Wenn wir durch Zauberhand nicht mehr unter US-Recht fallen würden, wäre das großartig. Sergey Brin

Rien ne va plus

Der Glaube an den „Homo oeconomicus“ droht unsere Gesellschaft zugrunde zu richten. Denn im Leben lassen sich Wahrscheinlichkeiten nicht berechnen wie beim Roulette.

Stellen Sie sich vor, Sie fänden sich als frischgebackener BWL-Absolvent in der glücklichen Lage wieder, sich zwischen vier verschiedenen Jobangeboten entscheiden zu müssen. Sie könnten sich bei dieser Auswahl eines ökonomischen Nutzwertschemas bedienen: In diesem Fall erstellen Sie eine Tabelle mit allen relevanten Attributen, gewichten die Vor- und Nachteile auf einer gemeinsamen Werteskala, rechnen ein wenig und erhalten die beste Option.

Dieses Modell rationaler Entscheidungsfindung basiert auf mehreren Annahmen. Erstens geht es davon aus, dass Sie Ihre Eigeninteressen maximieren wollen. Zweitens setzt es voraus, dass sich die verschiedenen Aspekte der Entscheidungsfindung vergleichen lassen und dass etwa Arbeits­­atmosphäre und Aufstiegschancen auf der gleichen Nutzwertskala numerisch darstellbar sind. Drittens funktioniert das Modell nur dann, wenn Sie im Besitz aller relevanten Informationen sind und Wahrscheinlichkeiten richtig abschätzen können.

Ich kenne fast niemanden, der auf diese Art entschieden hat, welchen Arbeitsvertrag er unterschreiben, welches Haus er kaufen, wohin er in den Urlaub fahren oder an welcher Universität er sich einschreiben sollte. Aus dieser simplen Feststellung ziehen wir meistens das Fazit, dass der Mensch ein rational begabtes Wesen ist, das leider häufig suboptimale Entscheidungen trifft.

Die animalischen Instinkte des Menschen

Im Laufe der Zeit hat sich sogar ein eigener wissenschaftlicher Zweig herausgebildet, der untersucht, inwiefern wir irrationale Entscheidungen treffen: die Verhaltensökonomie. Ein unglücklicher Name, schließlich handelt es sich dabei um nichts anderes als um ein Spezialgebiet der Psychologie, das Entscheidungen mit möglichen wirtschaftlichen Konsequenzen unter die Lupe nimmt.

Die Ergebnisse der Verhaltensökonomie mögen neu und sexy erscheinen, aber die ihnen zugrunde liegenden Theorien sind fast ein Jahrhundert alt. Der große Ökonom John Maynard Keynes schrieb schon damals, dass wir die Funktionsweise der Wirtschaft nicht verstehen können, ohne uns die „animalischen Instinkte“ des Menschen bewusst zu machen – eine knallige Umschreibung für Psychologie. Seitdem kommt kaum ein Text über das wirtschaftliche Klima ohne ­Begriffe wie „Verbrauchervertrauen“ oder „Investorenoptimismus“ aus. Auch das ist nichts anderes als simple Psychologie. Wir wissen also nur zu gut, dass die angeblich tadellosen Modelle rationaler Entscheidungsfindung eine gewichtige Schwachstelle aufweisen.

Moderne Forschung sagt uns, dass wir in zweierlei Hinsicht nicht vollkommen rational denken und handeln. Erstens scheitern wir an der Mathematik: Wir sind nicht sonderlich gut darin, Unwägbarkeiten richtig abzuschätzen und in unsere Entscheidungen einzubeziehen. Zweitens wollen wir oftmals die falschen Dinge. Wir schätzen den Nutzwert einer Sache falsch ein. Wir vernachlässigen es, über die langfristigen Konsequenzen unserer Entscheidungen nachzudenken (und essen daher zu viel und sparen zu wenig). Außerdem überschätzen wir, wie lange uns eine Entscheidung zufrieden stellt. Anders ausgedrückt: Wir gewöhnen uns an die unmittelbaren Vorteile unserer Entscheidungen und vergessen, dass der erzielte Nutzen oft nur von kurzer Dauer ist.

