Manche verwechseln Colgate mit Golgotha. Karl Lehmann

„Kristina Schröder macht sich überflüssig“

Seit Jahren investiert Deutschland Milliarden in die Familien. Mehr Kinder gibt es trotzdem nicht. Julia Korbik sprach mit der Autorin Barbara Vinken über das Betreuungsgeld und was Luther mit unserem Mutterbild zu tun hat.

The European: Frau Vinken, die französische Philosophin Elisabeth Badinter ist entsetzt: In ihrem 2010 erschienenen Buch „Der Konflikt – die Frau und die Mutter“ befürchtet sie, die französischen Mütter könnten wie die deutschen werden. Was genau ist an deutschen Müttern denn so schlimm?
Vinken: In Deutschland glauben die Mütter immer noch, dass sie zwischen Kind und Karriere wählen müssen. Entweder keine Kinder, dann ist man nicht ganz Frau, oder keine Karriere, dann ist man nur Frau.

The European: Und das ist ein Problem.
Vinken: Das ist objektiv ein Problem. Erstens haben wir wenige weibliche Karrieren, zweitens den zweitgrößten Verdienstunterschied in Europa zwischen Männer und Frauen – immerhin vor Zypern – und drittens im europäischen Vergleich auch noch sehr, sehr wenige Kinder.

The European: In Kristina Schröders Buch „Danke, emanzipiert sind wir selbst – Abschied vom Diktat der Rollenbilder“ sehen Sie ein Plädoyer für die Abschaffung des Familienministeriums. Warum sollte Schröder denn ihr eigenes Ministerium abschaffen wollen?
Vinken: Intentional will sie das natürlich nicht. De facto macht sie aber ihr eigenes Ministerium überflüssig, weil sie sagt: Wir brauchen keine Leitbilder, wir brauchen eigentlich auch gar keine Familienpolitik. Jeder kann für sich selbst entscheiden und es so machen, wie er/sie will, denn das ist alles Privatsache. Und wenn das so ist brauche ich kein Familienministerium mehr. Natürlich will Frau Schröder das Familienministerium nicht tatsächlich abschaffen. Aber da sie keine politische Vision hat und nicht versteht, dass es um Strukturen und nicht um private Entscheidungen geht, läuft es darauf hinaus.

„Das Betreuungsgeld finanziert einen längeren Ausstieg aus dem Beruf“

The European: Wie äußert sich denn Frau Schröders nicht-vorhandene politische Vision?
Vinken: Sie glaubt eben an das selbstbestimmte Individuum des deutschen Idealismus, welches völlig aus sich selbst heraus unabhängig von aller kultureller Prägung authentische Entscheidungen treffen kann, alle Freiheiten hat. Schröder versteht nicht, dass man Leitbilder nicht abschaffen kann – ein Konzept, das eben gegen diese Vorstellung des deutschen Idealismus entwickelt worden ist. Politik zu machen, heißt Strukturen zu verändern.

The European: Dabei könnte Kristina Schröder doch ein Vorbild sein, gerade für junge Frauen: Sie ist jung, erfolgreich und kriegt Nachwuchs und Job scheinbar problemlos unter einen Hut.
Vinken: Ja, das könnte sie, will es aber nicht, weil jeder seinen eigenen Weg finden soll. Ihrer Meinung nach kann jede und jeder frei entscheiden und machen, was sie/er will. Das ist nun in Deutschland eine besonders absurde Annahme, weil es überhaupt nicht genug Krippenplätze gibt.

The European: 2013 wird das Betreuungsgeld eingeführt, für das Kristina Schröder sich sehr eingesetzt hat. Kritiker bezeichnen die Maßnahme gerne als „Herdprämie“ – aber ist mehr Wahlfreiheit für Mütter nicht etwas Positives? Sich entscheiden zu können zwischen der Betreuung zu Hause oder in einer Kita?
Vinken: Statistiken, von denen ich sehr hoffe, dass Frau Schröder sie gelesen hat, zeigen deutlich das Problem: In Deutschland, und darüber gibt es keinen Dissenz, fallen die weiblichen Karrieren nach einem längeren Berufsausstieg – d.h. länger als ein Jahr – hinter denen der Männer deutlich zurück. Das Gleiche gilt für die Teilzeitarbeit: Viel mehr Frauen als Männer arbeiten in Teilzeitarbeit. Das Betreuungsgeld finanziert einen längeren Ausstieg aus dem Beruf, kein Wiedereinstieg in Sicht. Man kann nicht Karriere machen und gleichzeitig jahrelang zu Hause bleiben. Darin zeigt sich derselbe Mangel an strukturellem Denken.

