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„Tolkien bietet mehr als banale Fantasy“

Bei den diesjährigen Oscars hat Der Hobbit zwar keinen Preis gewonnen, das Eintauchen in die fantastische Welt von Mittelerde lohnt sich aber trotzdem. Julia Korbik sprach mit Arnulf Krause, Autor von Die wirkliche Mittelerde, über Tolkiens Inspiration, die Einzigartigkeit Gollums und darüber, warum Der Herr der Ringe ein katholisches Werk ist.

The European: Herr Krause, seit Dezember 2012 läuft „Der Hobbit“ in den Kinos. Haben Sie sich den Film angeschaut?
Krause: Ja, und ich muss sagen: Er gefällt mir gut!

The European: Was hat Ihnen im Vergleich zum Buch denn besonders gut gefallen?
Krause: In erster Linie vergleiche ich nicht Film und Buch miteinander, sondern den „Hobbit“-Film mit den „Herr der Ringe“-Filmen. Und da bestehen ja durchaus viele Gemeinsamkeiten: Es wird zum Beispiel die gleiche Bildsprache bedient. Außerdem greift Regisseur Peter Jackson in beiden Verfilmungen auf die gleiche Text-Interpretation zurück.

The European: Text-Interpretation?
Krause: Es ist immer das Gleiche: Wenn man einen literarischen Text visualisiert, muss man ihn interpretieren, etwas Eigenes einbringen. Das gilt besonders bei J. R. R. Tolkien, denn der gibt zum Teil nur sehr wenige Beschreibungen vor. Die Interpretation hat mir bei Peter Jackson schon immer gut gefallen. Er greift sehr schön auf inselkeltische, germanische, altenglische und skandinavische Traditionen zurück und reichert diese dann stark mit Fantasy an.

The European: Auch beim „Hobbit“?
Krause: Ja, allerdings hatte Jackson bei diesem Film noch ein zusätzliches Problem: Tolkien hatte den „Hobbit“ ja ursprünglich als Kinderbuch geschrieben und gedacht – die Zwerge zum Beispiel kommen sehr putzig und amüsant rüber. Nun musste Jackson in der Verfilmung aber ein bisschen davon abrücken. „Der Hobbit“ sollte ja kein Kinderfilm werden. Also musste Jackson bei den Zwergen eine gewisse Heroisierung vornehmen. Sie wirken nun ernster. In einigen Situationen sind sie natürlich auch komisch – was problematisch war, denn sie sollen ja nicht an Gartenzwerge erinnern!

„Für Tolkien ist Mittelerde vor allem ein Sprachbegriff“

The European: In Ihrem Buch „Die wirkliche Mittelerde“ haben Sie sich ausführlich mit J. R. R. Tolkiens Universum beschäftigt. Sie schreiben, für Tolkien sei Mittelerde keine fiktive Welt. Das müssen Sie erklären.
Krause: Wichtig ist hier der Begriff Mittelerde – im Englischen „Middle-Earth“ –, auf den Tolkien sich stark bezieht. Das ist ein Begriff, der sich in den Überlieferungen der germanischen Völker findet: im Altenglischen, Althochdeutschen, Altsächsischen, in all diesen alten germanischen Sprachen. Außerdem existierte der Begriff auch im Altnordischen, also im Altisländischen des hohen Mittelalters: Eingedeutscht heißt es dort „Midgard“, also „Heim“ oder „Wohnsitz“ in der Mitte. Darauf bezog Tolkien sich, als er sagte: „Meine Mittelerde ist nicht fiktiv, denn sie greift auf die wirkliche Mittelerde zurück.“

The European: Indem Tolkien auf Sagen aus der „wirklichen“ Welt zurückgreift, macht er aus Mittelerde eine reale Welt?
Krause: Genau. Für Tolkien ist Mittelerde natürlich vor allem ein Sprachbegriff, sie hat also erst mal nichts mit Archäologie zu tun. Klar, wenn man da etwas findet, womit man die literarische Mittelerde mit Objekten, mit Leben füllen kann – umso besser. Aber die wirkliche Mittelerde ist für Tolkien ein sprachgeschichtlicher Aspekt. Er siedelt seine Mittelerde irgendwo in einer imaginären Zeit im Nordwesten Europas an. Im Großen und Ganzen sind das die britischen Inseln. Das heißt: Für Tolkien ist das eine ferne Vergangenheit, die wir historisch-wissenschaftlich nicht packen können. Diese ferne Vergangenheit ist ein literarisch-poetisches Konstrukt. Trotzdem greift Tolkien auf historische Elemente zurück, zum Beispiel auf Mythenüberlieferungen.

