Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht. Ursula von der Leyen

Strategie versus Weisheit

Steigende Flüchtlingszahlen, grassierende Konflikte, wachsende Gewalt weltweit. Es scheint so, als militärisch-strategisches Handeln einen Antagonismus zur Weisheit bildet. Wege aus der Krise sind gefragt. Einen Lösungsansatz könnte die abendländische Musik, könnte die abendländische Harmonielehre liefern. Ihr überkonfessioneller ethischer Gehalt bildet einen Grundstein europäischer Identität.

Die Existenz des Menschen ist als Leben in einem geschlossenen Naturkreislauf beschreibbar. Unser Körper besteht aus chemischen Elementen unserer Umwelt, und nur der beständige stoffliche Austausch mit diesen Elementen über Atmung und Stoffwechsel erhält uns am Leben. Von daher sind wir dazu gezwungen, für unseren Lebensunterhalt Sorge zu tragen und hierfür strategische Vorteile zu nutzen. Diese Aufgabe und Vorgehensweise teilen wir mit allen anderen Lebewesen. Aufgrund der besonderen Entwicklung des Großhirns war es dem Menschen möglich, an die Spitze der Nahrungskette zu gelangen. Dieser Standort ist mit besonderer Verantwortung verbunden.

Die Erkenntnis, sich nicht nur im eigenen Körper, sondern ebenso in Bezug auf die chemischen Elemente des Planeten und des Kosmos in einem geschlossenen System zu befinden, führt zu der Einsicht, dass dem strategischen Denken irgendwann Grenzen gesetzt werden müssen, damit die natürlichen strategischen Rahmenbedingungen, die das Leben ermöglichen, erhalten bleiben. Die Geschlossenheit des Systems hat unter anderem mit der Kugelform der Erde zu tun. Handelte es sich bei dem uns zugänglichen Lebensraum um eine den gesamten Kosmos durchziehende und auf zahlreiche Planeten verteilte Landmasse, könnten ständig neue Kontinente in Besitz genommen werden und niemand bräuchte sich um den Funktionserhalt eines Kreislaufs zu kümmern. Doch die Realität sieht anders aus.

Die Fähigkeit, strategischem Denken unter bewusstem Verzicht auf kurzfristigen Vorteil Grenzen zu setzen, wird als Weisheit bezeichnet. Sie beinhaltet das vorausschauende Denken, die Sorge um das Wohlergehen der Mitmenschen inklusive künftiger Generationen und berücksichtigt sämtliche Faktoren, die zur Stabilität des Systems beitragen. Während strategisches Denken geschult werden kann, ist Weisheit eher eine Eigenschaft des Charakters. Gewiss lässt sich Weisheit gleichermaßen definieren und es lassen sich Lehrbeispiele aus der Geschichte heranziehen, anhand derer deutlich gemacht werden kann, welch fatale Folgen das Fehlen von Weisheit jeweils hatte. Unabhängig davon steht der Einzelne jedoch nahezu ständig vor der Entscheidung, ob er zum eigenen kurzfristigen Vorteil strategisch- oder zum allgemeinen nachhaltigen Vorteil synergetisch handeln will.

Schuldbewusstsein: Fehlanzeige!

Weisheit zu besitzen heißt demnach nicht, diese zu kennen, sondern weise zu handeln – und speziell angesichts der Aufgabe einer gerechten Güterverteilung offenbart sich sehr viel eher der Charakter als das Wissen. In den allermeisten Fällen dürfte als bekannt gelten, was zu tun ist, doch vor allem aus der Anonymität heraus wird gerne eigennützig gehandelt. Gelegenheit macht Diebe. Ein konsequenter Stratege bringt eine gefundene Brieftasche nicht zurück, da er den Vorteil des Augenblicks zu nutzen versteht. Strategie nutzt die Bauernschläue, die Heimtücke, die Undurchsichtigkeit, die suggestive Manipulation, die gestellte Falle sowie das Vortäuschen falscher Tatsachen. Die verniedlichenden Ausdrücke „Mogelpackung“ oder „Schummelsoftware“ sprechen für sich. Schuldbewusstsein: Fehlanzeige – auch beim hacking fremder Netzwerke – denn Schuld hat stets, wer nicht gewappnet ist. Die Übergänge zur Illegalität, zur Ausbeutung – zum Beispiel Kinderarbeit – bis hin zum Krieg sind fließend, denn immer stehen Existenzen auf dem Spiel. Die Natur macht es vor: für „loser“, Verlierer also, kennt sie nur die Todesstrafe mit anschließender Rückführung sämtlicher organischer Bestandteile in den natürlichen Kreislauf. Daher kommt der Begriff recycling – der also nicht in erster Linie mit Hausmüll, sondern mit uns selbst zu tun hat.

