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„Es wird eine dritte Intifada geben“

Der israelische Publizist und Ex-Knesset-Sprecher Avraham Burg sieht eine radikale Intifada gegen Israel aufziehen – ohne Gewalt. Im Interview mit “The European” erklärt er, wer der Mahatma Gandhi der Palästinenser wird, warum Israel einen nuklearen Iran dulden soll – und Obama ein guter Schweigersohn wäre, aber ein schlechter Politiker ist. Das Gespräch führte Fabian Löhe.

The European: Israel hat den Bau weiterer Siedlungen ausgerechnet während des Besuchs von US-Vizepräsident Joe Biden angekündigt und so die israelisch-amerikanischen Beziehungen schwer belastet. Wird sich US-Präsident Barack Obama je von dieser Blamage erholen?
Burg: Die Biden-Krise ist nicht nur beschämend, sondern auch dumm. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat sich für das Timing entschuldigt. Als wenn er keine exakte Schweizer Uhr, sondern lediglich eine japanische hätte, bei der die Batterien leer sind. Dabei hat das Timing etwas Symbolisches. Es zeigt, dass wir uns nicht um die öffentliche Meinung der Welt scheren. Und es zeigt: Obama ist schwach. Er ist zwar rhetorisch brillant, zeigt aber – zumindest bislang – eine erbärmliche Amtsführung. Ich würde mir zwar wünschen, dass dieser Mann meine Tochter heiratet, aber er sollte lieber nicht der Führer der freien Welt sein.

The European: Was hat er denn falsch gemacht?
Burg: Er hat einen völligen Siedlungsstopp verlangt und dass kein weiterer Millimeter in den besetzten Gebieten bebaut wird. Das aber ist nicht durchsetzbar. Denn es kratzt Israel kein bisschen, was Obama sagt. Und so wird er immer weniger relevant. Dabei geht es eigentlich gar nicht darum, ob wir das Recht haben, in Ost-Jerusalem zu bauen. Es geht darum, ob das klug ist. Denn wenn man dort baut, lässt man die 500 Leute, die dann dort wohnen, die Zukunft des gesamten Nahen Ostens bestimmen.

“Dies wird nun die Gandhi-Intifada werden – eine gewaltlose Intifada”

The European: Das klingt, als rechneten Sie mit einer Eskalation. Kommt es zu einer dritten Intifada?
Burg: Wir stecken sehr tief drin in der Misere, und es sieht schlimm aus. Ich denke, es wird eine dritte Intifada geben, und es wird die härteste Intifada werden, die Israel je erlebt hat. Die erste Intifada war eine mit Steinen, die zweite eine mit Selbstmordattentätern. Dies wird nun die Gandhi-Intifada werden – eine gewaltlose Intifada.

The European: Wie bitte?
Burg: Sobald sich die Palästinenser dem Terror zuwenden, fragt sich die Welt, wie man diesen Leuten trauen kann. Dadurch bekommt Israel natürlich Glaubwürdigkeit. Aber in dem Moment, wo es zu einem gewaltlosen Widerstand kommt, wird es sehr beschämend für Israel. Stellen Sie sich vor, es werden 1600 Siedler-Häuser gebaut und die Palästinenser sagen, sie wollen dennoch Frieden. Es gibt keinen Terror und keine Gewalt – dann sitzt Israel in der Klemme. Wenn ich Berater der Palästinenser wäre, würde ich ihnen raten: Agiert gewaltlos, konzentriert den Widerstand auf Jerusalem und baut derweil eigene Strukturen wie die Börse in Ramallah auf.

The European: Glauben Sie im Ernst, dass Israel das überhaupt bemerken würde, wenn es diesen gewaltlosen, friedlichen Widerstand gäbe?
Burg: Das ist eine sehr radikale Waffe. Wir Israelis sind gute Geschäftsleute, und wir erleben bereits jetzt die Effekte eines Boykotts. Plötzlich ist es für israelische Unternehmen schwierig zu exportieren. Das spüren die Firmen sofort. Und die palästinensische Linke in westlichen Ländern wie Großbritannien übt zusätzlichen Druck auf Israel aus.

“Abbas könnte der palästinensische Nelson Mandela werden”

The European: Und wer soll bei dieser gewaltlosen Intifada den palästinensischen Mahatma Gandhi spielen?
Burg: Es gibt doch genügend Leute, die eine Lösung suchen. Jemand wie Mahmud Abbas ist doch ein echter Friedensstifter, und er erhält zunehmend Rückhalt in der Bevölkerung. Oder auch der Häftling Marwan Barghuti: Er könnte der palästinensische Nelson Mandela werden. Er sollte jedoch vielleicht noch ein wenig länger im Gefängnis bleiben. Es mag schlecht für sein Familienleben sein, aber politisch ist es für ihn besser, noch ein paar Jahre dort zu bleiben. So wird er zum großen Führer.