The European: Wirkliche Wahlfreiheit haben deutsche Mütter und Frauen also auch durch das Betreuungsgeld immer noch nicht.
Vinken: Die Frage ist doch, was wir unter Wahlfreiheit verstehen. Natürlich können Sie unbenommen bei Ihren Kindern bleiben, natürlich können sie unbenommen und seit 1974 auch ohne die Erlaubnis des Ehemannes arbeiten gehen. Wir leben in einem freiheitlichen Staat, der uns hier nichts vorschreibt. Frauen müssen nicht arbeiten, wenn sie und ihre Männer das nicht möchten und sie es sich leisten können. Die Frage ist also einzig, welches Verhalten wie gefördert wird. Die deutsche Politik finanziert mit erheblichem Aufwand vor allen Dingen eines: den Ausstieg der Ehefrau aus dem Berufsleben durch Ehegattensplitting, Versicherungsregeln und so weiter. Das sind strukturelle Maßnahmen. Ein erster Schritt in Richtung einer anderen Familienpolitik ist das Elterngeld und der juristisch durchsetzbare Anspruch auf einen Krippenplatz.

„Das Geld ist einfach strukturell dumm investiert“

The European: Sie haben das Problem der Wahlfreiheit anfangs schon erwähnt und beschreiben es auch in Ihrem 2001 erschienenen Buch „Die deutsche Mutter – Der lange Schatten eines Mythos“: Frauen, so Ihre These, müssen sich in Deutschland immer noch zwischen Kind und Karriere entscheiden. Hat sich da in den letzten elf Jahren etwas getan?
Vinken: Das 2007 eingeführte Elterngeld im Tandem mit mehr Krippenplätzen war eine Wende. Es ist eine strukturelle Maßnahme, die es Leuten ermöglicht, nach einem Jahr wieder auf den Arbeitsmarkt zu gehen. Außerdem fängt es die finanziellen Einbußen auf, die normalerweise mit der Geburt eines Kindes für eine berufstätige Frau entstehen.

Eine andere Maßnahme, die zu einer Wende in der deutschen Familienpolitik geführt hat, war das Kinderförderungsgesetz, also der geplante Kita-Ausbau. Da hat man gesagt: Wir wollen den Leuten wirklich die Möglichkeit geben, ihre Kinder in Krippen zu geben und wir wollen diesen Anspruch juristisch durchsetzbar machen. Diese Wende wird jetzt durch die Einführung des Betreuungsgeldes nicht konsequent fortgeführt. Im Gegenteil.

The European: Momentan wird über das von Ihnen gelobte Elterngeld gestritten: Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, würde es am liebsten wieder abschaffen.
Vinken: Das große Problem der deutschen Familienförderung ist, dass man de facto ein bestimmtes Gesellschaftsmodell präferiert und dieses auch ausgiebig fördert: das nämlich der eher wenig oder gar nicht verdienenden Ehefrau. Das kann in Ausnahmefällen auch der Ehemann sein. Dabei ist es sogar egal, ob Kinder da sind oder nicht. Dieses Gesellschaftsmodell wird extrem steuerlich begünstigt. Ein Familienmodell, in dem beide Eltern gleichwertig Zugang zu Karrieren haben und trotzdem Kinder kriegen können, wird hierzulande nicht gefördert, weil man sich nicht auf ein solches Modell einigen kann. Stattdessen finanzieren wir immer ungefähr sieben verschiedene Modelle, wobei das Ehegattensplitting der größte Kostenpunkt ist. Durch dieses Splitting werden viele progressive familienpolitische Maßnahmen ineffektiv.

The European: Was genau macht das Ehegattensplitting denn zu so einem großen Ärgernis?
Vinken: Dieses Modell ist immer dann interessant, wenn der eine Ehepartner gar nichts oder nur sehr wenig verdient. Das heißt, wenn es eine große Differenz zwischen dem Einkommen, normalerweise des Mannes, und dem Einkommen der Frau gibt. Es verstärkt die Hierarchie im Paar – und finanziert diese Hierarchie sogar noch.

