Mein Instinkt verbietet mir Stellungnahmen. Helge Schneider

„Ich hoffe, dass Deutschland seiner Verantwortung nachkommt“

Barry Eichengreen untersucht die Geschichte der Finanzmärkte. Mit Martin Eiermann spricht er über historische Parallelen zur heutigen Krise und was er in einen Ratgeber für Zentralbanker schreiben würde.

The European: Herr Eichengreen, welche Erkenntnisse können wir aus vergangenen Wirtschaftskrisen für die heutige ziehen?
Eichengreen: Nicht alle Krisen sind gleich. Zunächst ist es wichtig zu verstehen, welche Auswirkungen vergangene Krisen auf die Situation heute haben und zwischen alten und neuen Problemen zu unterscheiden. In den USA wird momentan darüber gestritten, ob es eher die Krise 1920-22 oder eher die von 1929-31 ist, die mit der heutigen vergleichbar ist.

The European: Welchem Lager gehören Sie an?
Eichengreen: Für mich ist 2008-10 mit 1929-31 vergleichbar – 1920-22 war etwas ganz anderes!

The European: Warum?
Eichengreen: Der Abschwung 1920/21 – genau wie die Rezession 1980/81 – wurde durch eine Geldverknappung der FED ausgelöst, die damit die Inflation bekämpfen wollte. Ganz anders 1929-31 und 2008-10: Da gab es tiefer liegende, ökonomische Ungleichgewichte. Die Wirtschaft hat sich nach 1920/21 schnell vom Abschwung erholt, obwohl es nicht mal Impulse über Geld oder Fiskalpolitik gab.

The European: Was brachte dann den Aufschwung?
Eichengreen: Das lag an dem verspäteten Aufschwung des Seefrachtgeschäfts nach Ende des Ersten Weltkriegs und der daraus resultierenden Möglichkeit, billig Waren für die US-Produktion importieren zu können. Aus der Krise 1920-22 schließen zu wollen, dass sich Wirtschaft nach einem schweren Abschwung sofort wieder erholen könnte, ist abwegig.

The European: Was schlagen Sie für die aktuelle Krise vor?
Eichengreen: Als Erstes sollte man die historischen Analogien auf ihre Tauglichkeit überprüfen, so wie John F. Kennedy es tat, als er über die Reaktionen auf die Kuba-Krise nachdachte. Und nicht so wie Harry Truman, als der entschied, in Korea zu intervenieren.

„Man kann keine zwei Vögel mit einer Patrone schießen“

The European: Ben Bernanke hat zur Weltwirtschaftskrise 1929-31 geforscht, bevor er FED-Chef wurde. Wie hat das seine Reaktionen auf die Krise 2008 beeinflusst?
Eichengreen: Bernankes Forschung und Studium halfen ihm, die Wichtigkeit der Zentralbank als Kreditgeber letzter Instanz zu sehen. Es hat ihn außerdem wachsam für Probleme im Bankensystem gemacht – die Versäumnisse der Banken in den 1930er-Jahren waren ein zentraler Punkt von Milton Friedmans und Anna Schwartz’ einflussreichem „Monetary History of the United States“ (1963). Aber diese Fokussierungen der FED haben auch dazu geführt, dass bis kurz vor Schluss die Probleme des Schattenbankensystems vernachlässigt wurden. Die wurden erst nach dem Scheitern von Lehman Brothers angegangen. Das zeigt auch, was „Lehren aus der Geschichte“ bedeuten können: In den 1930ern gab es eben kein gleichsam bedeutendes Schattenbankensystem.

The European: Einige Ursachen für die heutige finanziell angespannte Situation sind neu – denken Sie zum Beispiel an den Einfluss der Währungsunion auf Europas wirtschaftliche Stabilität. Wie können Regierungen mit Situationen umgehen, für deren Lösung es keine Blaupause gibt?
Eichengreen: Auch wenn es keine historischen Parallelen gibt, existieren eventuell hilfreiche Analogien. Der zwischen den Weltkriegen eingeführte Goldstandard unterscheidet sich vom Euro dahingehend, dass die Länder in den 1920er- und 1930er-Jahren weiter ihre Währungen behielten. Aber es gibt wichtige Übereinstimmungen darin, wie diese Systeme funktionieren. Beide erzeugten die Illusion, dass das Wechsel- und Kredit-Risiko eliminiert wäre. Beide traten große Kapitalströme von einer Hälfte Europas in die andere los. Man wünscht sich, diese jüngere Geschichte wäre prominenter in den Köpfen der Entscheider von 2010 verankert gewesen.

The European: Würden Sie einen Ratgeber für Zentralbanker und Finanzminister schreiben, welcher neue Rat müsste unbedingt hinein?
Eichengreen: Als erstes: Dieses Buch muss laufend aktualisiert werden. Die Struktur der Wirtschaft und des Finanzsystems unterliegt einer ständigen Veränderung, also muss auch der Ratgeber laufend umgeschrieben werden. Finanzministern würde ich sagen: „Verschießen Sie nicht all Ihr Pulver!“ Die Krise sollte uns daran erinnern, dass Regierungen in guten Zeiten einen Überschuss erwirtschaften sollten, damit sie in schlechten Zeiten ein Defizit vertragen.

