Alle Arten von kontemplativem Denken gehen verloren, während wir ständiger Ablenkung ausgesetzt sind. Nicholas Carr

„Rationalität ist kaum haltbar“

Warum fühlen sich Menschen bei zu viel Freiheit plötzlich eingeschränkt? Lars Mensel sprach mit dem Psychologen Barry Schwartz über Wahlmöglichkeiten, Entscheidungen im Alltag und unser Menschenbild nach der Wirtschaftskrise.

The European: Wie sind Sie dazu gekommen, Wahlhandlungen und Entscheidungen zu erforschen?
Schwartz: Zunächst habe ich mir jahrelang die Frage gestellt, wo der große Stellenwert herkommt, den die Idee des freien Marktes in der westlichen Hemisphäre genießt. Was denken die Leute, ist das Wunderbare an dieser Erfindung? Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Anziehungskraft der Idee vor allem aus dem Wunsch nach größtmöglicher Freiheit resultiert. Das ist das Tolle daran: Niemand erzählt dir, was du zu tun oder zu kaufen hast. Es gibt keinen Weg, sich in größerer Freiheit zu organisieren, scheint es. Das genau aber ist die Frage: Sind die Menschen wirklich freier durch diese Freiheit?
Vor mehr als zehn Jahren erschien eine Studie, die genau das Gegenteil behauptete: Gib den Menschen zu viele Wahlmöglichkeiten und anstatt frei zu sein, reagieren sie paralysiert. Es gab dann zahlreiche Folgestudien, die alle das Gleiche zeigten. Für mich war klar, dass das dem Konzept des freien Marktes gewissermaßen die Rechtfertigung entzieht. Denn selbst wenn man die Absicht hat, die Freiheit der Menschen zu vergrößern, scheint dies nicht der richtige Weg zu sein.

„Die bessere Entscheidung scheint um die Ecke zu liegen“

The European: Nun haben wir in der heutigen Zeit auch dank unseres Wohlstandes oftmals die Freiheit, nahezu alles zu tun, was wir wollen. Was ist die Schattenseite davon?
Schwartz: Zunächst sieht das natürlich alles ganz großartig aus und ich verstehe, dass Menschen diese Freiheit mit Enthusiasmus betonen. Allerdings stellt sich heraus, dass Menschen ziemlich ratlos dastehen, wenn man ihnen die uneingeschränkte Möglichkeit gibt, sich selbst zu erfinden. Und wenn sie dann handeln, dann nicht ohne ständig über die Schulter zu schauen und zu fragen, ob sie nicht gerade den falschen Schritt in Leben, Karriere oder Liebe getan haben. Sie plagen sich mit Zweifeln und sind ständig unzufrieden, weil die bessere Lösung nur eine andere Entscheidung entfernt hinter der nächsten Ecke zu liegen scheint. Ich denke, genau das zeigt sich bei den explosionsartig angestiegenen Therapien, die Menschen machen. In diesem Land, wo zur Freiheit auch noch Milch und der Honig fließen, scheint kaum einer wirklich zufrieden zu sein.

The European: Viele werden bestätigen können, dass uns selbst angeblich kleine Entscheidungen oft quälen. Ist die Erwartung, etwas aus unserem Leben zu machen, dahingehend eine Bürde?
Schwartz: Nicht nur etwas: etwas Spektakuläres soll es sein. Als die Möglichkeiten noch begrenzter waren, waren es auch die Erwartungen der Menschen. Man konnte ein bescheidenes Leben führen und sich damit gut fühlen. Das reicht jetzt nicht mehr: Warum mit einem bescheidenen Leben zufrieden sein, wenn alles möglich scheint? Ich glaube, es ist denkbar, dass die wirtschaftliche Misere der vergangenen Jahre das zu einem gewissen Grad umdreht und die Menschen wieder realistischere Erwartungen entwickeln. Damit das wirklich stattfindet, muss die negative Entwicklung aber wohl noch einige Jahre andauern. Ich wünsche uns natürlich keine lange neue Zeit der ökonomischen Tumulte und Leiden. Ich weise nur darauf hin, dass daraus auch Vorteile entstehen könnten.

The European: Die Wirtschaftskrise könnte also helfen, uns eine Lektion zu lehren – das, was man hat, mehr zu genießen?
Schwartz: Ja. Manchmal entstehen tolle Sachen aus tragischen Umständen heraus. Allerdings nicht automatisch. Solange die Menschen denken, dass morgen wieder alles besser wird, werden sie die Zeit absitzen und hoffen, möglichst bald das Leben leben zu können, das sie sich ausgemalt haben.