The European: Da wird die Hamas aber sicher auch noch ein Wörtchen mitreden wollen …
Burg: Mit der Hamas sollten wir ebenfalls sprechen. Die Extremisten von heute sind schließlich die Moderaten von morgen. Warum sollten wir zehn Jahre warten, bis El Kaida kommt und wir dann Hamas vermissen? In der Vergangenheit haben wir auch über lange Zeit nicht mit der PLO gesprochen. Dann kam die Hamas, und wir haben plötzlich nach der PLO gesucht: PLO, wo bist du, wenn wir dich brauchen? Dasselbe passiert nun mit der Hamas. Wir sollten daher lieber jetzt mit ihr kooperieren.

The European: Obwohl die Hamas vom Iran finanziert wird, der das erklärte Ziel ausgegeben hat, Israel zu vernichten? Es gibt Stimmen, die stattdessen fordern, Israel solle dem Iran lieber zuvorkommen und von sich aus angreifen.
Burg: Die Leute denken zu wenig über die strategischen Folgen nach. Einen Krieg anzufangen wäre ein Schreckensszenario für uns und die muslimische Welt. So sehr viele sunnitische Regime insgeheim auch wünschen mögen, dass wir Juden die Schiiten schlagen, so sicher ist, dass wir dann einen Krieg mit der kompletten muslimischen Welt hätten. Denn dann ginge es nicht mehr um Regime, sondern um die Massen auf den Straßen. Im Übrigen glaube ich gar nicht, dass die Iraner die Bombe auch tatsächlich nutzen würden. Wir sollten uns daher an den Gedanken eines nuklearen Iran gewöhnen oder besser noch: selbst mit der nuklearen Abrüstung beginnen. Bis in die 60er-Jahre waren Israels Atomwaffen vielleicht ein wichtiger strategischer Vorteil – aber heute werden sie zunehmend zur Belastung.

“Ein israelischer und ein palästinensischer Staat müssten in einer Art Benelux-Konzept miteinander verbunden bleiben”

The European: Als eine weitere Belastung im Friedensprozess wird mitunter genannt, dass Israel – trotz seiner ansteigenden arabischen Bevölkerung – ein demokratischer und zugleich jüdischer Staat bleiben will. Was ist letztlich wichtiger?
Burg: Ich hasse diese Frage. Das ist doch eine Angst machende Politik. Ich bin mir nicht sicher, ob ein jüdischer und demokratischer Staat wirklich eine so gute Sache ist. In einer Demokratie sind die Bürger die Quelle der Autorität. In einem jüdischen Staat ist die Quelle der Autorität Gott. Was ist nun die Quelle der Autorität in einem jüdischen, demokratischen Staat? Gott oder die Bürger? Ich danke wirklich den Arabern, die uns bekämpfen, sodass wir uns nicht mit unseren eigenen Problemen herumschlagen müssen. Wenn jedoch eines Tages die Tragödie über uns hereinbricht und die Araber zum Frieden bereit sind, wird sofort der Konflikt zwischen Staat und Kirche über uns hereinbrechen.

The European: Wie würde sich dann die arabische Bevölkerung innerhalb Israels verhalten, die immerhin 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht?
Burg: Diese israelischen Araber werden den US-amerikanischen Juden ähnlich werden: mit einer gefühlten Heimat einerseits und einer nominellen Heimat andererseits. Damit sie in ihrer Loyalität nicht innerlich zerrissen werden, werden sie alles tun, damit ihre beiden Staaten sich nicht streiten.

The European: Vielleicht würden diese Araber auch lieber ihren eigenen Staat gründen?
Burg: Ein israelischer und ein palästinensischer Staat müssten in einer Art Benelux-Konzept miteinander verbunden bleiben und kooperieren. Denn auf einem so kleinen Gebiet können wir in der Tat keine zwei voll autonomen Staaten haben. Wir brauchen Koordinierung über Umweltbelange, Abwasser, Straßen, Elektrizität, Energie und Politik. Daher brauchen wir eine übergeordnete Struktur, eine Art Föderation.

The European: Das klingt alles noch sehr weit weg. Was schlagen Sie vor, damit es so weit kommen kann?
Burg: Sollte es jemals eine Lösung zwischen den Palästinensern und uns geben, ist sie sehr einfach: die Grenze von 1967. Es ist definitiv möglich, sich aus der Westbank zurückzuziehen. Was wir jenseits dieser Grenze aber an Land nicht zurückgeben können, zum Beispiel weil wir da gebaut haben, müssen wir den Palästinensern an anderer Stelle, zum Beispiel an der Grenze zu Gaza, als Ausgleich wieder zurückgeben. Lasst uns den israelischen Kolonialismus in der Westbank beenden.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Emmanuel Nahshon: „Wir sind eine Insel der Demokratie im Ozean der Veränderung“

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