The European: Und den Zentralbankern?
Eichengreen: Zentralbankern würde ich raten: „Verschiedene Ziele benötigen verschiedene Werkzeuge“. Zentralbanken sind nicht nur für Preisstabilität, sondern auch für finanzielle Stabilität verantwortlich. Um zwei Ziele auf einmal zu erreichen, braucht man zwei Werkzeuge, genauso wie man keine zwei Vögel mit einer Patrone schießen kann – außer man hat sehr viel Glück. Zentralbanken verwenden dafür Zinsraten und makroprudenzielle Regeln. Die Herausforderung für Zentralbanken ist es, Letztere mit konkreten Schritten zu füllen.

„Leider hat Deutschland nicht mit ähnlicher Vehemenz zugestimmt“

The European: Sie argumentieren, dass „Erfolg die Mutter des Scheiterns“ sein kann. Nachdem die ersten Versuche, das kriselnde Finanzsystem zu stärken, erfolgreich waren, wurden ernst zu nehmende Reformen zugunsten von Sparpolitik aufgegeben. Welche Reformen hätten Sie sich gewünscht?
Eichengreen: Folgende drei: Banken deutlich größere Kapitalreserven vorzuschreiben, derivative Wertpapiere an die Börsen zu zwingen, und die Rating-Agenturen aus dem Gesetzgebungsprozess herauszuhalten – ihre Einschätzungen waren oft unzuverlässig.

The European: Sie setzten sich für „unkonventionelle“ Finanzpolitik ein, um unbekannte Umstände in den Griff zu bekommen. Gilt das auch für die Vorschläge der griechischen Syriza-Regierung, die Schuldenlast zu reduzieren?
Eichengreen: Die bestehenden Verpflichtungen gegen Anleihen einzutauschen, die an das BIP-Wachstum gekoppelt sind, ist eine exzellente Idee. Sie bewirkt, dass die Schuldner nur dann Geld bekommen, wenn es der griechischen Wirtschaft gut geht – und die Schulden tatsächlich bedient werden können.

The European: Wo sehen Sie Griechenland in der nahen Zukunft? Innerhalb der Euro-Zone oder außerhalb? Die Schulden bedienend oder als Nutznießer eines Schuldenschnitts?
Eichengreen: Griechenland hat deutliche Absichten geäußert, in der Euro-Zone bleiben zu wollen. Leider hat Deutschland nicht mit ähnlicher Vehemenz zugestimmt. Griechenland und seine Schuldner müssen einen Kompromiss finden, wenn das passieren soll. Es geht also um Prioritäten. In nächster Zeit braucht Griechenland weiterhin das Programm der Troika – oder wie man sie auch nennen mag – und gleichzeitig die Erlaubnis, zumindest einen ausgeglichenen Haushalt erwirtschaften zu dürfen. Schuldentilgung wird ein Problem, wenn die Zinsenrückzahlung der offiziellen Schulden in einigen Jahren beginnt. Darum muss man sich jetzt aber noch keine Sorgen machen.

„Was bewirkt eine sich hinziehende Wirtschaftskrise für politische Systeme?“

The European: Wie beurteilen Sie die Rolle Deutschlands seit 2008? Nur wenige wichtige fiskalische Entscheidungen werden in Europa ohne deutsche Unterstützung getroffen. Hat die Regierung Merkel ihren Einfluss klug genutzt?
Eichengreen: Ich hätte es schön gefunden, wenn Deutschland mehr zu einem Ausgleich innerhalb Europas beigetragen hätte. Wenn Südeuropa mehr exportieren muss, dann hätte es geholfen, wenn Nordeuropa mehr importiert – und Deutschland sich um seinen chronischen Überschuss gekümmert hätte. Wenn Südeuropa seine Löhne relativ senken muss, dann hätte es geholfen, wenn Deutschland seine Löhne relativ erhöht – dann wäre eine Deflation auch nicht infrage gekommen. Ich hoffe noch immer, dass Deutschland seiner Verantwortung nachkommt.

The European: Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat das Wort von der „Risikogesellschaft“ geprägt, in der bestimmte Quellen von Instabilität und Krise die Stabilität moderner Gesellschaften bedrohen. Stimmen Sie seiner Einschätzung zu, dass uns heute systemische Risiken in historisch unübertroffenem Maße bedrohen?
Eichengreen: Finanzsysteme waren immer riskant und zerbrechlich zugleich. Das Problem ist, dass ein zunehmender Anteil der Bevölkerung vom Finanzsystem abhängig ist – anders als vor 200 Jahren. Die Ära der modernen Demokratien fiel mit einer 250-jährigen Periode relativ konstanten Wirtschaftswachstums zusammen. Wir haben hinreichend über die gesellschaftlichen Konsequenzen von Rezession und Stagflation gesprochen, aber was bewirkt eine sich hinziehende Wirtschaftskrise für politische Systeme?

The European: Haben Sie eine Idee?
Eichengreen: Es gibt jede Menge Hinweise, dass eine solche Krise – wenn man sich nicht um sie kümmert – Demokratien gefährdet. In den 1930er-Jahren erlebten wir den Aufstieg systemfeindlicher linker und rechter Parteien. Das passiert heute wieder, die Folgen liegen auf der Hand.

Zuletzt auf deutsch von Barry Eichengreen erschienen
Das Ende des Dollar-Privilegs: Aufstieg und Fall des Dollars und die Zukunft der Weltwirtschaft
ISBN: 9783864700071
Börsenbuchverlag
Buchcover

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