„Viele Entscheidungen nehmen wir nicht als solche wahr“

The European: In der „New York Times“ erschien ein Artikel über den Wissenschaftler Roy Baumeister, der von „Entscheidungserschöpfung“ schreibt. Seine Theorie ist, dass uns zu viele Entscheidungen müde machen und unsere Urteilskraft negativ beeinflussen.
Schwartz: Es handelt sich um das Phänomen, dass man Selbstdisziplin aufwenden muss, um etwas zu tun, was einem eigentlich eher unangenehm ist. Und wenn man das tut, dann ermüdet es im übertragenen Sinne die Muskeln. Wenn man es dann wieder tun muss, fehlt einem die Kraft. Wenn man 25 Kilometer gelaufen ist, hat man auch nicht ohne Weiteres die Energie für 25 weitere Kilometer. Man ist ausgebrannt. Baumeister denkt, dass dieses System auch für Aufgaben gilt, die uns Selbstdisziplin und -kontrolle abfordern. Ich finde das sehr plausibel: Wie wenn man mit den Kinder im Einkaufszentrum einkaufen geht, eine Entscheidung nach der anderen trifft und am Ende des Tages feststellt, dass man einige dumme Sachen entschieden hat, nur um fertig zu werden und nach Hause zu kommen.

The European: … was uns zu der übergeordneten Frage führt, wie viele Entscheidungen wir überhaupt treffen können. Auf der einen Seite sind da Erwartungen, auf der anderen Seite dieses Limit.
Schwartz: Ein weiterer Punkt von Baumeister ist, dass, wenn unsere Selbstdisziplin ein Art Muskel ist, man ihn auch stärken kann, indem man übt. Wenn das stimmt, sollte man deutliche individuelle Unterschiede sehen. Manche von uns können eine Vielzahl von Entscheidungen am Stück treffen, ohne nachzulassen. Das ist eine empirische Frage, zu der es meines Wissens nach keine eindeutigen Daten gibt. Unabhängig davon muss es bei so gut wie jedem einen Punkt geben, an dem er einfach keine weitere Entscheidung treffen kann. Viele Entscheidungen nehmen wir auch gar nicht als solche wahr. Zum Beispiel das Zähneputzen am Morgen.

The European: David Eagleman sagt, dass Entscheidungen mehrheitlich unbewusst ablaufen: Wir haben demnach alle einen Mechanismus im Hirn, der unsere Entscheidungen in gewisse Bahnen lenkt.
Schwartz: Das ist definitiv richtig. Man muss einfach an den Alltag denken: Man steht auf und wäscht sich. Eine Entscheidung? Nein. Man zieht Unterwäsche an, die Socken vor den Schuhen. Sind das Entscheidungen? Nein. Man fährt zur Arbeit. Überlegt man da, ob man an einer Stelle rechts oder links abbiegen muss? Sicher nicht. Natürlich sind das eigentlich alles Entscheidungen, aber sie sind so in den Habitus übergegangen, dass man sie automatisch erledigt. Das rettet uns. Wenn jede reale Wahlmöglichkeit uns eine Entscheidung abnötigen würde, wären wir schon am Ende, bevor wir das Haus verlassen haben.

„Wir müssen uns ernsthaft Gedanken darüber machen, wie wir Leute in die Verantwortung für ihre Entscheidungen nehmen“

The European: Selbst etwas so Triviales wie nach einem Glas Wasser zu greifen bedarf, wenn man genauer darüber nachdenkt, unzähliger Entscheidungen.
Schwartz: Ja. Dazu gibt es spannende Untersuchungen von einer Psychologin namens Hazel Markus. Sie hat erforscht, was in verschiedenen kulturellen Kontexten als Entscheidung gilt. Sie brachte Leute in ihr Labor, die darauf vorbereitet waren, an einer Studie teilzunehmen. Die eigentliche Untersuchung fand aber statt, sobald sie ankamen. Sie mussten entscheiden, wo sie sich hinsetzen, welchen Stift sie wählen und so weiter. Dann wurden sie gefragt, wie viele Entscheidungen sie getroffen hätten. Das Ergebnis war, das weiße Amerikaner dachten, wesentlich mehr Entscheidungen getroffen zu haben als Menschen aus Indien oder Japan. Die Art, wie wir wahrnehmen, ist also stark davon beeinflusst, aus welcher Kultur wir kommen. Und wenn das eine Kultur ist, die weniger Wahlmöglichkeiten kennt, dann werden Entscheidungen auch seltener als solche interpretiert.