The European: Was zeichnete die „wirkliche“ Mittelerde Tolkiens aus?
Krause: Geografisch ist die historische Mittelerde, wie bereits erwähnt, auf den britischen Inseln anzusiedeln. Allerdings spielten die Vormütter und Vorväter der Engländer für Tolkien eine ganz entscheidende Rolle. Die Angelsachsen sind ja ursprünglich norddeutsche bzw. dänische Stämme – Sachsen, Angeln und Jüten –, die auf die britische Hauptinsel eingewandert waren. In meinem Buch beschäftige ich mich aber auch mit keltischen Einflüssen, und vor allem – das war Tolkien sehr wichtig – mit der Geschichte Skandinaviens, insbesondere der Wikinger-Zeit. Tolkien geht es nicht so sehr um reale Geschichten in Form von Herrscher-Listen und Ähnlichem, sondern um Vorstellungen, Glauben und Erzählstoffe dieser Völker. Die Mythen kann man alle im frühen Mittelalter ansiedeln, also ab dem 5. Jahrhundert und den folgenden 500 Jahren. Ich denke, das deckt sich mit Tolkiens Vorstellungen der wirklichen Mittelerde.

„Das Ganze hat eine historische Tiefe“

The European: Was die Einflüsse aus der Sagen- und Mythenwelt der historischen Mittelerde betrifft: Da spielt die Geschichte von „Beowulf“ eine wichtige Rolle.
Krause: „Beowulf“, ein altenglisches Epos, war im Prinzip Tolkiens Paradetext. Ihm schenkte er als Wissenschaftler am meisten Aufmerksamkeit und beherrschte ihn quasi aus dem Effeff. Zum Einfluss von „Beowulf“ auf Tolkien lässt sich vieles sagen. Die Reiterkrieger von Rohan sind beispielsweise sehr stark an den altenglischen Figuren des „Beowulf“ orientiert. Ein anderes Beispiel wäre die Geschichte mit dem Drachen Smaug im „Hobbit“.

The European: Welche Parallelen bestehen hier?
Krause: Der Drache liegt in einem einsamen Berg auf seinem gestohlenen Schatz. Dann kommt jemand – in Tolkiens Fall eben Bilbo Beutlin – und raubt ihm einen Gegenstand, woraufhin der Drache erwacht, ungeheuer böse um den Berg herumfliegt und das ganze Land verwüstet. Genau diese Geschichte findet sich so in „Beowulf“. Dort ist der Drache zwar nicht so personalisiert, er hat keinen Namen. Aber er verwüstet das Land und man muss gegen ihn kämpfen.

The European: Abgesehen von konkreten Charakteren und Handlungssträngen: Hatte die Sage von „Beowulf“ auch Einfluss auf Tolkiens Stil?
Krause: Tatsächlich kommt noch etwas Grundsätzliches dazu: Tolkiens Fantasy-Welt hat eine ungeheure Tiefe. Man merkt das schon, wenn man den „Hobbit“ liest, vom „Herrn der Ringe“ ganz zu schweigen. Stets wird auf andere Zeitalter angespielt, auf eine ferne, nicht immer greifbare Vergangenheit. Das Ganze hat also eine historische Tiefe und über diese landet man dann wieder in der wirklichen Mittelerde mit ihrer Sagen- und Mythenwelt. Gerade im „Herrn der Ringe“ kann man sich auf die Suche nach solchen Geschichten begeben, nach fernen Motiven und Legenden.

The European: Und das ist bei „Beowulf“ genauso?
Krause: Ja. Im Prinzip gibt es dort zwei Geschichten: Der Held Beowulf kämpft einmal gegen zwei Moorungeheuer, welche er tötet, und dann gegen den erwähnten Drachen, wobei der Held selber den Tod findet. Zwischendurch werden immer wieder Geschichten erzählt, Sagenfetzen erwähnt. Diese Art zu erzählen, ereignisreich und immer wieder mit Erzählepisoden, hat Tolkien übernommen.

„Wir können uns alle in den Figuren finden“

The European: Um noch einmal auf die Charaktere zurückzukommen: Tolkiens Lieblingsfiguren waren die Elben, er selbst identifizierte sich allerdings eher mit den Hobbits. Wie sieht es da bei Ihnen aus?
Krause: Ach, die Hobbits sind schon ein gemütliches Völkchen. Ich sehe bei mir durchaus Ähnlichkeiten mit einem Hobbit, bin aber zu groß dafür. Es gibt natürlich diese innere Affinität – Hobbits eignen sich ja als Widerspiegelung des ländlichen Engländers, der eigentlich seine Ruhe und Gemütlichkeit haben will. Und selbst so ein geschwätziger und nicht mal unsympathischer Drache wie Smaug kann einen ansprechen. Tolkien – das finde ich äußerst sympathisch – hat mal gesagt, er sei eitel wie ein Drache. Ich glaube, wir können uns alle in den Figuren finden. Für mich könnte vielleicht gelten: eitel wie ein Drache, gemütlich wie ein Hobbit, klug und weise wie der Zauberer Gandalf – Letzteres ist eher ein Wunschtraum. Natürlich tauchen auch heroische Krieger und Kriegerinnen auf. Und Gollum – diese Zerrissenheit zwischen Gut und Böse!

