung. Dem vorangegangen war eine Woche öffentlicher Debatten, die wieder einmal gezeigt haben: Die Vorkämpfer für Antidiskriminierung sind gleichzeitig Vorreiter der  Diskriminierung, denen das Kunststück gelingt, in wenigen Tagen die Ehe für alle einzuführen und die Meinungsfreiheit abzuschaffen.

Wer immer sich in der Woche vor der Abstimmung privat oder öffentlich dahingehend äußerte, die Ehe solle Mann und Frau vorbehalten sein, wurde als gnadenlos rückständig angeprangert und aufgefordert, sich umgehend der normierten Mehrheitsmeinung anzuschließen. In vorauseilendem Gehorsam ordneten sich viele derjenigen, die bislang gegenteiliger Meinung waren, unter und folgten der Noelle-Neumannschen Schweigespirale. Nachdem sich erst der Programmbegriff der Ehe für alle gegen seinen Vorgänger Homo-Ehe durchgesetzt hatte, machte allgemein das geflügelte Wort vom sozialen Fortschritt die Runde, den man nicht verhindern dürfe. Einstige Gegner gaben ihre in Grundsatzprogrammen und Beschlüssen verbriefte Überzeugung auf und konzentrierten ihre Kritik einzig auf das vertragswidrige Verhalten der SPD. Die Meinungspolizei hatte ganze Arbeit geleistet. Erfolgreich diskriminiert, Gegenmeinungen diskreditiert.

Dabei lässt sich die exklusive staatliche Förderung der Ehe als Verbindung von Mann und Frau durchaus damit begründen, dass nur hier Kinder und Familien entstehen. Es lässt sich aber auch berechtigterweise der Einwand vertreten, dass in anderen Gemeinschaften ebenfalls Verantwortung übernommen wird. Und selbstverständlich kann man der Ansicht sein, dass auch nicht-heterosexuelle Paare Familien gründen können sollten, die der Staat gleichberechtigt als Ehe anerkennt und fördert.

All das sind unterschiedliche Argumente, die Gehör und eine respektvolle öffentliche Diskussion verdienen – keinen Maulkorb. Das führt dazu, dass im Kampf der Einen für die Gleichberechtigung das Gefühl der Anderen einer ungleichen Repräsentation wächst und die politischen Ränder erstarken. Für kommende gesellschaftliche Weichenstellungen wäre eine breite, ergebnisoffene Debatte wünschenswert, in der die vermeintlich Toleranten ihre Intoleranz überwinden. Frei nach Voltaire: Ich bin nicht Deiner Meinung, aber ich würde alles dafür tun, sie zu hören. Antidiskriminierung für alle. Ganz im Sinne des sozialen Fortschritts.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Siegmar Faust, Michael Klonovsky , Gunter Weißgerber.

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Mehr zum Thema: Homosexualitaet, Csu, Ehe

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