The European: Unterscheidet sich die Vorstellung vom freien Willen auch zwischen den Kulturen?
Schwartz: Ich denke, das tut sie, kenne aber persönlich keine Forschung, die sich explizit mit dieser Frage befasst hat. Wir haben für unsere Forschung ein Menschenbild verwendet, das Leute als autonome Agenten ihrer Entscheidungen betrachtet. Wir müssen schließlich kaum etwas von dem tun, was wir tun. Deshalb sind wir natürlich auch dafür verantwortlich. Das ist das Bild, mit dem wir in unserem Alltag auch operieren. Deshalb verurteilen wir Leute, wenn sie etwas Schlechtes getan haben, sie loben, wenn es etwas Gutes war, Menschen ins Gefängnis stecken. Zum Teil ist das sicher eine Fiktion. Denn so klar sein muss, dass wir definitiv für viele unserer Entscheidungen unmittelbar verantwortlich sind, so sicher ist es, dass wir es für einige nicht sind. Unsere gesellschaftlichen Regeln und Institutionen haben sich einer solchen Sichtweise aber lange noch nicht angepasst, wie sie die moderne Psychologie nahelegt. In diesem Licht müssen wir uns ernsthafte Gedanken darüber machen, wie wir Leute in die Verantwortung für ihre Entscheidungen nehmen.

The European: Der klassische ökonomische Standpunkt ist der, dass die Entscheidungen, die Menschen treffen, Folge wohlüberlegter Abwägungen sind, die die wünschenswerteste Folge erwarten lassen. Wie beurteilen Sie das?
Schwartz: Nun, ich denke, diese Bild ist komplett falsch, denke aber auch, dass selbst die Ökonomen von Anfang an wussten, dass es das ist. Keynes, einer der führenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts, hat bezeichnenderweise von einer „Tiermentalität“ gesprochen. Hier ist also die Annahme von Rationalität und nutzenmaximierender Wahlhandlung und um die Ecke kommt Keynes und mit im Gepäck hat er ein Paket, das er Tiermentalität nennt. Wir könnten auch einfach Psychologie sagen. Und die hat einen enormen Einfluss, negiert quasi all die Prozesse von rationaler Überlegung, auf die die Ökonomen ihre Modelle gegründet haben. Das ist das Geheimnis der Ökonomen. Sie haben Modelle entworfen, die von Rationalität ausgehen, obwohl sie wussten, dass diese Annahmen kaum haltbar sind. Was sie gehofft haben, war, denke ich, ist, dass die Irrationalitäten derart gelagert sind, dass sie sich gegenseitig ausgleichen. Da Ökonomen nicht daran interessiert sind, vorherzusagen, was der Einzelne tut, sondern was der Markt als Ganzes tut, stören Ausreißer im Verhalten nicht, solange sie nur willkürlich auftreten. Gerade das hat Keynes aber abgelehnt, dass es willkürlich ist. Die Blase auf dem amerikanischen Wohnungsmarkt, vermutlich der Hauptgrund für die aktuelle Wirtschaftskrise, war wohl kaum ein Zufallsprodukt. Jedes Mal, wenn eine platzt, ist das ein ganz realer Stachel im Fleisch der auf Rationalität gegründeten Modelle, die die Ökonomen entworfen haben.

„Eine andere Person auf dem ein oder anderen Chefsessel hätte uns einiges ersparen können“

The European: Interessanterweise scheinen die Ökonomen trotzdem noch immer jedes Mal überrascht zu sein.
Schwartz: Manche haben es kommen sehen, ihnen hat aber niemand zugehört. Alan Greenspan, ehemaliger Präsident der amerikanischen Notenbank FED, den jeder für einen Guru hielt, dessen Worte als in Stein gemeißelt galten, hat, als die Krise kam, vor dem US-Kongress gesagt: „Jeder braucht eine Weltsicht. Die Sicht, mit der ich operiert habe, war, dass Menschen rationale Entscheider sind. Ich lag falsch.“
Diese Erkenntnis hat uns allerdings wenig gebracht, weil Greenspan da schon keine Macht mehr hatte. Hätte er das eingesehen, als er noch die Entscheidungen getroffen hat, wäre uns der ganze Schlamassel vielleicht erspart geblieben. Es gab durchaus Gelegenheiten für die Leute an der Spitze der großen Finanzinstitute, uns davor zu bewahren. Aber immer leichtfertigere Kreditvergabe, immer weniger Regulierung – all das, was nur dann sinnvoll wäre, wenn Leute wirklich rational handeln würden, ihrem eigenen Wohl folgen und im Resultat Ergebnisse erzielen würden, die zum Wohle aller wären. Eine andere Person auf dem ein oder anderen Chefsessel hätte uns einiges davon ersparen können.