Demgegenüber findet sich Weisheit in allen Kulturen, Epochen, Bildungsschichten und Altersgruppen. Bei Machthabern, die ihr Ziel mit blanken strategischen Mitteln erreichten, ist sie kaum vertreten. Ebenso ist sie seltener bei gesellschaftlich ausgestoßenen Menschen zu finden. Da sie unter Leidensdruck stehen, tendieren sie dazu, sich anzueignen, was ihnen entzogen wurde. Hierfür benötigen sie Strategie, nicht Weisheit.

Generell ist Weisheit unattraktiv, da sie unmittelbare existenzielle Probleme nicht löst. In der Regel bleibt sie unbelohnt – und mehr noch: ihre konsumkritische Haltung wird als Wirtschafts- und Fortschrittsbremse – ja, als Geschäftsschädigung! – angesehen. Daher ist sie der Diffamierung ausgesetzt und ihre Argumente werden mit allen rhetorischen Mitteln bekämpft, sei es, dass sie als weltfremd bezeichnet, oder, wenn gar nichts mehr hilft, als fake-news abgetan werden. In strategischer Denkart heiligt der Zweck die Mittel. Steuern sollen doch andere bezahlen. Es ist eine alte Erkenntnis, dass Weisheit außer der Ignoranz keinen Feind hat: Sapientia non habet inimicum nisi ignorantem. Strategie macht also stark, Weisheit macht schwach. Daher ist sie allzu oft der Verlierer.

1,7 Billionen für Waffen

Obwohl unser Planet ein stattliches Alter von 4,6 Milliarden Jahren aufweist, ist der Begriff Globalisierung eine Wortschöpfung der 60er Jahre, als ob der Erdball seine Kugelgestalt erst vor kurzem erhalten hätte. Der Begriff bezeichnet den Globus, wie er schon lange vor dem Auftauchen der Menschheit existierte. Doch erst mit der Raumfahrt hat der homo sapiens einen Blick von außerhalb auf den blauen Planeten erhalten und mittels moderner Kommunikationsmittel auch die Möglichkeit, die Folgen seines Handelns am anderen Ende der Welt wahrzunehmen. Was er sieht, ist ausgesprochen komplex. Sieben Milliarden Menschen – Tendenz rasch steigend – stehen vor einer gewaltigen Aufgabe. Daher ist mancherorts ein Rückfall in nationalstaatliches Denken zu beobachten sowie die Tendenz, durch Mauern und Zäune lokale Vorteile wenigstens noch für die Dauer der eigenen Lebenszeit zu sichern. Politische Alleingänge weisen in dieselbe Richtung.

Blicken wir auf das vergangene Jahrhundert. Bei Lichte betrachtet war das atomare Kräftegleichgewicht – eine strategische Sackgasse, die Einzelnationen keine Überlegenheit mehr verschafft – sehr viel eher der Auslöser für eine partielle Beschränkung des Wettrüstens als Weisheit. Die Bedeutung des Exports konventioneller Waffen zeigt heute unvermindert, dass der wirtschaftliche Erfolg durch deren Herstellung und Verkauf noch immer weitaus höher bewertet wird als der mit denselben Produkten verursachbare Schaden – sofern er denn andernorts angerichtet wird, und um Himmels Willen bloss nicht im kulturellen Umfeld des Exporteurs! Die jährlichen globalen Ausgaben für Rüstungsgüter haben 1,7 Billionen US-Dollar erreicht und überschritten. Dem stehen 132 Milliarden US-Dollar für Entwicklungshilfe zuzüglich Freiwilligenarbeit und Spenden als Belege für weises Handeln gegenüber. Zur objektiven Bewertung derartiger Gegenüberstellungen wären allerdings Naturkatastrophen von menschengemachten Krisen mit entsprechenden Flüchtlingsbewegungen zu unterscheiden, denn strategische Vorteilnahme ist stets mit einer Destabilisierung an anderer Stelle verbunden, was in der Erfolgsbilanz der Waffenverkäufen zu berücksichtigen wäre.

Die verwendeten Begriffe „andernorts“ oder „an anderer Stelle“ sind in globaler Betrachtung natürlich barer Unsinn. Wäre es auch nur denkbar, Rüstungsbetriebe in ähnlicher Weise für entstandene Schäden durch Produktnutzung haftbar zu machen wie Automobilkonzerne, stünden wir vor einer gänzlich anderen Situation. Aus alldem wird ersichtlich, dass der Mensch vor die Aufgabe gestellt ist, Synergiefähigkeit zu entwickeln: Synergie mit der Natur und mit seinesgleichen. In historischer Rückschau haben sich viele kluge Köpfe darum bemüht, einen Modus zu finden, wie die Befähigung dazu geschult werden kann. Wie gesagt gibt es keine Erfolgsgarantie, doch einen Versuch ist es – insbesondere nach derben Rückschlägen – noch immer wert gewesen.