The European: A propros finanzieren: Der deutsche Staat investiert jährlich 195 Milliarden Euro in familien- und ehebezogene Leistungen, von denen es über 150 Stück gibt. Zwei Hauptziele der Familienpolitik – Steigerung der Geburtenrate und höhere Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern – werden dadurch nicht erreicht: Die Geburtenrate liegt konstant bei niedrigen 1,3 und die Erwerbsrate von Müttern mit Kindern unter drei Jahren ist ebenfalls niedrig. Viel hilft also nicht immer viel?
Vinken: So ist es. Das Geld ist einfach strukturell dumm investiert.

The European: Wie müsste man es denn strukturell sinnvoll investieren?
Vinken: Das Ehegattensplitting, eine reaktionäre und überholte Maßnahme, müsste durch ein Familiensplitting ersetzt werden. Davon würden kinderreiche Familien, aber natürlich auch unverheiratete Leute mit Kindern, von denen es immer mehr gibt, richtig und gerecht unterstützt und die beiden Erwachsenen gleichberechtigt behandelt.

„Maria war eine herrenlose Frau“

The European: Länder mit hoher Erwerbsbeteiligung von Frauen, wie Frankreich oder Schweden, weisen häufig auch eine hohe Geburtenrate auf. Wo besteht da der Zusammenhang?
Vinken: Nicht nur eine höhere, sondern eine sehr viel höhere Geburtenrate! Und sehr viel bessere weibliche Karrieren. Das ist eben der ganze Clou, ein erstaunlicher Punkt, den man hierzulande politisch umsetzen sollte: Studien zeigen, dass in Ländern mit höherer Geschlechtergleichheit mehr Kinder geboren werden. Länder, in denen Löhne und Karriereverläufe von Männern und Frauen relativ ähnlich sind, wo der Gender Pay Gap nicht so grotesk hoch ist wie in Deutschland und wo auch Mütter Chancen auf eine Karriere haben – in diesen Ländern werden mehr Kinder geboren. Wenn Sie wissen, dass Sie beides haben können – ein erfülltes Berufsleben und Kinder und sich nicht dazwischen entscheiden müssen –, dann ist die Bereitschaft, Kinder zu bekommen, hoch. Hierzulande ist dies jedoch schwer vermittelbar.

The European: Die Familie, Kern der Familienpolitik, hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Die „Instanz“ oder „Institution“ Familie gibt es so nicht mehr, weshalb sich auch die Rolle der Frau und Mutter geändert hat – eigentlich. Warum halten wir Deutschen trotzdem so sehr an dem traditionellen Mutterleitbild fest?
Vinken: Ehrlich gesagt versteht das kein Mensch mehr und finanziell ist es auch nicht mehr zu tragen. Gut, wir haben das Ehegattensplitting, dafür mittlerweile aber nicht mehr die Unterhaltspflicht nach der Scheidung. Es werden aber in deutschen Städten fast 50 Prozent der Ehen geschieden – auf‘s Ganze gesehen gut 30 Prozent. Die landesübliche Arbeitsteilung ist ein high risk business geworden: Eine Frau arbeitet wegen der Kinder nur halbtags in ihrem Job oder legt wegen der Familie nicht so viel Wert auf ihre Karriere, mit 40 wird sie geschieden, hat keinen Anspruch auf Unterhalt und ihr Lebensstandard stürzt in den Keller. Das Gesetzsystem passt überhaupt nicht mit dem Leitbild der Teilzeit- oder nichtberufstätigen Mutter zusammen.

The European: Sie sehen im Protestantismus, d.h. in der Reformationsbewegung, den Ausgangspunkt für das heutige deutsche Mutterbild. Das müssen Sie erklären, eigentlich ist doch die katholische Kirche die mit dem konservativen Weltbild und der heiligen Jungfrau Maria.
Vinken: Naja, Maria war ja eigentlich eine herrenlose Frau. Der Protestantismus ist der ganz entscheidende Einschnitt und zwar deswegen, weil die Frau darauf festgelegt wurde, Ehefrau und Mutter zu sein. Vorher konnte sie z.B. als Äbtissin oder Nonne, als sponsa christi (Braut Christi, Anm. d. Red.), unabhängig von der Institution Ehe leben. Die Reformation hat dazu geführt, dass die vorrherschende Trennung zwischen dem Raum der Familie – dem Raum der Welt – und der Kirche – dem Raum des Heils – zusammenbrach: Mit dem Protestantismus wurde die Familie zum Raum des Heils und die Mutter der Engel der Liebe.