Eigeninteresse ist ein Faktor

Es ist wichtig, dass wir uns das eigene Entscheidungsverhalten bewusst machen. Nur so können wir Institutionen und politische Programme designen, die uns dazu anhalten, bessere Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig ist aber festzuhalten, dass das normative Modell rationaler Entscheidungen dadurch nicht infrage gestellt wird. In dieser Sichtweise erscheint Rationalität immer noch als hehres Ziel, das wir leider in der Realität nur selten erreichen.

Ich denke, dass das Modell rationaler Entscheidungen falsch ist. Denn fast alle seine Annahmen über den Menschen und die Natur sind schlicht und ergreifend nicht richtig. Das Modell geht davon aus, dass Menschen primär vom eigenen Nutzen motiviert werden. Das stimmt – und gleichzeitig auch nicht. Natürlich ist Eigeninteresse ein Faktor. Aber wir sind auch um das Wohl anderer besorgt, etwa um unsere Familie, unsere Mitmenschen, unsere Gesellschaft oder sogar um das Wohl der Welt insgesamt. Außerdem wollen wir, dass unsere Entscheidungen moralisch gut sind. Selbst dann, wenn wir dadurch persönliche Nachteile erfahren oder uns niemand beobachtet.

Das rationale Modell geht weiterhin davon aus, dass wir verschiedene Werte und Attribute auf einer gemeinsamen Skala vergleichen können. Doch eine solche Skala existiert nicht. Natürlich können wir Gehälter, eine kollegiale Arbeitsatmosphäre oder die geografische Nähe zur eigenen Familie als numerische Werte ausdrücken. Nur gaukeln wir uns dabei vor, dass diese Zahlen tatsächlich etwas bedeuten und Ausdruck einer gemeinsamen Grundlogik sind. Alle Entscheidungen sind schwierig und lassen sich nur selten auf Basis rigider Formeln treffen. Entscheidungen fallen uns unter anderem deshalb so schwer, weil sich eben nicht alles direkt vergleichen lässt.

Realität ist radikal unvorhersagbar

Zudem basiert das Modell auf der Annahme, dass wir unseren Entscheidungen korrekte Wahrscheinlichkeiten zuweisen können. Manchmal ist das tatsächlich der Fall – aber das Leben ist eben kein Roulettespiel, bei dem sich die Wahrscheinlichkeit für ein rotes oder schwarzes Feld statistisch berechnen lässt.

Die Realität ist radikal unvorhersagbar. Wir täuschen uns, wenn wir glauben, das Chaos in Zahlen bannen zu können. Wenn wir also nicht in der Lage sind, Wahrscheinlichkeiten zu quantifizieren, dann können wir auch den erwarteten Nutzwert einer Entscheidung nicht präzise berechnen.

Viele Menschen protestieren zu Recht gegen die sich immer weiter öffnende Einkommensschere. Wir sorgen uns um ungleiche Bildungschancen, auch das ist richtig. Wir sagen, dass manche Akteure im Finanzsektor von der bloßen Gier getrieben sind, und haben auch damit Recht.

Es gibt innerhalb des wirtschaftlichen Diskurses kaum Platz für solche Sorgen, doch jede davon ist zweifelsfrei rational. Je mehr die Sprache der Wirtschaft zur inoffiziellen Sprache unserer sozialen und politischen Institutionen wird, ­desto größer werden die eben beschriebenen Probleme. Wenn wir wirklich daran interessiert sind, für mehr Chancengleichheit und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu sorgen, dann brauchen wir eine weiter gefasste Definition von Rationalität. Auf die Logik der Wirtschaft dürfen wir nicht vertrauen.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Schmidt, Thomas Vasek, Deirdre McCloskey.

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

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