Dies ist ein aktueller Bericht, obwohl er auf einem Ereignis vom 22. Juli 2004 basiert.
Ich war an jenem Donnerstag zum Nachtmahl bei einem betagten Berliner Ehepaar eingeladen, das Kunst sammelt und gerne Gäste um sich hat. Sie feingliedrig und feinsinnig, er ein sanfter Riese, Selfmademan, der – aus der ehemaligen DDR stammend – es als Textilunternehmer zu einem stattlichen Vermögen gebracht hat.
Die abendliche Gesellschaft gemischt wie die der deutschen Hauptstadt: ein schwäbischer Fotograf aus Mitte, ein schwarzer Galerist aus NYC, ein Arztehepaar aus dem Grunewald, ein Leipziger Rechtsanwalt und seine Freundin, ein chilenischer Maler aus Lichtenberg, ein Bauunternehmer aus der Provinz und seine Architektin, die Gastgeber und ich.
Gegen Homos bei Pochiertem Ei auf Spinat
Es gab pochiertes Ei auf Spinat mit einem Klacks Osietre Imperial, Erbsensuppe mit Hummerschwänzen, Maronencreme mit Schmand, Roederer Cristal, Montrachet, Tokajer, Leitungswasser.
Die Musik: Arnold Schönberg. Das Thema: Lyonel Feininger (1871-1956), der deutsch-amerikanische Künstler und erste Bauhaus-Meister; 378 seiner Werke 1937 als entartet gebrandmarkt.
Die Sammlerin hatte vor kurzem in Buenos Aires eine filigrane frühe Studie Feiningers entdeckt, die, auf eine Staffelei gesetzt, sozusagen der 13. Gast bei Tisch war. Ein Abend, der in Marmor gemeißelt gehört, Berlin von seiner besten Seite.
Nach dem Essen unterhielten wir Frauen uns beim Mokka über die Geliebten Picassos, die Männer hatten es beim Cognac nun mit der Politik. „Wir werden uns doch wohl nicht von einem schwulen Parteivorsitzenden gängeln lassen“, gab einer der Männer, nicht der einzige FDP-Anhänger der Runde, wie beiläufig zum Besten. Guido Westerwelle – der Parteivorsitzende und nun wohl bald unser Außenminister – war am Tag zuvor als homosexuell geoutet worden.
Berlin von seiner besten Seite
Ein Wimpernschlag bestürztes Schweigen, dann ein scharfer Schlagabtausch zwischen Gastgeber und unbelehrbarem Gast und von uns anderen uneingeschränkte Solidarität mit dem homosexuellen Mann, mit einer dieser vielen kulturell und menschlich so wertvollen Gruppierungen, die Berlin bereichern und jenen unverwechselbaren Spirit geben, der sie von anderen Weltmetropolen unterscheidet.
„… und das ist auch gut so“ – das selbstbewusste Statement, mit dem ein Jahr zuvor Klaus Wowereit, der neue Regierende Bürgermeister, seine Homosexualität öffentlich gemacht hatte, war längst zum Bonmot mutiert, zum Ausrufezeichen Berlins!
Ein fetter Nazi am Fahnenmast
Der Hausherr bat den Fotografen und den Maler, den Ewiggestrigen vor die Tür zu bringen. Die Begleitung des nun Unerwünschten schlich betreten hinterher.
Als die Luft rein war, entschuldigte sich die Gastgeberin kurz, kehrte mit einer Zeichnung von George Grosz zurück, auf der zwei elegante Herren zu sehen sind, die Arm in Arm an einem fetten Nazi und einer schlapp am Fahnenmast hängenden Hakenkreuz-Flagge vorbeischlendern.
Sie schenkte die kleine Pretiose dem Fotografen und seinem Mann; beseelt gingen die beiden in die Nacht, die anderen Gäste im Schlepptau.
Ich blieb auf ein letztes Glas Champagner. Die Dame des Hauses nahm schließlich ein Bündel von Briefen aus einer Lederschatulle. Sie ließ mich denjenigen lesen, in dem ihr Bruder ihr in wenigen Zeilen anvertraute, dass er Männer liebte. Der Brief datierte vom April 1942, fünf Monate später ist er 26-jährig im KZ Sachsenhausen ermordet worden.
Man hört, dass die Auftragslage des Ewiggestrigen alles andere als gut ist. Ich ahne, und Sie jetzt auch, warum. Westerwelle wird sich beweisen – müssen. Keine soziale, keine politische, keine menschliche Orientierung ist ein Freibrief.
Fußnote: Gern zitiere ich Jan Feddersen aus der Taz vom 30. Sept. 2009: „Auch auf sein (Westerwelles) Konto, mag man loben, geht zurück, dass degoutante Moralen wie im Deutschland der Nachkriegszeit zerbröselten – Angela Merkel und er sind das sittlich erstaunlichste Politikerteam der Nachkriegszeit.“

