Den Eltern, das sagt Luther ganz explizit, kam somit die Aufgabe zu, die „rasende Lust des Fleisches“ dadurch zu sühnen, dass sie wenigstens die Seelen der im sündigen Fleisch gezeugten Kinder wieder zu Gott führten. Die Familie als Raum des Heils stand von da an gegen die korrumpierte Welt. In katholischen oder post-katholischen Ländern ist das ganz anders, weil da die Familie logischerweise auf der Seite der Welt steht. Auf der Seite des Heils stehen die Kirche, die Klöster.

The European: Das 20. Jahrhundert wird oft als das „Jahrhundert des Kindes“ bezeichnet. Wie hat dies das deutsche Mutterbild beeinflusst, also auch das Bild der Mutter in der Familie?
Vinken: Natürlich ganz entscheidend. Die Familie ist vor allem in protestantisch geprägten Ländern ein Säkularisat. Aus dem Raum des Heils ist der Raum des Menschlichen schlechthin geworden, der gegen eine kalte Karrierewelt steht: Raum der Liebe gegen herzlos egoistische, ausbeuterische Welt. Und der Garant für dieses Wachsen-Können des Menschlichen ist die Figur der Mutter, die bedingungslos liebt und immer für die ihren da ist.

The European: Wie macht sich diese Auffassung bei unserem heutigen Mutterbild bemerkbar?
Vinken: Die Berufung zur Mutter ist mit einem Beruf nicht zu verbinden. Kinder und Karriere werden als sich ausschließende, oder nur in Ausnahmefällen vereinbare Optionen eingeschätzt. Nur wenn man keine Kinder hat – darin sind sich Leuten mit und ohne Kinder einig – kann man ganz im Beruf aufgehen. Deshalb optieren viele Frauen in Deutschland für die Kinderlosigkeit.

„Es ist an der Zeit, unsere vierzigjährige Verspätung aufzuholen“

The European: Was kann Politik in diesem Zusammenhang denn überhaupt machen, um Leitbilder zu beeinflussen?
Vinken: Ich weiß gar nicht, ob sie Leitbilder beeinflussen muss. Auf jeden Fall kann sie sie aber auch nicht abschaffen – die sind einfach da und beeinflussen unsere Entscheidungen und unser Verhalten. Politik kann strukturelle Maßnahmen setzen. Es war eine strukturelle Maßnahme, das Elterngeld einzuführen. Es ist eine strukturelle Maßnahme, mehr Leuten die Möglichkeit zu geben, ihr Kind in einer Krippe unterzubringen; es wäre eine strukturelle Maßnahme, das Ehegattensplitting abzuschaffen und durch ein Familiensplitting zu ersetzen. Soetwas sind Dinge, die die Leute in die Situation setzen, tatsächlich gleichberechtigte Karrieremöglichkeiten zu haben.

The European: In Ostdeutschland gibt es immer noch mehr Kitas als in Westdeutschland, auch gehen dort mehr Mütter mit kleinen Kindern arbeiten. Hat man also in den beiden Teilen Deutschlands immer noch verschiedene Auffassungen von Mutterschaft? Müssen wir die DDR zurückholen?
Vinken: Man hat tatsächlich immer noch verschiedene Auffassungen von Mutterschaft. Die deutsche Mutter, die nur für ihre Kinder da ist, war natürlich eine Waffe im kalten Ideologiekrieg. Wie ein Bollwerk stand die westdeutsche Mutterbild gegen die lieblose Kollektiverziehung in der DDR: warme Liebe gegen die kalte Sterialität, wo die Kinder zur selben Zeit brutal auf’s Töpfchen gesetzt und erbarmungslos stubenrein wurden.

Mit der Wiedervereinigung hat das westdeutsche Modell gewonnen. Oder man könnte auch sagen: Es hat zwar gewonnen, aber erst jetzt ist die Chance auf eine Veränderung dieses Bildes gegeben. Die deutsche Mutter ist nicht mehr dazu verdammt, in dieser Kalte-Krieg-Front-Feststellung zu verharren. Wir müssen die DDR nicht zurückholen, aber es steht außer Frage, dass die DDR eine europäischere Familienpolitik betrieben hat als die alte Bundesrepublik. Es ist an der Zeit, unsere vierzigjährige Verspätung aufzuholen, damit es auch hierzulande für Frauen normal wird, Kinder und einen erfüllenden Beruf zu haben.

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