The European: Gerade Gollum ist tatsächlich eine sehr interessante Figur: Entfernt Tolkien sich hier nicht am weitesten vom Sagenschatz der wirklichen Mittelerde?
Krause: Ja, Gollum ist in dieser Zerrissenheit schon sehr modern angelegt. Das ist umso bemerkenswerter, als Tolkien ein konservativer Engländer mit einem konservativen Gesellschaftsbild war. Gleichwohl war er ein Mensch der Moderne: „Der Hobbit“ und „Herr der Ringe“ sind um 1940/50 geschrieben worden und in ihnen finden sich natürlich moderne Einflüsse. Gerade wie Tolkien einen Charakter wie Gollum in seiner Zerrissenheit und in seiner Vielschichtigkeit darstellt, ist für mich modern. In den mittelalterlichen Literaturen findet sich das in dieser Deutlichkeit nämlich nicht.

The European: Wenn es in Ihrem Buch um „das Böse“, also hauptsächlich Sauron, geht, geben Sie nur wenige historische Hinweise an.
Krause: Man kann da viel spekulieren. Tolkien war ja nun bekennender gläubiger Katholik und er hat interessanterweise gesagt, „Herr der Ringe“ sei für ihn ein katholisches Werk.

The European: Inwiefern?
Krause: Unter anderem eben auch durch dieses absolut Böse Saurons, das sich in der germanischen Mythenwelt so nicht findet. Für mich zeigen sich da ganz eindeutige christliche Einflüsse. Dabei kommen in Tolkiens Romanen Götter überhaupt nicht vor. Aber Eingeweihte, die zum Beispiel „Das Silmarillion“ gelesen haben, wissen, dass es schon so etwas wie einen ursprünglichen Schöpfergott gibt und poetisch verarbeitete christliche Grundsagen, die eine Rolle spielen.

„Man kann die Verbindung von Fantasy und Wissenschaft nicht als Forderung aufstellen“

The European: Sie schreiben: „In Tolkiens Gedankenwelt bildeten Wissenschaft und Fantasy eine Einheit.“ Sollte Fantasy sich idealerweise an der Wissenschaft orientieren, damit gute Literatur entsteht?
Krause: Nein. Fantasy kann man literarisch und poetisch gestalten, wie man will – die einen machen’s besser, die anderen schlechter. Aber: Keiner verknüpft das Ganze so stringent wie Tolkien. Der hatte eben dieses wissenschaftliche Wissen, das in sein Schreiben mit einfloss. Das ist allerdings sein ganz eigener Stil, weshalb man die Verbindung von Fantasy und Wissenschaft nicht als Forderung aufstellen kann. Tolkien hat diese Einzigartigkeit, die ich so noch nirgendwo gefunden habe.

The European: Entzaubert es Mittelerde nicht ein wenig, wenn sich so vieles auf unsere Welt zurückführen lässt, es also diese Verbindung von Wissenschaft und Fantasy gibt?
Krause: Ich glaube, da kommen die wenigsten drauf. Man muss doch schon sehr viel Vorwissen haben. Generell: Das ist ja keine Collage, Tolkien kleistert nichts zusammen. Er greift Motive und Figuren auf und spinnt den Faden weiter fort. Für mich – das hat mir erfreulicherweise auch mal ein Rezensent unterstellt – ist das einfach ein Weiterarbeiten an den alten Mythen. Natürlich in Form der modernen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die wissenschaftlichen Aspekte schmälern in keinster Weise Tolkiens literarische Leistung.

The European: Was fasziniert seit Jahrzehnten so viele Menschen an Mittelerde? Fantasy-Epen gibt es doch mittlerweile reichlich.
Krause: Schwer zu sagen. Die Tradition spielt sicherlich eine Rolle: In den 1970er-Jahren nahm sich ein deutscher Verlag mit seiner Hobbit Press dem Werk Tolkiens an. Dieses hat dann seine Anhänger, seine begeisterten Leser, gefunden. Es gab also einen engagierten Verlag, der das Werk über Jahrzehnte immer wieder angeboten hat. Hinzu kommen die bei der Fangemeinde insgesamt gut angenommenen Verfilmungen Peter Jacksons – das pusht natürlich unheimlich. Trotzdem reicht das allein aber nicht.

The European: Was kommt noch hinzu?
Krause: Tolkien bietet eben nicht nur eine relativ banale Fantasywelt. Nein, er hat vor allem seine literarischen Qualitäten. Die Figurengestaltung, insbesondere von Gollum, ist intelligent, die Charaktere sind nicht platt angelegt. Man denke beispielsweise an Frodo, der vom Ring versucht wird. Oder Sam Gamdschie, das ist ja auch ein ganz eigener Charakter. Was Tolkien bietet, ist durchaus gute Literatur. Er war der Erste, der eine Welt so ausgesponnen, so erweitert hat. Er hat eine große, literarische Welt erschaffen – quasi einen Auto-Mythos, also einen selbst erschaffenen Mythos mit einer ungeheuren Tiefe. Und das begeistert Leser und Kinogänger wie mich immer wieder aufs Neue.

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