Dem Schiedsrichter zu widersprechen, das ist, wie wenn man in der Kirche aufsteht und eine Diskussion verlangt. Dieter Hildebrandt

„People Are People“

Austin Lynch und sein Partner Jason S. sind im vergangenen Herbst sechs Wochen lang durch Deutschland gefahren und haben fünfzig Menschen auf der Straße interviewt. Das Interview Project Germany zeichnet ein leicht düsteres, nachdenkliches Bild von Deutschland und seinen Menschen – auch wenn das nicht die Intention der beiden Filmemacher war, wie sie selbst im Interview mit Nina Anika Klotz sagen.

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The European: Wieso gerade Deutschland?
Jason S: Eigentlich wollen wir das „Interview Project“ in alle Welt tragen. Es ist Zufall, dass Deutschland das zweite Land nach den USA wurde. Es hätte auch jedes andere Land sein können, nur fanden wir hier durch einen gemeinsamen Freund als Erstes einen Sponsor. Das wiederum mag an der wirtschaftlichen Lage von Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern liegen.

The European: Was haben Sie bei Ihrer Arbeit in Deutschland über dieses Land erfahren oder gelernt?
Jason S: Das will jeder immer wissen. Jeder will immer wissen, was der Film über Deutschland aussagt, wie Deutschland wirklich ist. Doch darum geht es bei „Interview Project Germany“ eigentlich gar nicht. Es geht um Menschen – und nicht um Nationalitäten oder Länder. Im Grunde ist es das, was ich bei dem Projekt gelernt habe: people are people – Menschen sind wie sie sind, überall auf der Welt. Wir sollten also versuchen, besser miteinander klarzukommen. Wir sind so gleich.

Lynch: Ich war zum ersten Mal in Deutschland und ich habe jede Menge persönlicher Erinnerungen und Erfahrungen in den sechs Wochen gemacht, in denen ich hier war. Aber was „Interview Project Germany“ betrifft, hat Jason schon recht: Es ging nicht um das Land, sondern um die Menschen, mit denen wir gesprochen haben und denen wir zugehört haben.

Jason S: Es gibt ein Thema, das die Deutschen in unseren Interviews sehr oft ansprachen und das bei den Amerikanern natürlich keine Rolle gespielt hat, und das ist die deutsche Wiedervereinigung. Abgesehen davon aber antworten die Menschen in Deutschland und in den USA irgendwie immer dasselbe, wenn man sie nach ihrem Leben fragt. Sie erzählen von Todesfällen und Schicksalsschlägen, vom Heiraten und Kinderkriegen, von ihren Träumen und ihren Ängsten. All das scheint überall auf der Welt gleich zu sein.

„Ost und West haben unterschiedliche Themen“

The European: Haben Sie einen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland gespürt?
Jason S: Ja. Meiner Meinung gab es unterschiedliche Themen, über die die Menschen in Ost- und Westdeutschland gesprochen haben. Die Ostdeutschen hatten alle tiefgründige Geschichten über die Wiedervereinigung zu erzählen. Ihre Leben haben sich an diesem Punkt der Geschichte grundlegend verändert. In Westdeutschland mussten die Menschen selbst sich nicht so sehr verändern. Während unseres Roadtrips gab es auch mal einen düsteren Herbsttag, an dem wir eine einspurige Straße entlanggefahren sind und plötzlich konnten wir ganz deutlich spüren, dass wir gerade vom Westen in den Osten gekommen waren. Es war ein dunkles Gefühl irgendwie.

The European: Inwiefern haben sich die interviewten Deutschen von den interviewten Amerikanern unterschieden?
Jason S: Das Interviewen an sich war natürlich schon etwas anderes für Austin und mich: Keiner von uns spricht Deutsch. Also baten wir die Filmemacherin Judith Keil, die Interviews für uns zu führen. Der Prozess war aber an sich derselbe: Wir stiegen aus dem Auto aus, gingen auf die Leute zu, fragten, ob sie Zeit und Lust für ein Interview hätten. Und da war es dann bei Amerikanern und Deutschen gleich: Wenn jemand dazu erst mal Ja gesagt hatte, dann waren alle Dämme offen, dann erzählte er oder sie uns ihre Geschichte – komplett.

Lynch: Der einzige Unterschied: In den USA haben wir 150 Menschen gefragt, ob sie sich interviewen lassen, 121 haben Ja gesagt. In Deutschland haben wir 100 Leute gefragt, und 50 Interviews bekommen.

The European: Das, finde ich, sind eigentlich schon recht viele. Sind Sie nicht auch manchmal überrascht, wie viele Menschen bereit sind, sich vor Ihrer Kamera zu öffnen?
Lynch: Doch, absolut! Ich war schon in den USA total überrascht und ich bin hier in Deutschland überrascht, wie viele Menschen ihre Geschichten mit uns teilen, zumal man uns im Vorfeld natürlich gesagt hat, dass es schwieriger werden würde, in Deutschland Menschen zu finden als in den USA. Diese Menschen haben nicht nur 30 bis 45 Minuten mit uns gesprochen, sondern was sie uns erzählt haben, war so bedeutungsvoll und mächtig. Und das macht dieses Projekt so spannend.

„Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen“

The European: Gab es einen deutschen Interviewpartner, der Sie besonders bewegt hat, dessen Geschichte sich in Ihre Erinnerung eingebrannt hat?
Lynch: Ich glaube, es wäre verkehrt, hier ein Interview im Speziellen herauszuheben. Denn genau darum geht es in diesem Projekt: Jeder Mensch hat eine interessante Geschichte zu erzählen, wenn man nur mal danach fragt und ihm zuhört. Jeder.

The European: Mir ist aufgefallen, dass viele der Interviews einen recht traurigen Ton haben. Die Menschen, die Sie getroffen haben, haben mehrheitlich ein ziemlich hartes Schicksal, wie es scheint. War das Ihre Intention?
Jason S: Nein, überhaupt nicht. Ich finde die Interviews auch nicht alle traurig. Klar treffen wir mit unseren Fragen wie „Wie ist Ihr Leben bisher verlaufen“ oder „Wie war Ihre Kindheit“ einen gewissen Nerv. Wir stoßen immer auf Gefühle. Aber das sind manchmal auch schöne Gefühle oder Hoffnung. Man muss natürlich dazusagen: Wir sind an ganz normalen Werktagen zwischen acht und 18 Uhr unterwegs gewesen. Man muss nun auch überlegen, wer zu dieser Zeit draußen ist und Zeit für ein einstündiges Interview hat. Das sind nicht die Menschen, die eine steile Karriere hingelegt haben und die in den bestbezahlten Jobs sind, verstehen Sie? Das sind eben Menschen, die ein Leben abseits der perfekten Norm haben. Und die vielleicht mehr traurige Geschichten zu erzählen haben als andere.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Helge Schneider: „Der Ursprung des Humors liegt im Banalen“

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