Links bedeutet für mich heute, dass man sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Michael Hartmann

Kein Skandal mehr, aber immer noch ein Kuriosum

Israelis, die das DFB-Team unterstützen, lassen deutsche Medien aus dem Häuschen geraten. Dabei ist das Verhältnis der Israelis zu Deutschland immer noch schwierig.

“Israel jubelt für Deutschland” – holprige Meldungen dieser Art konnten den Eindruck erwecken, dass statt der Bilder des in den Gaza-Streifen verschleppten Soldaten Gilad Schalit plötzlich Klose- und Müller-Poster an den Wänden der israelischen Jugendklubs hängen. Na ja. In Wahrheit ging dann doch ein Aufatmen durch den jüdischen Staat, als Deutschland endlich eliminiert war. Natürlich war von vornherein, wie alles zwischen Deutschland und Israel, die Frage der Fußball-Sympathie eine komplizierte. Man kann ja keinesfalls für das Land der früheren Nazis sein. Ja, aber Deutschland ist heute in Europa Israels wichtigster Partner. Die Deutschen spielen diesen abstoßenden Maschinen-Fußball. Ja, aber jeder sieht doch, dass diese deutsche Elf ganz anders ist.

Deutschland vom Deutschtum geheilt

“Das ist nicht mehr die arische Rasse”, belehrte der nicht gerade mit intellektueller und sprachlicher Sensibilität gesegnete Shlomo Scharf beim ersten Spiel der Deutschen die israelische Fangemeinde. Der ehemalige Nationaltrainer und nunmehrige TV-Kommentator registrierte aufgeregt, dass das ja eigentlich “Afrikaner, Türken, Brasilianer, Polen” seien, die einen fröhlichen, kreativen Fußball spielten. Nach den brillanten Aktionen gegen Argentinien verstieg sich ein Radioreporter gar zu einer umfassenden sozialpsychologischen These: “Vielleicht ist Deutschland jetzt vom Deutschtum geheilt.” Erst durch die Fußball-WM entdeckte Israel also ein neues, liberales, unpreußisches Deutschland. Laut Umfragen wollte dann tatsächlich rund ein Drittel der Israelis Deutschland als Weltmeister sehen (allerdings erst nach dem Viertelfinale, als nur noch vier Länder zur Auswahl standen).

Israel ist ein Land voller Einwanderer, viele aus klassischen Fußballnationen wie England, Frankreich, Argentinien, Brasilien, Uruguay. Niemand in Israel hat ein Problem damit, wenn sich ein Einwanderer im Fußball mit seinem Herkunftsland identifiziert, obwohl es historisch oder politisch aus israelischer Sicht nur wenige “unbelastete” Länder gibt. Die Heimat von Maradona und Messi zum Beispiel hat ja von Eichmann und Mengele abwärts ein ganzes Rudel von NS-Verbrechern aufgenommen. Brasilien hofiert gerade den Iran. Dass viele Israelis im Fußball jahrzehntelang automatisch zu Holland hielten, hatte wohl mit dem Glauben zu tun, dass die Holländer in der Nazizeit ihre jüdische Bevölkerung vor der Deportation geschützt hätten. Das ist zwar mittlerweile als Legende entlarvt, aber Pub-Besucher im Oranje-Dress sind in Tel Aviv ein durchaus selbstverständlicher Anblick.

“In 518 Jahren für Deutschland”

Mit Deutschland ist es noch nicht so weit. “Ich bin für Spanien, weil Deutschland schuld daran ist, dass ich meine Großeltern nie gesehen habe”, sagte ein Israeli vor dem Halbfinale. Aber wie kannst du für Spanien sein, lautete ein Einwand, das hat doch 1492 alle seine Juden grausam vertrieben. “Okay, dann werde ich vielleicht in 518 Jahren für Deutschland sein.” Natürlich haben sich die Zeiten gewandelt. Nicht nur Deutschland ist entspannter, sondern auch Israel. In den 50er Jahren war es ein Affront, wenn man in Israel die deutsche Sprache benutzte, und Demonstranten schlugen die Scheiben des Parlamentsgebäudes in Jerusalem ein, weil drinnen darüber debattiert wurde, ob Israel von Deutschland Entschädigungszahlungen annehmen sollte. Heute ist es kein Skandal mehr, wenn sich junge Israelis mit einer deutschen Flagge fotografieren lassen. Aber ein Kuriosum, über das in Israel und in Deutschland Artikel geschrieben werden, ist es doch.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Herbert Hinterhuber – 13.07.2010 - 14:59

    “Israel ist ein Land voller Einwanderer, viele aus klassischen Fußballnationen wie England, Frankreich, Argentinien, Brasilien, Uruguay.” schreibt Ben Segenreich.

    Also, 2006 stammten die Einwanderer aus folgenden Fussballnationen: Thailand, China, Phillipinen, Ex-UdSSR, Rumänien, Nepal, Indien, Türkei. Außerdem waren sie überwiegend weiblich.
    Quelle: http://www.focus-migration.de/Israel.5246.0.html

    Von kickbegeisterten Briten, Franzosen, Argentiniern, Uruguesen und Brasilianern ist im heutigen Militärstaat nicht mehr die Rede.
    Die Armee, so stellte Arie John M. Wurm 2009 fest, sei eine “Armee der Randgruppen”:

    “sie repräsentierten nicht mehr alle Teile der Gesellschaft, sondern stellten lediglich eine „halbe Volksarmee“ dar.”

    Quelle: http://www.ims-magazin.de/index.php?p=artikel&a_id=1255451400,1,gastautor

    Herr Segenreich sähe sicher sein Israel gerne anders als es ist: friedlich, demokratisch, kosmopolitisch.
    Auf die Zustimmung israelischer Fußballfans aber wird wohl keine Mehrheit in einem demokratischen Land hoffen. Der Jubel muß mit Deaktivierung der Kommentarfunktion von israelfreundlichen Springer-Journalisten geäußert werden.
    In der Schweiz titelte 20 Minuten CH nach dem deutschen Sieg über Argentinien :

    “Wir sind deutsch – aber nur eine Woche.”

    Wenn Israel einmal eine Woche Deutsch wäre, würde Frieden in Nahost herrschen.

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