The European: Was sollten wir neben unserem Menschenbild überdenken?
Schwartz: Vor einiger Zeit habe ich vorgeschlagen, dass wir in den USA parallel zu dem bereits existierenden Gremium aus Wirtschaftsweisen eines mit Psychologen einrichten sollten. Die Ökonomen flüstern dem Präsidenten ins rechte Ohr, die Psychologen sollten ihm ins linke flüstern. Das könnte im Endeffekt dazu führen, dass Politik auf einem realistischeren Menschenbild fußt.

The European: Rat von jemandem, der nicht nur auf das Bruttoinlandsprodukt schielt?
Schwartz: Das BIP hat zwei Vorteile: Erstens, es ist relativ leicht messbar. Wenn man dagegen daran interessiert ist, Wohlbefinden zu messen, ist das deutlich schwerer. Das ist ein bisschen wie in dem alten Witz, wo ein Betrunkener unter einer Straßenlaterne nach seinem Autoschlüssel sucht, nicht weil er ihn dort verloren hat, sondern weil dort das Licht ist: Man misst, was man kann und gibt vor, dass es das wäre, was man benötigt. Der zweite Vorteil ist, zumindest nach Meinung der Ökonomen, dass Wohlstand ein guter Indikator für fast alles andere ist. Je mehr Geld man also hat, so die Annahme, desto mehr kann man sich auch jene Dinge leisten, die man wertschätzt, egal was sie sind. Deshalb soll das BIP auch etwas über das Pro-Kopf-Wohlbefinden aussagen. Das ist keine völlig verrückte Annahme, aber ich denke, sie ist falsch. Wir brauchen Leute, die auch andere Faktoren beachten.

The European: Liegt das an der Unzulänglichkeit der Menschen, Entscheidungen zu treffen?
Schwartz: Richard Thaler und Cass Sunstein haben ein Buch verfasst mit dem Titel „Nudge“. Ich gebe ihnen ein Beispiel daraus, das die Organspende betrifft: Wenn Leute in den USA ihren Führerschein erneuern, werden sie in vielen Staaten gefragt, ob sie willens sind, im Fall eines Unfalls ihre Organe zu spenden. In den USA sind 98 Prozent der Menschen für die Organspende, aber nur 25 Prozent sind wirklich Spender. In vielen europäischen Ländern sind nahezu alle Menschen Spender. Woher kommt diese Differenz? Die Antwort ist, dass man in diesen europäischen Ländern per se als Organspender gilt, wenn man dagegen keinen Einspruch erhebt. Man hat also noch immer die freie Wahl, aber wenn man nichts tut, dann ist man ein Spender. In den USA ist das genau andersherum, man muss selbst aktiv werden, um ein Spender zu sein. Wenn wir das über die Menschen wissen, müssen wir viele Dinge in der Gesellschaft so entwerfen, dass das gewünschte Ergebnis häufiger als Resultat herauskommt. Wir könnten beispielsweise Rentensysteme so entwerfen, dass die Leute, wenn sie nichts tun, in das System automatisch einzahlen, anstatt dass wir von ihnen erwarten, sich aktiv dafür zu entscheiden.

„Man kann Menschen den Weg weisen“

The European: Das erinnert ein bisschen an die Debatte im Gesundheitssektor.
Schwartz: Absolut. Die Leute denken, das sei manipulativ – aber das ist jedes System im Endeffekt. Also warum sollten wir nicht zum Wohl der Leute manipulieren, sondern andersherum?

The European: Sie sagen also nicht, wir sollten die Freiheit der Menschen beschneiden, sondern sie gewissermaßen in die richtige Richtung stupsen?
Schwartz: Der springende Punkt ist, dass man in vielen Situationen nicht erzwingen sollte, dass Leute dies oder jenes tun. Man kann ihnen aber die richtige Richtung weisen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit geben, aktiv zu sagen: „Da mache ich nicht mit.“

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