Ein Lösungsansatz: die Harmonielehre

Mit der abendländischen Harmonielehre hat Europa etwas Besonderes zu bieten. Abgesehen vom christlichen Symbolbezug, der an den Schulen gar nicht mehr unterrichtet wird, sind fünf Stufen definiert, die oberhalb der eigenen Meinung noch zu erklimmen sind. Dies sind: Nächstenliebe, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Feindesliebe und Weisheit. Es handelt sich um die oberen 5 von 7 Sprossen der Jakobsleiter auf dem Wege zu Gott, gespiegelt in den Tonbezeichnungen Ut, Re, Mi, Fa So, La und Si, die ihrerseits den Anfangssilben des Johannes-Hymnus entsprechen. Daher der Begriff Tonleiter. Gemäss Aurelius Augustinus sind es die Sieben Gaben des Heiligen Geistes, die die Stufen auf dem Wege zur Seligkeit darstellen. Aus diesem Grund kongruiert die Bezeichnung Oktav sowohl mit der Konsonanz als auch mit den acht Seligkeiten der Bergpredigt. Der christliche Symbolbezug ist für die frappante Unlogik des abendländischen Tonsystems verantwortlich.

Bezüglich des Brückenschlags zum Andersdenkenden sagt es einiges über die Selbsteinschätzung des Menschen aus, wenn es eines Heiligen Geistes bedarf, um Einsicht zu gewinnen und der Erkenntnis auch das Handeln folgen zu lassen. Zudem wird Tapferkeit verlangt, um – wie Aurelius Augustinus deutlich macht – die zu erwartenden Rückschläge verkraften zu können. Aus alldem spricht sehr viel Menschenkenntnis. Abendländische Musik hat einen ethischen Gehalt, noch bevor Musiker überhaupt daran gehen, ihre Instrumente zu stimmen und synergetisches Zusammenspiel einzuüben. Doch hat all dies – und hat Bildung überhaupt – einen Einfluss auf weises Handeln?

Yehudi Menuhin betonte gerne, dass von einer Musikschule gewöhnlich keine Kriminellen kämen, und er könnte damit Recht haben. Doch hat er sich je gefragt, wie viele Menschen mit kriminellem Potential eine Musikschule besuchen? Sei dem, wie es sei. Die Schulung des Menschen ist das einzige Mittel, das einer zivilen Gesellschaft zur Zukunftssicherung zur Verfügung steht. Daran zu sparen ist allemal ein Sparen am falschen Ende, zeigt jedoch, dass die Prioritäten woanders liegen. Schulung bedeutet, dass der Mensch zuerst einmal erlernen muss, mit sich selbst zurecht zu kommen – mit seinen fünf Sinnen und den beiden Analysemethoden des Geistes. Bereits hier ist in erheblichem Masse Synergiebereitschaft gefragt, wenn das ganze Potential menschlichen Denkens hinsichtlich Kausalität und Analogie genutzt werden soll. Dabei handelt es sich um nicht weniger als um das Potential des Andersdenkens im eigenen Kortex.

Die Menge der Gemeinsamkeiten

Die Übung im Abwägen verschiedener Sinneseindrücke und verschiedener Interpretationsmöglichkeiten derselben ermöglichen ein regelmäßiges Hinterfragen der eigenen Meinung. Dies vereinfacht den Umgang mit Zeitgenossen, die in einem anderen Umfeld aufgewachsen sind und eine andere Perspektive haben. Anders denken können sie im Grunde nicht. Insofern sind unversehens auch eine Menge von Gemeinsamkeiten zu entdecken. Die allzu frühe Spezialisierung auf kausal orientierte Fächer führt zu einer gefährlichen Unausgewogenheit und tendentiell zum Abbau empathischer Qualitäten, deren Bedeutung im Brief des Paulus an die Korinther wertschätzend und sachlich korrekt dargestellt wird (1 Kor. 13). Spiegelgleich wäre die Vernachlässigung der Rationalität sowie analytischer Qualitäten ebenso grob fahrlässig.

Anlässlich der Wahl politischer Entscheidungsträger wäre dem Faktor Weisheit größere Beachtung zu schenken – weniger der Polarisierung, denn am Ende ist es doch die Ausgewogenheit, die gefunden werden muss – auch jene zwischen Strategie und Weisheit. Generell gilt es, einsichtsorientiert zu handeln und unbequeme Fakten nicht einfach beiseite zu schieben. Die globalen Gesellschaften stehen vor einer Reihe von Reformen, die alle damit zu tun haben, strategischen Alleingängen den blinden Support zu entziehen und existenzielle Not durch verlässliche Unterstützung präventiv zu bekämpfen. In historischer Betrachtung gleicht diese Aufgabe einem Quantensprung, denn der technische Fortschritt verlief stets im Gefolge des Rüstungswettlaufs. Deutlicher Nachholbedarf – weltweit 65,6 Millionen Flüchtlinge belegen es – besteht jedoch hinsichtlich des zivilisatorischen Fortschritts, der auf andere Weise generiert wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, The European Redaktion, Michael Klonovsky .

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